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Jagdszenen aus Niederbayern

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Jagdszenen aus Niederbayern

Spielstätte: Haupthaus

von Martin Sperr
Stück in 17 Bildern
Khodadadian/Gretler/Mittler/Winde/Egger
Premiere: 17. Februar 2012

Spielstätte: Haupthaus

Es ist Nachkriegszeit. Ruhe ist wieder eingekehrt in Reinöd, Niederbayern. Doch die Dorfidylle ist trügerisch: Die Rückkehr des homosexuellen Abram aus dem Gefängnis setzt einen Mechanismus von barbarischer Gewalt in Gang. Die Dörfler beschließen seine neuerliche Vertreibung, umkreisen, bedrohen, verfolgen ihn. Eine Außenseiterin ist auch Barbara, seine Mutter, eine Tagelöhnerin, die froh um einen Ort wäre, an dem sie bleiben könnte. Ein Schandfleck ist die Bäuerin Maria, die mit ihrem Knecht zusammenlebt, obwohl ihr im Krieg vermisster Mann noch nicht für tot erklärt wurde. Als „Dorftrottel" stigmatisiert ist Rovo, ihr verhaltensgestörter Sohn. Und die Magd Tonka wird als Hure gebrandmarkt. Doch die Schwachen lassen Solidarität untereinander vermissen: Aus Verzweiflung und um lästigem Gerede zu entgehen, lässt sich Abram mit Tonka ein, die von ihm schwanger wird. Er ersticht sie in blinder Wut, als sie ihn zu erpressen versucht. Die Metzgerin denunziert Abram, mit der Behauptung, er habe sich an Rovo vergangen. Die Anschuldigungen machen Abram zum Freiwild. Eine Prämie wird auf seinen Kopf ausgesetzt, die Dörfler gehen auf die Jagd ...

Latente Gewalt, die hinter scheinbar normaler Alltäglichkeit lauert. Regeln und Gesetze, die die Menschen zu einer dumpfen, hermetisch abgeschlossenen Gemeinschaft zusammenschweißen. Die Bedrohlichkeit alles Fremden, das erbarmungslos ausgegrenzt, gejagt und zur Strecke gebracht wird. Keine der Figuren stellt die Werte des Dorfes in Frage, auch nicht die Außenseiter: Die Gejagten sind, wenn sie erst zu den Jägern gehören, genauso schlimm wie die Jäger.

Jagdszenen aus Niederbayern, 1965 entstanden, war das erste einer Reihe von „sozialkritischen Volksstücken", die sich mit unbewältigter Vergangenheit und alltäglichem Faschismus auseinandersetzten, und ist heute so aktuell wie 1966, dem Jahr der Bremer Uraufführung (die österreichische Erstaufführung fand 1974 am Volkstheater statt). Jagdszenen aus Niederbayern brachte dem Autor neben dem Förderpreis des Gerhart-Hauptmann-Preises den Durchbruch auf deutschsprachigen Bühnen und stellten ihn in eine Reihe mit Büchner, Fleisser und Horváth.

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  • Regie und Ausstattung

    Regie: Schirin Khodadadian
    Bühne: Hugo Gretler
    Kostüme: Carolin Mittler
    Musik: Johannes Winde
    Licht: Hans Egger
    Dramaturgie: Hans Mrak

  • Besetzung

    Barbara, Tagelöhnerin  Claudia Sabitzer
    Abram, ihr Sohn  Simon Mantei
    Tonka, Dienstmädchen  Nanette Waidmann  
    Maria, Bäuerin  Martina Stilp
    Rovo, ihr Sohn  Robert Prinzler
    Volker, Marias Knecht  Günter Franzmeier
    Der Bürgermeister, Großbauer  Erwin Ebenbauer
    Georg, sein Knecht  Patrick O. Beck
    Zenta, Tagelöhnerin  Wiltrud Schreiner
    Die Metzgerin  Heike Kretschmer
    Knocherl,
    Totengräber und Gemeindearbeiter
     Günther Wiederschwinger
    Paula, Bürogehilfin in Landshut  Nina Horváth
    Der Pfarrer/Der Kriminalinspektor  Alexander Lhotzky
    Zwei Jungen  Komparserie

