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Journalistin, Autorin und Filmemacherin Katja Sindemann präsentiert in der Gedenkveranstaltung an die Novemberpogrome 1938 „Frage nicht!“ Dokumente und Zeitzeugenberichte zum bis heute verschollenen Film "Theresienstadt 1942". Mit Dramaturgin Angela Heide sprach sie über ihren Zugang zur Regisseurin Irena Dodalová und die Bedeutung der Wiederentdeckung und Neubewertung der erhaltenen Filmfragmente für die Aufarbeitungsgeschichte der Schoah.

Angela Heide: Wann sind Sie auf die Regisseurin Irena Dodal und den Film Theresienstadt 1942 gestoßen?

Katja Sindemann: 2003 habe ich für den ORF eine Dokumentation über die Pianistin Edith Steiner-Kraus gedreht und mich intensiv in die Literatur über Theresienstadt eingelesen. Im Zuge meiner Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass es vor dem weltweit bekannten Film Der Führer schenkt den Juden eine Stadt aus dem Jahr 1944 bereits 1942 einen Propagandafilm gegeben hat, über den man nichts weiß. In nur zwei Sätzen wurde gesagt, dass der Film von einer Frau gedreht worden war, die eine schlechte Regisseurin gewesen sei.

Sie haben viele Jahre zu diesem Thema recherchiert – was hat Sie daran so gefesselt?

Worüber ich von Anfang an gestolpert bin, war die Vorverurteilung: Es war eine Frau, daher war sie eine schlechte Regisseurin, die einen schlechten Film gemacht hat. Noch bei einem Symposion in Wien über Film im Holocaust 2004 wurde diese These wiederholt und betont, dass Zeitzeug/innen schlecht über Dodal gesprochen hätten.

Zu diesem Zeitpunkt hatten Sie selbst auch noch keine Teile des Films gesehen?

Ich bin erst später auf eine tschechische Filmhistorikerin gestoßen, die sich intensiv mit der Regisseurin Irena Dodal beschäftigt und 2009 einen wissenschaftlichen Artikel dazu publiziert hatte. Ich bin mit ihr in Kontakt getreten und habe viele Fragen gestellt, ehe ich 2013 nach Prag fuhr, um mit ihr zu sprechen und eine Ausstellung über Propagandafilme in Theresienstadt zu besuchen. So gesehen hat die Zeit dazu beigetragen, denn im Lauf der Jahre wurden neue wissenschaftliche Erkenntnisse publiziert, die sich auf neue Quellen stützen. Zum ersten Mal konnte ich die Filme einsehen. Es ist der tschechischen Historikerin ein großer Dank auszusprechen, dass sie die Entstehungsgeschichte des Films von 1942 akribisch aufgearbeitet und dokumentiert hat, wobei sie gegen die vorherrschende Geschichtsmeinung argumentieren musste. Bis dahin stand die negative Meinung über Irena Dodal im Vordergrund.

Wie sieht die Quellensituation aktuell aus?

Der gesamte Nachlass von Irena Dodal liegt heute im tschechischen Filmarchiv. Sie hatte vor ihrem Tod 1989 veranlasst, dass alle Materialien aus ihrem Besitz an das Nationalfilmarchiv übergeben wurden. Heute stehen Wissenschaftler/innen, die zu diesem Thema arbeiten, eine Fülle an Unterlagen zur Verfügung: Korrespondenzen, die Filme des Ehepaares Dodal ab den 1930er-Jahren, mittlerweile auch die Filme, die Irena Dodal in Argentinien gedreht hat. Inzwischen wurden auch mehr Zeitzeug/innenberichte ausgewertet als noch in den 1980er- und 90er-Jahren. Das ist ein wichtiger Punkt: Es gab schon früh Zeitzeug/innenberichte über den Film, da aber kein Beweis für seine Existenz vorhanden war, hat man diese nicht ernst genommen oder angezweifelt.

Sie haben auch im Stück viel mit diesen Zeitzeug/innenaussagen gearbeitet. Wie sind Sie damit umgegangen?

Viele Zeitzeug/innen haben die beiden Filme verwechselt beziehungsweise die Erinnerung an den ersten Film wurde von der Erinnerung an den späteren überlagert. Sofern Zeitzeug/innen überhaupt überlebt hatten. Fast alle Mitwirkenden des zweiten Films wurden im Oktober 1944 deportiert und ermordet. Hinzu kommt, dass man Zeitzeug/innenberichte im Nachhinein auch kritisch hinterfragen oder zumindest überprüfen muss.

Was Sie in Ihrem Stück Frage nicht! durch die Collage von Zeitzeug/innenberichten, einem Brief von Dodal und den Aussagen der Wissenschaftler/innen auf der Bühne versuchen.

