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Crystal Abidin ist eine der wichtigsten Kulturanthropologinnen, die sich mit Internetkultur und deren Auswirkungen auf die Beziehungen von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Ein Interview zu "Vereinte Nationen" von Clemens J. Setz.

Michael Isenberg: Du schreibst auf deiner Homepage, dass du „im Internet lebst“. Was ist deine erste Erinnerung an dein Leben im Netz?

Crystal Abidin: Ich bin Kulturanthropologin, spezialisiert auf Internetkulturen. Deshalb ist das Internet ein wichtiger Teil meines Alltags. Aber ich bin kein sogenannter „Digital Native“. Meine erste Erinnerung daran, im Internet zu surfen und Webseiten zu besuchen, war im Alter von 12 Jahren. Mit 13 Jahren habe ich diverse Chatrooms entdeckt, in denen ich mit meinen Schulfreund/innen kommunizieren konnte.

Hast du als Jugendliche auch negative Erfahrungen mit dem Internet gemacht?

Nein, soweit ich mich erinnere nicht. Ich wurde in den späten 1980er-Jahren in Singapur geboren. Wir wurden in der Schule schon sehr früh im Umgang mit dem Computer unterrichtet, da die Digitalisierung in diesem Land sehr weit fortgeschritten ist. Ich würde sagen, ich bin privilegiert, in einem Umfeld groß geworden zu sein, das sehr viel Wert darauf legte, dass die Menschen einen bewussten Umgang mit dem Internet erlernen und einüben.

In dem Stück Vereinte Nationen sehen wir ein 7-jähriges Mädchen, das zu einem unfreiwilligen Internetstar in Erziehungsvideos ihrer Eltern wird. Der Autor betont, der Inhalt sei seiner Phantasie entsprungen. Wie weit ist seine Idee von der Realität entfernt?

Seit Mitte der 2000er-Jahre ist es weit verbreitet, dass Eltern die Fortschritte ihrer Kinder auf Blogs und in Foren posten und seit den frühen 2010er-Jahren werden sie teilweise sogar professionell vermarktet. Ganz konkret erinnert das Stück an den amerikanischen YouTube-Kanal „DaddyOFive“. Hier trieben Eltern üble Scherze („Pranks“) mit ihren Kindern und stellten die Videos ihrer Reaktionen ins Internet. Andere YouTuber kritisierten diese Videos als Kindesmissbrauch. Bekannte YouTube-Mitglieder/innen und Zuschauer/innen meldeten diese Videos der Polizei. Die Kinder wurden für eine Zeit lang von der Familie getrennt, ihr Schutz und Wohlbefinden überwacht.

Es gibt viele Kinder auf YouTube, die freiwillig oder unfreiwillig zu Stars werden. Ihre Eltern verdienen durch Werbung viel Geld damit. Ist das noch legal oder fällt so etwas schon unter „Kinderarbeit“?

In Singapur beispielsweise ist es offiziell verboten, dass Kinder unter 13 Jahren arbeiten. Es gibt starke Arbeitsauflagen für Minderjährige. Leider werden Internetvideos meist noch nicht wirklich als Arbeit erkannt und dementsprechend nicht ernsthaft kontrolliert. Oft liegt die Verantwortung noch allein im Ermessen der Eltern.

Dabei sind solche Videos längst kein Randphänomen mehr …

Nein, viele TV-Sendungen greifen heute schon auf private YouTube-Videos zurück oder ermuntern Eltern dazu, Clips zu produzieren – angefangen von „Jimmy Kimmel Live – I told my kids I ate all their Halloween Candy“ bis „The Ellen DeGeneres Show“. Der Weg von Eltern und anderen, Kindervideos zu posten, die viral werden, bis zu Auftritten von YouTube-Kinderstars in Talkshows im Fernsehen, die wiederum auf Social Media Plattformen geteilt werden, wirft viele Fragen auf, über Verantwortung, Beobachtung und Ausnützen von jungen Kindern. Dies reicht aber auch schon etwas zurück, man denke nur an Shows wie „America’s Funniest Home Videos“ und weltweite Ableger wie „Bitte lächeln“.

Gibt es Studien darüber, was mit Kindern passiert, die auf diese Weise Teil der Unterhaltungsindustrie werden?

Es wurde sich viel mit Kinderstars in der Mainstream-Industrie beschäftigt, über rebellische Abgrenzungsversuche, Nervenzusammenbrücke oder emotionale Überforderungen, meist nachdem sie später ein neues Image im Showbusiness aufzubauen versuchten. Im Fall der Internetindustrie haben viele junge Erwachsene sich gegen den Druck des Marktes ausgesprochen. Beispielhaft zu erwähnen sind hier Michelle Phan, die aus gesundheitlichen Gründen mit der Branche gebrochen hat, der YouTuber KeyJumba, der sich nach der Abkehr von der Plattform der Religion zugewandt hat, oder die Lifestyle-Queen Essena O’Neill, die ihren tränenreichen Zusammenbruch öffentlich zur Schau stellte. In den letzten vier Jahren habe ich eine Gruppe von Kindern studiert, die buchstäblich ins Internet hineingeboren wurden, und analysiere derzeit, wie sie mit ihrem „vorbewussten“ Ruhm umgehen werden, wenn sie älter werden.

In einem deiner Videobeiträge erwähnst du Graeme Turners Begriff des „demotic turn“, der die zunehmende Sichtbarkeit von „gewöhnlichen Menschen“ in den Medien heute beschreibt. Auch im Theater gibt es ein zunehmendes Interesse an „realen Situationen“ und „Authentizität“, vor allem in der Arbeit mit Laien auf der Bühne, sogenannten Experten des Alltags. Warum sind wir so fasziniert von diesen Einblicken ins Unverstellte?

Wir erwarten, dass „gewöhnliche Menschen“ weniger geformt und gefiltert agieren und deshalb eine ehrliche Verletzlichkeit vermitteln. Sie zeigen die Zerbrechlichkeit des menschlichen Wesens, zu dem die Zuschauer/innen einen direkten Bezug aufbauen können. Sie bringen uns dazu, uns selbst in ihrer Situation wahrzunehmen und ihr Leben stellvertretend zu erleben.

Glaubst du, dass es ein anhaltender Trend ist, das Leben von Kindern öffentlich auszustellen oder ist es nur vorübergehendes Phänomen? Wie sollten wir in Zukunft damit umgehen, das Privatleben von jungen Menschen zu schützen?

Historisch gesehen wurden Kinder immer schon von der Unterhaltungsindustrie benutzt und ausgestellt, man denke nur an Talentshows, Kinderdarsteller/innen, Models oder Infotainment-Dokumentarfilme – ein sehr beliebtes Genre in Großbritannien. Nun, da es im Internet stattfindet – hochgeladen von gewöhnlichen Eltern, die es oft nur gut meinen und stolz sind auf ihre Kinder und damit virale Hits im Internet landen – gibt es einen starken Fokus darauf, dass das Leben von Kindern betrachtet, vermarktet und ausgenutzt werden kann, von jedem, zu jeder Zeit. Es ist wichtig, sich mit dem Thema, wie Privatheit und Öffentlichkeit immer stärker miteinander verschmelzen, ernsthaft zu beschäftigen – wie etwa die Professiorin Tama Leaver, die Richtlinien für Repräsentationen von Kindern im Internet entwickelt hat, oder die Organisation „Campaign for a Commercial Free Childhood“. Doch wir stehen noch sehr am Anfang.