  • Pressestimmen

    „Über die Verrohung einer dörflichen Gemeinschaft erzählen Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern": eine feine Inszenierung von Schirin Khodadadian, die Abgründe ungerührt zeigt
    Sperr (1944-2002) galt als einer der symbolischen Ziehsöhne der großen bayerischen Stückeschreiberin Marieluise Fleißer. Er verstand es nicht nur, den Leuten aufs Maul zu schauen, er besaß einen tiefer reichenden sozialpsychologischen Röntgenblick. Seine Jagdszenen nehmen sich aus dem Abstand von einem halben Jahrhundert wie eine Illustration zu Elias Canettis Massenpsychologie aus: Rechtschaffene Menschen bilden nichtiger Anlässe wegen Hetzmeuten.
    Das ganze Gemeinwesen gleicht einer offenen Baustelle: Eine Verbundbaracke mit Wohndach und finsteren Durchblicken (Bühne: Hugo Gretler) nötigt die Dörfler zum Sozialsein. Rückzugsräume sind in Schirin Khodadadians präzise inszenierter Aufarbeitung eines Kriminalfalls keine vorgesehen. Auf den fettglänzenden Zügen der Frauen, die in Fleischerkübeln wühlen, während Tierblut an der Wand verstrichen wird, äußert sich Genugtuung: Das allgemeine Moralempfinden hat endlich ein Opferlamm ausgespäht.
    Es gehört zu den vielen Vorzügen dieser Aufführung, dass sie die Opfer benennt, sich für die "Täter" aber interessiert. Abram, in seiner brütenden Ruhe bereits ein städtisch infizierter Kopf, sticht heraus aus der Stirnreihe der lauernden Landarbeiter. In Wahrheit ist die Ordnung aus den Fugen: Wild schnaubend scheitert Knecht Volker (Günter Franzmeier) am Sägen einfacher Holzlatten. Khodadadian denunziert niemanden. Sie zeigt die unausgeschöpften Potenziale abgenutzter Menschen, denen jeder Versuch der Zuwendung auf das grässlichste missrät.
    Und so gehört der verwitweten Bäuerin Maria (Martina Stilp) und ihrem Volker die trostlos-schönste Liebesgeschichte. Sie schirmt ihr Herz mit einem Panzer aus Unleidlichkeit. Er grämt sich unsäglich wegen seines steifen Beins und vergeht sich an Tonka (Nanette Weidmann), die wiederum von Abram schwanger ist. Marias angeblich blöder Sohn (Robert Prinzler) ist ein feinhöriger Exzentriker mit Haartolle, der das Gras wachsen und den Krieg toben hört. Das Stück spielt "nach der Währungsreform". Es ist trotzdem kein Friedens-, sondern ein Kriegsstück, in dem ein vielstimmiges Ensemble von der Verkommenheit der Welt erzählt. Ein Mädchen muss sterben, ein "Andersartiger" wird im Gefängnis verräumt.
    Teils heftiger Applaus für das Wiener Volkstheater, das zu seiner Sprödigkeit steht und zu sich selbst gefunden hat." (Der Standard)

    „In 17 kargen Szenen erzählt Sperr, wie sich eine Dorfgemeinschaft ihrer Außenseiter entledigt: Der "Dorftrottel" wird in den Selbstmord getrieben, und der Homosexuelle zum Mord an der "Hure". Die Handlung spielt nach dem Krieg und zeigt, dass sich die Mechanismen, die zur Katastrophe führen nicht ändern: Dumpfe Angst vor dem Fremden, Unerklärlichen in einem selbst führt zur Gewalt gegen "die anderen".
    Die Schauspieler - stellvertretend seien hier Simon Mantei als schwuler Abram, Robert Prinzler als geistig kranker Rovo, Martina Stilp als seine Mutter oder Günter Franzmeier genannt - geben alles, das Ensemble ist stark.
    Fazit: Statische, beklemmende Bilder
    Regie: Sie betont das Statische, Holzschnittartige der Geschichte: Das Dorf als Organismus, der Unverdauliches abstößt. So entstehen starke, beklemmende Bilder.
    Spiel: es gibt starke Momente. Gute Ensembleleistung!" (Kurier)

    „Der Lehrersohn Martin Sperr (1944-2002) hat in den „Jagdszenen" auch seine eigenen Erfahrungen abgebildet. Gelungen ist ihm ein „Kult-Wut-Stück", das große Interpreten fand: Therese Giehse, Ruth Drexel, Hans Brenner, im Film (1969) spielten Angela Winkler und Hanna Schygulla.Es ist nur wenig übertrieben zu sagen, dass das Volkstheater, wo „Die Jagdszenen" seit Freitag zu sehen sind, ein Ensemble aufbietet, das diesen Stars gewachsen wäre.
    Simon Mantei brilliert als Abram beinahe gegen die grässliche Meute. Nanette Waidmann spielt wieder eines ihrer irren, rebellischen Mädchen. Claudia Sabitzer zeigt eine weitere Facette ihrer erfreulichen Vielseitigkeit als Tagelöhnerin Barbara, die ihren Sohn verleugnet, weil sie nicht schuld sein will an dessen „Verirrungen", die ihrer „Erziehung" angelastet werden." (Die Presse)

