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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Noch bis zum 8. Juni ist Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" am Volkstheater zu sehen. Jana von Ohlen hat den Abend bereits gesehen und sich Gedanken darüber gemacht...

Elfriede Jelineks Theatertext Rechnitz (Der Würgeengel) behandelt eines der Endphaseverbrechen des Zweiten Weltkrieges. In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 richtet Gräfin Margit von Batthyány auf ihrem Schloss in Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze ein Gefolgschaftsfest aus, das in einer Gewaltorgie mündet, bei der alle Grenzen überschritten werden. Zu Gast sind SS-Offiziere, Gestapo-Führer und lokale Nazi-Kollaborateure. Um Mitternacht versammeln sich in einem Nebenraum des Schlosses circa 15 betrunkene Partygäste. Gewehre und Munition werden verteilt. Kurze Zeit später werden 180 jüdisch-ungarische Zwangsarbeiter zusammen getrieben, gezwungen sich auszuziehen und erschossen. Die Gäste kehren in das Schloss zurück und feiern bis in den frühen Morgen. Bevor die Rote Armee Schloss Rechnitz erreicht, sind die Verantwortlichen bereits ins Ausland geflohen. Bis heute wurden sie nicht für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Auch das Massengrab wurde nicht gefunden. Es herrscht Unklarheit über die genauen Vorgänge dieser Nacht.

Symptomatisch für den Text ist Jelineks literarische Montagetechnik. Sie verschränkt verschiedene Diskurse miteinander, bezieht sich auf diverse Referenzen und Versatzstücke, die sie miteinander in Verbindung bringt. Basis für Rechnitz (Der Würgeengel) ist Louis Buñuels Film Der Würgeengel, in dem, ebenfalls während eines Festes, das Dienstpersonal die Feiernden in der Villa des Gastgeberpaares einschließt und den Schauplatz verlässt. Zu bemerken ist aber auch ein Thema, das Jelinek ohnehin umtreibt: die Unzulänglichkeit der Sprache, wenn es darum geht, Bericht zu erstatten, menschliches Tun exakt zu fassen. So kreist der Text um eine Leerstelle, einen „weißen Fleck“ der Geschichte, der durch Sprache kaum in seiner Gänze erfasst werden kann. Um das Geschehene literarisch und theatral überhaupt vermittelbar zu machen, setzt Jelinek die antike Figur der Bot/innen als erzählende Instanz ein. Sie sollen das Unaussprechliche versprachlichen und aus ihrer gegenwärtigen Perspektive von der Erinnerung an die Nacht des Massakers berichten. Doch auch ihre gefilterte Rekonstruktion verfehlt den Gegenstand und ist nicht unbedingt verlässlich. Die Bot/innen haben keine festen Rollenzuschreibungen. Sie stellen vielmehr ein Kollektiv des ungesicherten Wissens dar. So sehen wir uns mit dem Massaker konfrontiert, nehmen durch die Präsentation, die Textform, aber zunehmend Abstand von den Ereignissen.

Miloš Lolić inszeniert Rechnitz (Der Würgeengel) als Pop-Exzess und versucht, einen Schritt näher an das Moment der Orgie zu treten. Er konzentriert sich auf die Verknüpfung von Party, Ekstase, Sex und Gewalt, analysiert sein Sujet brutal. So treten die Bot/innen am Volkstheater Wien in Satin-Body, Netzstrümpfen und High Heels, schwarzem Hosenanzug oder Glitzerdress als Vertreter/innen der femininen Black Music auf. Während Musikvideos von Tina Turner, En Vogue, Janet Jackson und Beyoncé, Aretha Franklin und The Supremes an die hintere Wand der Bühne projiziert werden, die Musik tönt, wird Jelineks Text deklamiert, werden die Gräuel von Rechnitz beschrieben. Es wird offensichtlich kokettiert, es geht um Sex und die absolute Party. Die Blicke des Ensembles sind frivol und herausfordernd. Im Zentrum der Bühne steht ein aus Türen gefertigtes Gebilde, das wie ein Scheiterhaufen anmutet.

Lolićs Inszenierung ist ebenso unruhig wie Jelineks Text. Zwar ist sie szenisch ausformuliert, streng choreografiert und präzise in ihrem Timing, doch reden die Darstellenden unaufhörlich, immerzu wird getanzt und ständig werden die Outfits gewechselt. Die Übergänge sind fließend. Erbarmungslos prasselt eine Kombination aus Bildern und Text auf das Publikum herein. Das Motiv der ultimativen Party wird loopartig scheinbar endlos exerziert.

Ausgehend von Pop als Gemeingut rückt Lolić wieder näher an den Gegenstand, von dem sich die Textform Jelineks entfernt. Gemeinsames wird als Ausgangspunkt genommen, die Musik der letzten Dekaden fungiert als historische Bekundung. Musik ist Zeitgeist, der hörbar ist. Die eingespielten Party-Hits handeln neben Ekstase von Ignoranz und Respekt. Auffällig ist die Verschränkung von Black Music und Nazi-Verbrechen. Die Gräuel der nationalsozialistischen Ära werden mit den Verbrechen an people of colour in Bezug gesetzt, die auch in unserer gegenwärtigen Lebenswelt noch kein Ende gefunden haben – verbindendes Moment ist Rassismus. In derart direkter Kombination von Musik und Text ist die Inszenierung schließlich auch als Kommentar auf einen Zyklus der Geschichte, auf Kontinuitäten in der Missachtung der Opfer und im Hinwegsehen über Gewalttaten zu lesen. Es ist kein Ende der Party in Sicht – weder auf theatraler noch auf politischer Ebene.

Einer der letzten Songs der Aufführung ist Nina Simones Ain’t Got No, I Got Life. Zu sehen ist ein Video von Simone, wie sie an einem Klavier sitzt, eine Band im Hintergrund, eine ruhige – größtenteils weiße – Zuhörerschaft um sich herum. Erhaben singt sie: „Ain’t got no country / Ain’t got no schooling / Ain’t got no friends / Ain’t got no nothing / Ain’t got no water / Ain’t got no air / … / And what about life anyway? / What about God? / Nobody can take away / … / I’ve got a life / I’ve got freedom / I got life“.

Das Ensemble sitzt verausgabt und vor Erschöpfung atmend auf dem Boden um die Projektion und ist nahezu still. Dieser Moment ist äußerst kraftvoll und tief bewegend. Er ist so viel stiller als alle bisherigen, in denen Lolić einen Pop-Exzess inszenierte, der durch Party-Hits Jelineks Text gegenüber stand, zum Teil verklärt hat. In diesem Moment wird der thematisch-politische Schulterschluss zwischen den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und den Verbrechen an people of colour überdeutlich.

Lolićs Inszenierung bringt Jelineks Kreisen um diesen „weißen Fleck“ der Geschichte theatral wunderbar auf den Punkt.

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