Gerade bei der Bearbeitung dieses Themas sieht man sehr gut, dass sich die Geschichtsschreibung weiterentwickelt hat. Ich nenne hier konkret den Umgang mit den so genannten „Funktionshäftlingen“. Nach 1945 wurden jene Häftlinge, die in Theresienstadt eine Funktion inne gehabt und aufgrund dessen in engem Kontakt mit SS und Lagerleitung gestanden hatten, von ihren Mitgefangenen verurteilt. Und später von tschechischen Gerichten als Kollaborateure angeklagt. Es war für viele ein Schock, noch einmal angeklagt zu werden. Die meisten wurden jedoch freigesprochen, so auch Irena Dodal. Hier leistet die neuere Forschung viel durch Aufarbeitung und Neubewertung.

Haben Sie lange darüber nachgedacht, wo Sie diesen Stoff am liebsten platzieren wollen?

Ich habe mich mehrere Jahre bemüht, dieses Thema in der Öffentlichkeit zu lancieren, weil ich wusste, dass es eine historische Neuigkeit ist: Über den Film ist bis dato nichts bekannt. Das Filmmaterial ist bis dato noch nicht in Österreich gezeigt worden und in der breiten Öffentlichkeit unbekannt. Es ist mein großes Anliegen, den Film und die Arbeit von Irena Dodal bekannt zu machen.

Haben sich Ihre Thesen zu Irena Dodal im Laufe der Jahr bestätigt oder wurden Sie phasenweise ‒ das Material nicht kennend, dafür mit neuen negativen Berichten konfrontiert ‒ unsicher?

Im Grunde nicht, da ich im Laufe der Recherche auf neue Forschungserkenntnisse aufbauen konnte, die es bis dahin nicht gab. Was die Geschichtsschreibung bis vor Kurzem nicht wusste, ist die Tatsache, dass die jüdischen Mitarbeiter/innen versucht hatten, den NS-Film im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu sabotieren. Sie versuchten, die Dreharbeiten zu verzögern, statt geschönten Aufnahmen die triste Realität des Lagers zu zeigen und schmuggelten Fragmente ins Ausland. Das war den anderen Ghettoinsass/innen nicht bekannt. Sie erlebten, dass der Film zwar gemacht, aber nie öffentlich gezeigt wurde. Die logische Schlussfolgerung war, dass der Film schlecht sei. Dies fiel natürlich auf Irena Dodal zurück. Wir verdanken erst der jüngeren Forschung die Erkenntnis, dass die Mitarbeiter/innen unter Lebensgefahr versuchten, die Dreharbeiten zu unterwandern. Es ist ihnen offensichtlich gelungen, denn der Propagandafilm verschwand in einem Archiv des NS-Systems. Man muss hinzufügen, dass der Film nur teilweise fertiggestellt wurde, da Irena Dodal erkrankte. Dieser Rohschnitt hatte keinen Ton, keine Inserts, keinen Abspann. Dodals Mitarbeiter/innen versuchten noch, eine Fristverlängerung zu erwirken, aber der Befehl kam, den Film bis zum nächsten Morgen fertigzustellen.

War die Situation 1942 eine andere als 1944?

Als der Film im Herbst 1942 gedreht wurde, lebten in Theresienstadt, das für 7.000 Einwohner/innen eingerichtet war, 60.000 Menschen. Sie hausten auf engstem Raum, was zu Erkrankungen, Seuchen und hoher Sterblichkeitsrate führte. Das macht den großen Unterschied zur Situation 1944 aus. Vor den Dreharbeiten zu Der Führer schenkt den Juden eine Stadt wurde das Lager komplett „verschönert“. Außerdem wurden Tausende deportiert, damit das Lager nicht überfüllt wirkte. Bekanntlich ist die Delegation des Internationalen Roten Kreuzes darauf hereingefallen. Der katastrophale Zustand des Ghettos 1942 hat vermutlich dazu beigetragen, dass der erste Film nicht der Propagandaintention entsprach.

Reden wir über die Regisseurin. Wer war Irena Dodal?

Ich habe inzwischen großen Respekt vor dieser Frau. Es ist ihrem Engagement zu verdanken, dass ihre Mutter überlebt hat. Sie riskierte ihr Leben, um ihre Mutter aus einem Deportationszug zu holen. Sie hat sich für Wahrheit und Gerechtigkeit eingesetzt, wie ihre Theaterinszenierungen belegen, die sie in Theresienstadt realisiert hat. Sie war eine künstlerisch ambitionierte Frau, das sieht man an ihrer Film- und Theaterarbeit. Irena Dodal hatte in Brno eine Ausbildung zur Opernsängerin absolviert und war eine Zeitlang in den Babelsberger Filmstudios tätig. Sie brach jedoch ihre künstlerische Laufbahn ab, um sich um ihre alleinstehende Mutter und ihren jüngeren Bruder zu kümmern. Dazu nahm sie eine Anstellung in Prag an. In den 1930er-Jahren gelang ihr an der Seite ihres Ehemanns Karel Dodal der Wechsel zur Filmproduktion: Die beiden bauten das erste tschechische Trickfilmstudio auf, die IRE-Film, und fertigten in der Tschechoslowakei das, was in Hollywood Walt Disney machte.