    „Ob im Bauerndorf, in der Siedlung, im Hochhaus: Wer homophiler Neigung verdächtigt wird, zieht auch heute Aggression auf sich - und sogar Gewalt selbstgerechter Sozialpolizisten. Martin Sperr bestimmte das Dorf Reinöd (nahe Landshut) im Jahr 1948 als Schauplatz.Doch Schirin Khodadadians Regie enthebt das Geschehen der alten Zeit sowie dessen realem Ort. Für die 17 Szenen stellt Hugo Gretler einen Meter über dem Bühnenboden eine Simultankulisse als unfertige Baustelle. Diese flächige Simultanbühne schafft keinen tiefen Spielraum, aber überzeugt als Symbolbild. Es will sagen: Lasst euch nicht von der nachgerade urbanen Modernisierung täuschen, die Dorfgesellschaft bleibt, wie sie war - dumpf, brutal, mörderisch gerecht.
    Die in vielen deutschen Stadttheatern schon erfolgreiche Regisseurin (mit Wurzeln in Iran) verstärkt den Terror der Dorfmehrheit mit grobem Lärm. Da wird gehämmert, gesägt, elektrogebohrt, Bretter knallen aufeinander, Tische und Bänke werden umgeworfen. Bis im Schlusschor alle harmonisch die lustige Jägerei bejubeln.
    Martin Sperrs Zwangsharmonisierung kennt keine klare Trennung von Tätern und Opfern. Auch die Bedrängten und Beleidigten gehen aufeinander los. Simon Mantei, der Abram, hat aus der Verschüchterung in die Mörderrolle umzusteigen. Umso beeindruckender Claudia Sabitzer mit Angstschweiß auf der Stirn in den Gefühlwechseln zwischen Beschützerin und Rabenmutter. Robert Prinzler holt mit extremer Zurückhaltung das Beste aus Rovo heraus. Die Mutter (Martina Slip) und ihr Knecht Volker (Günter Franzmeier) werden schön heftig von ihren Gelüsten durchgeschüttelt. Die Metzgerin (Heike Kretschmer) glänzt in Bösartigkeit, der Jungknecht (Patrick O. Beck) stänkert wie blöd, kann aber zuschlagen.
    Mit der ausgebeuteten und zu freigiebigen Tonka feiert das Elend ein Hochamt. Nanette Waidmann bringt diesen Mittelanker des Dramas mit aller Kraft zum Drehen. Aus dem Teufelskreis konnte eine Dorfjungfer als Sekretärin flüchten - Nina Horváth zeigt, dass Stadtluft hübsch gesund macht. Die Honoratioren im Dorf gefallen sich in gefährlichem Biedersinn (Erwin Ebenbauer, Alexander Lhotzky) bis hin zur Karikatur. Ein Ensemble der Volksstück-Klasse. Schirin Khodadadian wurde die behutsame Harmonisierung von Bild, Ton, Rollenspiel mit freudigem Applaus gedankt." (Wiener Zeitung)

    „Der bayerische Autor Martin Sperr (1944-2002) landete mit seinem sozialkritischen Volksstück Ende der 1960er-Jahre eine Theatersensation. Seit Freitagabend wird es am Wiener Volkstheater gespielt. Auch wenn der Text seine Entstehungszeit nicht verbergen kann, ist er von überzeitlicher Brisanz.
    Sperrs Figuren faszinieren dank ihrer Ambivalenz. Seine Außenseiter sind nicht nur Opfer, sondern ebenso Täter. Die Täter haben mit ihrer Position zu kämpfen, um in dieser von nationalsozialistischen Werten geprägten Gesellschaft nicht unterzugehen. Der Bäuerin Maria (herausragend: Martina Stilp) gelingt die Integration, als sie an der Jagd auf Abram teilnimmt. Ihr kriegstraumatisierter Sohn Rovo (Robert Prinzler) erhängt sich aus Angst vor der Abschiebung in ein Heim, der im Krieg gebliebene Ehemann wird endlich für tot erklärt. Die gesellschaftliche Integration geht auf Kosten von Menschlichkeit und Solidarität.
    Blutvergießen ist hier normal: Alle arbeiten in der Fleischhauerei mit, wenn es an der Zeit ist, muss eben die Sau geschlachtet, das Wild gejagt und die Ernte eingebracht werden. Die fett glänzenden, roten Backen und der harte Blick der Metzgerin (Heike Kretschmer) machen deutlich: Hier wird kein Unterschied zwischen Mensch und Tier gemacht. Das stellt der Alltagsfaschismus täglich neu unter Beweis.
    Kritisches Volkstheater, das man sich öfter wünscht." (Salzburger Nachrichten)

    „Schirin Khodadadians Neuinszenierung am Wiener Volkstheater (hier fand 1974 die österreichische Erstaufführung statt) verbannt in Einheit mit Hugo Gretlers Bühnenbild alles "Bäuerliche" von der Bühne. Hier ist alles klar: Diese Dorfgemeinschaft hetzt ihre Außenseiter. Und die Außenseiter ihrerseits kennen nur einen Wunsch: Sie wollen dazugehören, Teil der Gemeinschaft sein.
    In der reduzierten, aber ungemein packenden Aufführung stechen aus dem sehr guten Ensemble vor allem Simon Mantei als homosexueller Abram sowie Nanette Waidmann, Martina Stilp, Günter Franzmeier und Erwin Ebenbauer hervor." (Kleine Zeitung)

     

  • Fotos
    • Jagdszenen aus Niederbayern 01 © Christoph Sebastian
    • Jagdszenen aus Niederbayern 02 © Christoph Sebastian
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  • Video

    © Johannes Hammel / Christian Haake

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