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Wir haben im Spielplan vertretene Autor/innen im Gedenkjahr 2018 um Texte zum Artikel Eins der österreichischen Verfassung gebeten, für welche 1918 die Grundlagen geschaffen wurden: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ Ibrahim Amir („Rojava“) über die Schattenseiten europäischer Demokratien.

Das demokratische Rechtssystem geht über Leichen

Die Verfassung Österreichs ist der Rahmen für die Rechtsform, eine parlamentarische Demokratie. Das Rechtssystem in Österreich ist dem anderer Länder, vor allem in Europa, sehr ähnlich. Reden wir doch über die so genannten europäischen Werte, denen dieses Rechtssystem entsprungen ist – oder umgekehrt, das ist mir auch recht. Auf diesem Kontinent herrscht ein Gefühl, das ich gerne „europäischen kollektiven Stolz“ nennen würde. Man ist stolz darauf, in punkto Wahrung der Menschenrechte und demokratisches Rechtssystem weltweit in Führung zu liegen. Da sind wir uns alle einig, nicht? Was hat uns nach Europa gezogen? Nicht die Freiheit? Die Sicherheit? Die Individualität? An dieser Stelle möchte ich über Ubuntu sprechen, eine uralte afrikanische Philosophie, die besagt: Der Mensch ist ein Teil des Ganzen, seine Taten haben Folgen für die Anderen. Geht es deinem Nachbarn gut, so wird es dir auch gut gehen. Das Wohl der Allgemeinheit steht mit dem Wohl jedes Einzelnen in Beziehung. Das ist mit Abstand die älteste antikapitalistische Philosophie. Lange vor Karl Marx und auch noch vor dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe verstanden unsere afrikanischen Brüder und Schwestern, dass ein Mensch nicht glücklich und zufrieden sein kann, ohne dass auch die anderen glücklich und zufrieden sind. Ubuntu ist keine Religion, sondern es ist eine Lebensweise – doch diejenigen, die sie praktizierten, sind von den Kolonialherren, die sich zugleich als Hüter der Menschlichkeit ausgaben, ausgeraubt, versklavt, vertrieben, getötet worden. Es ist  wichtig immer wieder zu betonen, was Europäer/innen den Bewohner/innen anderer Kontinente angetan haben. Und auch weiterhin antun. Wo sitzen die weltweit größten Waffenlieferanten? Wessen egoistische Lebensweise benötigt immense Energie und verursacht Kriege, Armut und Rückständigkeit in anderen Ländern? Alleine wegen der Pipelines, die Europa mit Erdöl und Erdgas beliefern sollen, sind Kriege ausgebrochen und brechen immer noch aus. Und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass das Verschwörungstheorien sind!

Uns kann es nicht weiterhin auf dieser Basis gut gehen, wir können nicht so tun, als ob wir nichts damit zu tun hätten, oder als ob höhere Mächte daran schuld seien. Quatsch! Nur verlogen und egoistisch klingt das in meinen Ohren, sonst nichts. Wir müssen erst einmal zugeben, dass wir ein Teil des Ganzen sind. Wir müssen, wenn wir über unser Rechtssystem sprechen, zugeben, dass wir über Leichen gegangen sind und immer noch gehen. Ein Rechtssystem nur für Österreich oder nur für Europa reicht nicht. Wir brauchen ein System, das auch die Würde der anderen Menschen bewahrt: Ubuntu.

Die Menschen fliehen vor Armut und Kriegen. Sie müssen nur ins nächste oder übernächste Flüchtlingscamp gehen: Woher diese Menschen stammen, genau von dort kommen auch unsere günstigen Lebensmittel, der Sprit für unser Autos, Heizgas für unsere Häuser etc. Aus dem Irak, Nigeria, Afghanistan, Libyen und so weiter. Ist das ein Zufall? Ich denke nicht.

Wenn ich über die Welt nachdenke und verzweifelt bin und mich so machtlos fühle, gebe ich mich der Hoffnung hin, dass eine evolutionäre Höherentwicklung nicht nur die Biologie betrifft, sondern auch den Geist, die Intelligenz, den Verstand. Dass wir es irgendwann als selbstverständlich betrachten, dass wir ohne einander nicht funktionieren. Hoffen wir, dass wir auf diesem Weg sind!

Ibrahim Amir, in Wien lebender Autor, ist bekannt für seine bissigen politischen Komödien. Für das Volkstheater schreibt er das Auftragswerk Rojava (Premiere am 28. Februar 2019). In der Spielzeit 2017/18 kam sein letztes Stück Heimwärts im Volx/Margareten zur österreichischen Erstaufführung.

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