Wie bekannt war die Arbeit der IRE-Film vor der Übergabe des Nachlasses von Irena Dodal an das Nationalfilmarchiv?

Man wusste nur wenig darüber und hat Irena Dodal Aufschneiderei und Selbstüberschätzung unterstellt, was im Stück thematisiert wird. 1938 wollten die Dodals in die USA, doch nur Karel erhielt ein Visum und arbeitete in den folgenden Jahren als Trickfilm-Animator für wissenschaftliche Institutionen, das Militär und die NASA. Irena Dodal erhielt als Jüdin kein Visum ‒ auf der anderen Seite wurde ihr von den Nationalsozialisten vorgeworfen, dass ihr Mann in den USA lebte. Man verhaftete sie unter dem Verdacht, eine Spionin zu sein. De facto waren es sowohl das Bewusstsein für die gefährliche politische Situation wie auch die Tatsache, dass sie die IRE-Film wirtschaftlich nicht mehr halten konnten, die das Ehepaar 1938 zur Emigration bewogen. Sie gingen nach Paris, doch der Versuch eines Neuanfangs scheiterte.

Warum ging das Paar von New York nach Argentinien?

Irena Dodal konnte im Februar 1945 mit einem Rot-Kreuz-Transport das Ghetto verlassen und folgte ihrem Mann nach New York. 1948 erhielten Irena und Karel Dodal eine Einladung vom argentinischen Unterrichtsministerium, Bildungsfilme für Erziehungszwecke zu produzieren. Sie folgten der Einladung und übersiedelten nach Buenos Aires. Nach der Trennung des Paares im Jahr 1960 ging Karel, der ‒ anders als Irena ‒ in Argentinien nicht wirklich Fuß fassen konnte, zurück in die USA, wo er 1986 in New Jersey starb.

Irena Dodal hingegen ist in Argentinien bis heute eine wichtige und hoch geschätzte Figur des Theaters und Films ab den 1950er-Jahren.

Sie hat unter anderem 1959 das erste argentinische experimentelle Kammertheaterensemble gegründet, drehte in den 1950er-Jahren vielbeachtete Ballettfilme und Volkstanzfilme. Sie inszenierte am Teatro Colón, dem bekanntesten Theater von Buenos Aires, und gab bis zu ihrem Tod Theaterunterricht. Tatsächlich wird Irena Dodal, die 1989 in Buenos Aires starb, bis heute von ihren Schüler/innen hoch verehrt.

Hat Irena Dodal nichts von der kritischen Beachtung ihrer Person gewusst?

Diese Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Sicherlich gab es in Argentinien nicht diesen Grad an Aufarbeitung, wie sie in Westeuropa nach 1945 stattgefunden hat. Sie war von den Diskussionen, die hier geführt wurden, abgeschnitten. Dass sie aber auch nach ihrer Rettung versuchte, der Öffentlichkeit ein reales Bild über Theresienstadt zu vermitteln, bezeugt die Tatsache, dass sie einen Brief, den sie im April 1945 aus der Schweiz an ihren Mann geschrieben hatte, 1946 an die Redaktion des Black Books übergab, der ersten großen Dokumentation des Holocaustes. Ihr Bericht wurde stellvertretend für die Situation der Tschechoslowakei unter den Nationalsozialisten ausgewählt. Sie muss also in New York mit maßgeblichen Stellen in Kontakt gewesen sein.

Sie haben einen von Irena Dodal überlieferten Satz, „Frage nicht!“, als Titel und Schlusssatz Ihres Stückes gewählt. Warum?

Der Satz dokumentiert, dass sie bis an ihr Lebensende das Grauen des Ghettos nicht überwunden hat und so traumatisiert war, dass sie nicht darüber sprechen konnte. „Frage nicht!“ ist ein Ausdruck für die tiefe Fassungslosigkeit, für das Unaussprechliche.

 

Frage nicht! Der verschollene Film Theresienstadt 1942 und seine Geschichte

Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen gemeinsam mit dem Österreichischen Parlament

8. November 2015, 18 Uhr, Volkstheater

 

Nach der Vorstellung findet ein von Chefdramaturgin Heike Müller-Merten moderiertes Gespräch mit Autorin Katja Sindemann und Filmhistoriker Frank Stern statt.

19.45 Uhr, Rote Bar