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Am 18. Dezember wird Yael Ronens neues Stück „Lost and Found“ uraufgeführt. Es erzählt von zeitgenössischen Lebensentwürfen, basiert daneben aber auch lose auf den Erlebnissen von Ensemblemitglied Seyneb Saleh und ihrem Cousin Yousif Ahmed, der aus dem Irak flüchten musste. Dramaturgin Veronika Maurer sprach mit ihnen über ihre gemeinsamen Erfahrungen mit Flucht und Asylsuche.

Veronika Maurer: Wie war das mit diesem Anruf?

Seyneb Saleh: Ich kam gerade aus Röszke (1) zurück, wo ich bei der Versorgung und Betreuung von Flüchtlingen mitgeholfen hatte, da rief mein Vater an und sagte: „Dein Cousin ist auf dem Weg.“ Ich fragte: „Welcher? Und was meinst du mit auf dem Weg?“ Er antwortete, dass Yousif vermutlich irgendwo zwischen Griechenland und den ex-jugoslawischen Ländern auf dem Weg in die EU sei. Ich sagte, dass er mich einfach anrufen solle, wenn er nach Österreich käme, ich würde dann sehen, was ich für ihn tun könnte. Ich ging davon aus, dass mein Vater mir rechtzeitig Bescheid geben würde. Aber dann rief er mich wieder an und sagte: „Dein Cousin ist jetzt in Wien, geh, hol ihn ab.“ Ich kam gerade aus einer Abendprobe und mir wurde klar, dass da jetzt etwas sehr Großes passiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es sein würde, denn als wir uns das letzte Mal gesehen haben, war er drei und ich fünf Jahre alt, das ist also 22 Jahre her.

Wie war das aus deiner Perspektive, Yousif?

Yousif Ahmed: Ich kam an einem Bahnhof in Wien. Bis heute weiß ich nicht, wo das eigentlich war. Ich habe meinen Onkel in England angerufen, und der rief meinen Onkel in Deutschland an, Seynebs Vater. Dann hatte ich Seynebs Nummer. Ich habe sie vom Handy des Taxifahrers aus angerufen, und er hat ihr den Weg beschrieben. Dann kam sie und sagte: „Yousif, ich bin durcheinander.“ Sie umarmte mich und brachte mich in ihre Wohnung.

Saleh: Ich habe viele verschiedene Cousins und es hätte auch einer sein können, mit dem es Schwierigkeiten gibt. Auf dem Weg zur U-Bahn habe ich gesagt: „Ich muss jetzt eine rauchen.“ Mit anderen Cousins wäre das vielleicht ein Problem gewesen. Aber Yousif sagte: „Ja, ich muss auch eine rauchen. Aber bitte sag es nicht meiner Mutter.“ Als erstes haben wir also rausgefunden, dass wir beide ein paar Geheimnisse vor der großen Familie haben.

Yousif, du kommst aus Mossul (2) im Irak. Wann hast du die Stadt verlassen?

Ahmed: Das erste Mal musste ich Mossul 2005 verlassen. In der Zeit nach dem 3. Golfkrieg wurde die Situation im Irak sehr unsicher und meine Eltern hatten Angst um mich. Sie schickten mich in den Libanon. Die Frau, die sich dort um mich kümmerte, eine Christin, starb nach zwei Jahren und so ging ich nach Syrien zu einer befreundeten Familie meiner Eltern, bis ich 2008 in den Irak zurückkehrte, um zu studieren. 2011 bin ich dann von Mossul nach Bagdad gezogen, um dort mein Studium abzuschließen. In Bagdad kam ich in Kontakt mit der Irakischen Liberalen Partei und wurde an der Uni politisch aktiv. Ich versuchte neue Mitglieder zu gewinnen, schrieb Berichte über die Wirtschaft und Aufsätze über die Trennung von öffentlichem Leben und Religion. Auch in meiner Abschlussarbeit an der Uni ging es darum. Meine Ansichten haben mir schon in der Uni immer wieder Probleme bereitet. Später habe ich in einer Firma gearbeitet und bin dort mit dem Bruder meines Chefs ins Gespräch gekommen. Nach diesem Gespräch musste ich Bagdad verlassen.

In diesem Gespräch ging es um Aischa, eine der Ehefrauen Mohammeds.

