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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Mara Hildesheim hat "Das Narrenschiff" gesehen und verspürte dabei auch Anreize, sich an der eigenen Nase zu fassen ...

Wo Menschen verschiedener Nationen, Klassen und Religionen aufeinandertreffen, entsteht unabwendbar Reibung. Man stelle sich vor, die Betroffenen könnten dieser Situation aber unmöglich ausweichen, weil sie sich auf der Überfahrt aus dem, für jeden individuell problembehafteten, Mexiko in eine erwartungsüberladene Zukunft in Europa befänden – auf der Vera Richtung Bremerhaven. Ganz im Sinne von: Nur der Proviant, der auf dem Schiff ist, ernährt die Besatzung. Die Sprengkraft dieser Begegnungen entlädt sich in einer Zeit, die selbst spannungsgeladener kaum sein könnte: Das Jahr 1931 beschwört sowohl nostalgisches Zurückblicken auf eine noch junge deutsche Republik als auch den vorwärts marschierenden Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Ordnung, in der kollektives Wegschauen zur legitimierenden politischen Kraft wird.

Für die Bühnenfassung der gleichnamigen Romanvorlage Das Narrenschiff von Katherine Anne Porter, Bühnenbild sowie Regie zeichnet Dušan David Pařízek verantwortlich, dessen Nora³ bereits in der vergangenen Spielzeit Einzug auf der Bühne des Volkstheaters hielt.

Als überzeichnete Prototypen und Vermittler überspitzter Klischees bleibt die 1931er-Passagierkonstellation zeitlos:

William Denny (Jan Thümer) wird dem Bild des intoleranten, lüsternen Texaners gerecht, der obendrein auch noch ein belustigendes Alkoholproblem hat, denn gelacht werden darf natürlich, zumindest so lang bis einem zum Ende das Lachen im Hals stecken bleibt. Malerin Jenny „Angel“ Brown (Katharina Klar) und ihr eifersüchtiger Nicht-Freund David „Darling“ Scott (Sebastian Klein) liefern sich einen unermüdlichen und dynamischen Kampf um jeden Zentimeter – eine Hassliebe voller Energie. Und die geschiedene Mary Treadwell (Anja Herden) hat immer einen sarkastischen Spruch auf den Lippen und ein gebrochenes Selbstwertgefühl obendrein.

Der Prolet und Nationalist Siegfried Rieber (Rainer Galke), der dazu auch noch  „laut, deutsch und heldenhaft schnarcht“ kann die zwei oberflächlichen Damen Spöckenkieker (Seyneb Saleh) und Frau Otto Schmitt (Bettina Ernst), frisch verwitwet, für sich gewinnen und ihnen seinen Antisemitismus und Patriotismus überstülpen. Opfer des Dreiergespanns ist vornehmlich der einzige Jude an Bord, Julius Löwenthal, gespielt von Lukas Holzhausen, der seine Schweizer Herkunft geltend machen kann und dem marktwirtschaftlich- und profitorientierten Löwenthal einen tapfer durchgehaltenen Akzent auferlegt. Die Kraft des Lynchprozesses um den schönen Wilhelm Freytag (Gábor Biedermann), dessen Frau ebenfalls eine Jüdin ist, erwächst aus der Bühnennutzung, die hier symbolisch als Gerichtssaal erscheint.

„Religion wird erst zum Problem, sobald sie politisch wird“ und entscheidet außerdem darüber, wer am Kapitänstisch sitzen darf und wer nicht.

Einzig Dr. Schumann (Michael Abendroth), der als moralische Instanz inmitten der rückgratlosen 1.Klasse-Gesellschaft auftritt, zeigt sich im wahrsten Sinne des Wortes demaskiert, echt und besonders im Auge des nahenden Todes – er hat ein schwaches Herz – zutiefst menschlich. Im leisen Zwiegespräch mit der verbannten und ätherabhängigen Condesa (Stefanie Reinsperger) wird das Innenleben der beiden laut.

Die Bühne, als Brücke in den Zuschauerraum hineinragend, generiert das Sprichwort: „Wir sitzen alle im selben Boot“. Entsprechendes Licht und Engagement zum Mitsingen tun ihr Übriges im Anreiz zum „An-die-eigene-Nase-fassen“. Tatsächlich verlässt auch kein Darsteller während des Spiels die Bühne, sondern füllt vielmehr den Raum mit bloßer anwesender Abwesenheit. Die Zuschauer/innen dürfen in der Rolle einer Masse abgeschobener spanischer Hilfsarbeiter am Geschehen teilhaben. Im Moment der stärksten Interaktion zwischen Publikum und Darsteller/innen, sei sie auch bloß im Wechselspiel der Komik einer überzeichneten katholischen Predigt entstanden, die gegenwärtige Thematik „Refugees“ sarkastisch einzuwerfen, löst den/die einzelne/n Zuschauer/in aus der Masse des Publikums und forciert eine spontane Meinungsbildung. „Und jetzt singen alle, die wollen, dass noch mehr Flüchtlinge ins Land kommen.“

Schminktische ersetzen das Inventar der Zweier-Kabinen und legen somit die oberflächliche Grundhaltung der Charaktere offen, mahnen aber auch an wünschenswerte Selbstreflexion. Ebenso der Tageslichtprojektor am Bühnenrand, der nicht nur als Lichtquelle, sondern ebenso als Projektor der Bilder Jennys dient.

Die von rhythmischem Stampfen begleitete Fiesta, die das Ende der gemeinsamen Lebensreise ankündigt, intensiviert die entstandene Beklemmung beinahe ins Unerträgliche. Ein jeder herausgeputzt darf noch einmal sein Problem, seine Macke, seine Lebensunfähigkeit herausstellen. Die Emotionen schrauben sich langsam aber sicher hoch. Das vehemente Stampfen ist dabei ein dramaturgisch simpler aber effektiver Kniff, ebenso wie die bedrohlich rote Lichtstimmung. Der umweinte Herztod des Dr. Schumann dient letztlich der Besinnung aller.

So bedurfte denn der Zuschauer einiger Momente, das bleiernen Gewicht des Gesehenen abzuschütteln und die Ernüchterung über die eventuellen Parallelen zur eigenen Lebenswelt zumindest für einen honorierenden Applaus beiseite zu schieben, den sich das Ensemble nach über drei Stunden redlich verdient hatte.

 

Mara Hildesheim (20) spielt Klavier, war einige Jahre Mitglied in einer Band – und auch Theaterluft hat sie bereits geschnuppert: Ein Jahr lang hat sie in der Dramaturgie am Theater Erfurt Erfahrungen gesammelt.