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edit Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Diesmal macht er eine kleine Rundreise durch Wien.

Ich liebe es, wenn ich probenfrei habe, ziellos durch die Bezirke Wiens zu schlendern oder spontan in eine Straßenbahn oder einen Bus zu steigen (besonders die langen Linien wie die 46 oder der 48A sind soziologisch interessant), bis zur Endstation zu fahren und zu beobachten, wie sich während der Fahrt die Zusammensetzung der Fahrgäste oft schlagartig ändert. In der Josefstadt zum Beispiel steigen die Pelzmäntel und Trachten ein, die reichen Witwen, die Gutverdiener, ab Thaliastrasse sind diese plötzlich wie vom Erdboden verschluckt und die Straßenbahn füllt sich mit Kinderwägen, Kopftüchern und Student/innen. Wir sind also in Ottakring. Je weiter stadtauswärts es geht, desto ärmlicher wirken die Leute, auch die Sprachenvielfalt nimmt hörbar zu.

Es ist die Gegend der Überlebenskünstler, der Billigläden, der Ein-Euro-Shops, der bezahlbaren Mieten, der Wettbüros und der architektonischen Trostlosigkeit.

Noch weiter draußen, umgestiegen in einen Bus, sind die Kinderwägen weg und die Pelzmäntel nehmen wieder zu. Die Villen am Stadtrand spucken ihre Bewohner in die Öffis. Aber nur vereinzelt, weil die meisten von ihnen ihre Geschäfte mit dem Auto erledigen. Man will ja nicht mit der Unterschicht in Berührung kommen.

Zwischendurch mache ich manchmal Halt in einer der vielen heruntergekommenen, „grindigen“ Eckkneipen, Beisln, in denen die Zeit stehengeblieben ist. In einem „Rapidstüberl“ mit Fotos aus einer besseren Vergangenheit des Fußballclubs an der porösen Wand (ein vergilbter Antonin Panenka bei einem seiner gefürchteten Freistöße), wo jeder jeden zu kennen scheint und man das Gefühl nicht loswird, irrtümlich in einem fremden Wohnzimmer gelandet zu sein. In einem Kaffeehaus, geführt von einer greisen Wirtin, der der Tod bereits aus dem Antlitz schielt, die zwar unendlich langsam von Tisch zu Tisch schlurft, den Kaffee oder das Bier in der zittrigen Hand und die dennoch nichts verschüttet und die jahrzehntelang geübten Handgriffe noch immer beherrscht. Mache Halt in einem anderen Café,  in dem schon am Morgen die ersten Tarockrunden starten, Student/innen vor ihren Laptops sitzen und einsame Männer und Frauen stundenlang vor einem Glas Bier hocken dürfen; wo alles spottbillig ist, „weil sonst“, so der Kellner, „niemand mehr kommen würde.“

Manchmal tauchen Erinnerungen aus meiner Kindheit auf, aber nur vage. Da ein Spielplatz, der mir bekannt vorkommt, dort ein Haus, wo ich mal zu Besuch war, da der Friedhof, wo meine Großmutter liegt, an deren Beerdigung mein Bruder zu große Schuhe (meine Größe) und ich ein zu enges Sakko (seine Größe) anhatte, so dass wir in der viel zu kleinen Friedhofstoilette Schuhe und Sakko getauscht haben, bei der slapstickhaften Prozedur einen Lachkrampf bekamen und gleichzeitig sicher waren, dass sich unsere humorvolle Oma darüber auch kaputtgelacht hätte.

Da ließ mich mein Gedächtnis für einmal doch nicht im Stich.