Ahmed: Ja, der Mann bezeichnete sie als Hure und fragte mich, was meine Meinung darüber sei. Er glaubte mich zu provozieren, aber ich sagte: „Ok, lass es uns logisch angehen. Wenn man annimmt, dass die Frau des Propheten eine Hure ist, dann würde das bedeuten, dass unser Prophet ein Zuhälter ist. Und wenn unser Prophet ein Zuhälter ist und Ali ibn Abi Talib (3) nichts dagegen getan hat, dann ist Ali ein Feigling und nicht mutig, wie du behauptest.“ Er wurde sehr ungehalten. Für ihn als Schiit ist Ali das Allerheiligste. Als ich am Abend nach Hause kam, rief mich mein Chef an und fragte: „Bist du mit meinem Bruder ins Gespräch gekommen?“ Ich sagte ja. Er sagte mir, dass ich Bagdad sofort verlassen müsse, weil sein Bruder meinen Namen an die schiitische Miliz weitergegeben habe. Ich bin in die Türkei gegangen. Am ersten Tag habe ich meinen Freund Kenan auf der Straße kennengelernt, als ich eine Wohnung gesucht habe. Es war schon spät und er sagte: „Komm mit mir nach Hause, bleib eine Nacht.“ Ich habe dann ein Jahr bei ihm gewohnt. Ich habe mit ihm gearbeitet, er brachte mir alles bei, ließ mich dafür aber auch das Büro putzen. Nach diesem Jahr stand ich auf eigenen Füßen. Ich hatte eine Wohnung und bekam 10 % des Gewinns der Firma. Dann wurde ich wieder bedroht, von der Mafia, und musste fort. Es war ein guter Zeitpunkt, nach Europa zu gehen. Jetzt ist es viel schwieriger, es werden keine Flüchtlinge mehr aufgenommen. Als ich in Griechenland ankam, habe ich geweint, weil ich alles, was ich hatte, in der Türkei zurücklassen musste. Ich gewöhne mich zwar daran, dass ich alle zwei Jahre das Land wechseln und bei null anzufangen muss. Aber es ist schwierig. Ich will vor allem nicht mehr den Job wechseln.

Als was hast du bisher gearbeitet?

Ahmed: Ich habe 3D-Animationen gemacht, Modelle für architektonische Projekte. Das möchte ich in Wien auch machen.

Habt ihr noch Familie im Irak?

Ahmed: Ich bin der jüngste von vier Brüdern. Der älteste lebt in Bagdad, geht jetzt aber auch in die Türkei, weil er ebenfalls von der Miliz bedroht wurde. Der zweite lebt auch in Bagdad und der dritte lebt mit meinen Eltern in Mossul. Er ist Imam und blind, seit er von Al-Qaida-Schützen angeschossen wurde, weil er der sufistischen Tradition folgt.

Saleh: Die Hälfte meiner Tanten und Onkel wohnt noch im Irak, wir sind eine große Familie. Mein Vater hat zehn Geschwister.

Ahmed: Ja, mein Vater hatte Angst, um die Hand meiner Mutter anzuhalten, weil sie neun Brüder hat.

Seyneb, du warst im September als Übersetzerin für Geflüchtete in Österreich tätig, bist auch ins ungarische Röszke gefahren. Was hat sich für dich verändert, als Yousif hier ankam?

Saleh: Nun ja, es ist auf einmal sehr persönlich geworden. Davor hab ich Spenden verteilt oder gespendet oder übersetzt oder betreut oder was auch immer. Die ganze Sache in Röszke war körperlich sehr anstrengend und es gab Situationen, die mir sehr nahe gegangen sind. Ich habe ein paar sehr konkrete Erinnerungen, die mich auch jetzt noch total bewegen. Trotzdem konnte ich das leichter von mir wegschieben als die private Geschichte jetzt. Das war zwar für ein paar Tage eine anstrengende Zeit, aber danach fährt man ja nach Hause und sagt: „Jetzt hab ich mal was gemacht und jetzt ist wieder mein Leben dran.“ Seit mein Cousin hier ist, ist diese Distanz verloren. Ich kann nicht sagen: „Jetzt muss ich mich mal eine Woche lang nicht darum kümmern.“ Wenn es anfällt, fällt es an. Wenn ich Papiere übersetzen oder Telefonate mit der Caritas und Asyl in Not und der Rechtsberatung führen oder nach einem WG-Zimmer suchen muss, dann kann ich das nicht aufschieben, sondern dann muss es gemacht werden, neben all den anderen Sachen, die man im Alltag hat. Es geht einem viel näher. Man kann nicht mehr so leicht abschalten.

Yousif, wie ist deine Situation in Wien?

Ahmed: Die Leute vom Volkstheater helfen mir, weil ich Seyneb kenne. Andrerseits habe ich aber das Gefühl, eine Belastung für Seyneb zu sein.

Saleh: Bitte, das sollst du nicht denken, Yousif.

Ahmed: Ja. Aber ich habe mich früher um alles selbst gekümmert. Ich habe mir immer gesagt, das ist mein Leben. Ich schätze sehr, was andere Menschen für mich tun, aber es ist mir unangenehm, dass ich gar nichts tun kann, wenn Seyneb nicht mit dabei ist. Ich habe großes Glück, dass ich sie hier gefunden habe, und auch ihren Freund. Aber es gibt noch so vieles, was ungelöst ist, die Grundsicherung und die Wohnungssuche.

