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Viele Inszenierungen der Spielzeit 2018/19 bewegen sich im Spannungsfeld von Herrschaft, Gemeinwesen, Rechtsgrundlage und Verstoß; manche lassen sich auf das österreichische Gedenkjahr 2018 beziehen. Wir haben im Spielplan vertretene Autor/innen um Texte zum Artikel Eins der österreichischen Verfassung gebeten, für welche 1918 die Grundlagen geschaffen wurden: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“ Große Worte, die zum Nachdenken und Dichten anregen. Große Wörter, die zu Missbrauch und Spiel einladen.

Die erste Version der beiden Sätze, die zum Artikel Eins der Österreichischen Bundesverfassung wurden, hat Karl Renner am Vorabend des 12. November 1918 mit der Füllfeder auf sein Kanzleipapier geschrieben: „Deutschösterreich ist eine demokratische Republik. Alle öffentlichen Gewalten werden vom Volke eingesetzt.“ Und dann schrieb er Artikel Zwei: „Deutschösterreich ist Bestandteil der Deutschen Republik.“ So wurde es von der Provisorischen Nationalversammlung beschlossen und gleich danach auf der Parlamentsrampe vor dem jubelnden Volk der Deutschösterreicher proklamiert. Diejenigen, die den feierlichen Moment mit Schüssen und Rufen nach einer Räterepublik störten, hatten zwar ideologische Probleme mit Renner & Co., aber sie hatten nichts gegen den Anschluss an Deutschland, wo sich gerade zwei Räterepubliken gebildet hatten.

Unter Deutschösterreich verstand die Regierung Renner alle deutschsprachigen Gebiete der untergegangenen österreich-ungarischen Monarchie. Allein schon deshalb brauchte er den Anschluss. Sonst wären die nordböhmischen Sudetendeutschen ohne Landverbindung nach Österreich gewesen. Niemand hätte eine österreichische Exklave auf tschechischem Landesgebiet geduldet. Renners Anschluss-Euphorie war nicht die eines Österreichers, der Deutscher sein wollte, sondern die eines Politikers, der im Zeitalter des Nationalismus den Zusammenschluss aller aneinander grenzenden deutschsprachigen Gebiete forderte. Aber das war Renners zweite Option. Kurz davor hatte er sich noch für eine demokratische Föderation der Donauländer stark gemacht. Das war schon gar nicht zu verwirklichen, weil es der Stolz den Nachfolgestaaten der Monarchie gebot, den Kernstaat der kaiserlichen Macht auf Distanz zu halten.

Die sozialdemokratische Führungsriege der Republik Deutschösterreich biss mit ihrer geopolitischen Zukunftsvorstellung bei den Siegermächten des Ersten Weltkriegs auf Granit. Niemand hatte Interesse an einem starken Deutschland. Was die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschösterreichs nicht daran hinderte, weiterhin eine Politik des Anschlusses zu verfolgen. Und Renner/Bauer/Adler sind auch in der Nazizeit Befürworter des Anschlusses geblieben. Aber nur Renner stellte sich in den Dienst der nationalsozialistischen Anschlussbewegung. So wurde es ihm ausgelegt. Für einen bereits abgehalfterten Politiker wie ihn war es eine gute Gelegenheit, sich international Gehör zu verschaffen. Und was war die Botschaft? Es war eine an den Völkerbund: Was ihr mir vor zwanzig Jahren verwehrt habt, hat euch nun Adolf Hitler abgetrotzt. Ätsch.

Selbstverständlich wähnte sich Renner nach dem Anschluss von Österreich und der Sudetenländer nur halb am Ziel. Seine Heimat Südmähren war nun in einen gemeinsamen Staat zurück gekehrt. Er musste nicht mehr als Ausländer sein Heimatdorf besuchen. Jetzt galt es nur noch, die nationalsozialistische Macht zu stürzen. Renner war gewiss nicht blind, wenn er das für eine Aufgabe der nächsten Generation hielt. Aber dann begann Deutschland erneut einen Krieg. Schlagartig war für Renner klar: Er musste nicht auf die nächste Generation warten. Der Nationalsozialismus wird nicht von innen gestürzt, sondern von außen niedergekämpft werden. Das gab ihm die Chance, selbst noch einmal ins Spiel zu kommen. Er wusste natürlich, dass auch nach diesem Krieg kein Mensch Interesse an einem starken Deutschland haben würde. Sein Zweite-Wahl-Traum war im Nationalsozialismus untergegangen.

Renner entschädigte sich für seine Fehleinschätzung, indem er sich erneut zum Taufpaten der Republik aufschwang. Und am revidierten Wortlaut des Auftakts der Verfassung nichts mehr auszusetzen hatte: „Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus.“

Was immer das heißen mag, das Recht geht vom Volk aus. Es klingt, als würde das Recht aus dem Volkskörper quasi herausrinnen wie der Saft aus dem Ahornbaum. Renners Formulierung, „alle öffentlichen Gewalten werden vom Volke eingesetzt“ war da klarer gewesen. Sie war begleitet von der Vorstellung eines tätigen Volkes, das für sein Wohl auch etwas tut.

Josef Haslinger, vielfach ausgezeichneter österreichischer Schriftsteller, thematisiert in seinen Romanen auf kritische Weise den Umgang mit der Geschichte des Landes Österreich.Er war Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation SOS Mitmensch und ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, dessen Präsident er zwei Jahre lang war. Sein Roman Opernball wird am 17. März 2019 im Volx/Margareten uraufgeführt.

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