Menü
 

Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Diesmal wird er Zeuge teuflischer Angriffe auf Zentralfriedhofsbesucher/innen – verübt durch Hamster ...

In der Schweiz lebend, habe ich Österreich als Kulturnation immer ein wenig verklärt. Wirtschaft und Geld zählen dort mehr als kulturelle Hervorbringungen und gelacht habe ich woanders auch schon mehr.

Einer der besten Sprüche, die unter Exilösterreicher/innen in der Schweiz kursieren, ist der: “Zürich ist zwar doppelt so groß wie der Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig.” Im Augenblick geht es aber am Wiener Zentralfriedhof gar nicht so lustig zu. Die Hamster sind los.

Wer glaubt, Hamster seien friedliche, niedliche Tierchen, wird dort eines Besseren belehrt.

Auf alte Mütterchen, die gerade eine Kerze anzünden wollen, kommen sie blitzartig zugeschossen, versuchen, sich in ihre Finger zu verbeißen und wenn das nicht klappt, probieren sie das gleiche mit ihren Schuhen. Will man sie verscheuchen, stellen Sie sich auf die Hinterbeinchen, recken sich hoch und fauchen die überraschte Person auf eine Art und Weise an, die man diesen kleinen Biestern gar nicht zutrauen würde. Angeblich verteidigen Hamster ihr Revier äußerst vehement, weshalb der Plage Herr zu werden relativ vergeblich ist. Erschießen oder  vergiften kann man sie an so seinem Ort schlecht, was bleibt ist, geduldig abzuwarten, ob sie vielleicht irgendwann von selbst abwandern.

Wobei, so viel Leben tut dem Zentralfriedhof eigentlich ganz gut.

Wo die kleinen Monster im Augenblick in sehr viele Finger beißen könnten, ist die Gegend um das Grab von Udo Jürgens herum. Massen pilgern dorthin, um Kerzen zu entzünden, Gegenstände abzulegen, etc. … Gegenüber ist das Grab vom berühmten, kürzlich verstorbenen österreichischen Bildhauer Franz West. Eine imposante, pinke Skulptur, von ihm selbst geschaffen, ragt unübersehbar aus dem Rasen.  “Wer is’n des?” heißt es dann bisweilen von den Udo Jürgens-Fans gegenüber. Franz West, der ja bekanntlich Humor hatte, wird sich deshalb nicht im Grab umdrehen, aber das mit der Kulturnation? Da bin ich mir – auch aus anderen Gründen – nicht mehr ganz sicher.