Saleh: Wir suchen immer noch eine Wohnung oder ein WG-Zimmer, wo er längerfristig bleiben kann. Und wir warten noch immer auf die Grundsicherung. Sein Asylverfahren hat im Oktober begonnen, aber die Grundsicherung wird er voraussichtlich erst ab Ende Jänner erhalten. Ebenso die Krankenversicherung.

Ahmed: Ich bin müde davon. In Bagdad stand ich auf eigenen Beinen, weil es meine Stadt war. Im Libanon hat mich eine Familie aufgenommen. In Syrien hat mich eine Familie aufgenommen. In der Türkei hat sich mein Freund Kenan um mich gekümmert. Und hier habe ich Seyneb gefunden. Sie und ihr Freund kümmern sich um mich, als ob ich ihr Kind wäre.

Saleh: Du bist für mich eher wie ein Bruder. Weil wir dieselben Probleme mit unserer Familie haben.

Ahmed: Das stimmt, sie versuchen uns zu kontrollieren.

Saleh: Sie versuchen, über alles in unserem Leben zu entscheiden.

Gilt das für alle in eurer Familie?

Ahmed: Mein Vater hat mich immer unterstützt. Als ich ihn das letzte Mal sah, hat er fast geweint. Er sagte zu mir: „Lass dich von niemandem kontrollieren. Mach, was du selbst willst.“ Mein Vater ist religiös, aber er verabscheut es, wenn jemand gezwungen wird, religiös zu sein. Er hat mich unterstützt, als ich kein Geld hatte, als mich niemand akzeptiert hat, nicht einmal mein Bruder.

Was würde dich hier in Wien unterstützen?

Ahmed: Mein Leben hier aufzubauen. Wenn ich hier arbeiten könnte. Als ich in der Türkei gelebt habe, hatte ich nicht mal Zeit, meine Freunde oder meine Mutter anzurufen, weil ich so viel gearbeitet habe. Aber hier habe ich nichts zu tun. Ich lerne den ganzen Tag deutsch und später rufe ich Leute an, ich zwinge mich dazu, weil ich Stimmen hören muss. Das Alleinsein bringt mich um.

Unser Stück heißt Lost and Found. Was habt ihr verloren, was habt ihr gewonnen im Lauf der ganzen Geschichte?

Ahmed: Ich habe meine Familie verloren, meinen Job, mein Zuhause. Ich habe eine Gesellschaft gefunden, die zu finden ich gehofft hatte. Die nicht religiös ist. Und ich habe eine Familie gefunden, bei Seyneb und ihrem Freund. Nicht nur ein Wort, sondern wirklich Familie. Und noch etwas Schönes habe ich entdeckt: Zu Saddams Zeiten war es uns nicht erlaubt, mit Menschen aus Israel oder dem Iran zu sprechen. Man machte uns glauben, dass das Monster seien. Als ich hier einige Leute kennenlernte, waren es so freundliche Menschen. Und Gott sei Dank habe ich hier die Türk/innen gefunden. Die türkische Sprache ist so emotional, ich liebe sie vielleicht sogar mehr als die arabische. Ich habe auch einen Freund von Seyneb kennengelernt, ich habe nicht viel Zeit mit ihm verbracht, aber ich mag ihn sehr. Knut. Und die Lehrer/innen im Deutsch-Kurs sind sehr nett.

Saleh: Ich weiß nicht, was ich verloren habe, ich kann eher sagen, was ich gewonnen habe. Vor allem habe ich einen Bruder gewonnen, jemanden, der mir nah ist, der dieselben Probleme mit unserer Familie hat wie ich. Dinge, die mich mein ganzes Leben lang belastet haben. Jetzt habe ich das Gefühl, dass jemand die Last mit mir teilt. Was ich verloren habe: Das hat nichts mit der konkreten Geschichte zu tun, sondern mit dem größeren Geschehen. Ich habe das Gefühl, gewissermaßen meine Unschuld verloren zu haben. Ich habe das Gefühl, dass man nicht mehr naiv sein, die Dinge nicht mehr ausblenden kann. Da ist einfach eine Verantwortung, die man übernehmen muss.

 

(1) Ungarischer Ort an der serbischen Grenze, dessen Flüchtlingslager im September aus mehreren Camps bestand, in denen die Geflüchteten auf die Versorgung durch Freiwillige angewiesen waren.

(2) Zweitgrößte Stadt des Irak, wurde 2014 vom IS erobert.

(3) Schwiegersohn des Propheten Mohammed und für die Schiiten dessen legitimer Nachfolger.

 

Lost and Found hat am Freitag, den 18. Dezember 2015 Premiere. Informationen zum Stück und alle Termine hier.