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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Im Café Raimund sieht er dieses Mal zwei ältere Damen miteinander um die richtige Lebensführung ringen ...

Eigentlich wollte ich im Café Raimund, das gleich gegenüber dem Volkstheater liegt, keine Kolumne schreiben, sondern mich in Ruhe auf die abendliche Vorstellung vorbereiten.

Sätze von hereinströmenden Theaterbesuchern wie „Wos hamma denn heute im Abo? Romeo und Julia.“ „Uihh , des soll ja noch schlimmer sein ois da Nestroy.“ (ich spiele in beiden Stücken mit) prallten deshalb wirkungslos an mir ab,

Erst der Satz einer älteren Frau am Nebentisch ließ mich aufhorchen und fast schon automatisch den Bleistift zücken.

„Du solltest meditieren!“, sagte diese zu Ihrem auch nicht mehr jungen Gegenüber.

„Was soll ich?“, fragte diese erschrocken.

„Meditieren. Ich habe gesehen, ihr habt da so einen Aushang im Heim.“

 

In der Stille, die nach diesem kurzen Dialog eintrat, studierten beide die Speisekarte. Nun ist ja bekannt, dass es Vegetarier in Wiener Kaffeehäusern schwer haben, aber die Frage der Jüngeren an den eben erschienenen Kellner verblüffte selbst mich:

„Ist Speck in den Bacon and Eggs?“

„Ja, klar“, sagte der Kellner.

„Kann man den auch weglassen?“

„Kann man schon, aber dann ist es eigentlich kein Bacon and …“

„Danke.“

Der Kellner ging.

 

Die Jüngere nahm das Gespräch wieder auf:

„Auf dem Aushang steht, dass ihr zweimal die Woche meditieren könnt. Das täte dir sicher gut.“

„Warum?“

„Du wirst ruhiger.“

„Ich will aber nicht ruhig werden.“

„Schau, ich hab das auch gemacht. Du kannst mit regelmäßiger Meditation viel entspannter werden. Auch in Situationen, die dich früher vielleicht gestresst haben. Dein Denken wird klarer! Du hast nicht mehr so viel Chaos in Deinem Kopf. Und wenn du eine Zeitlang meditiert hast, dann … dann kannst du sogar deine Gedanken einfach beobachten. Das ist sehr entspannend, weil du nicht mehr auf alles reagieren musst, was in deinem Kopf ist. Du kannst natürlich immer noch, aber du musst nicht mehr!“

„Nein, ich brauch‘ das alles nicht.“

„Aber deine ganzen Probleme … also an deiner Stelle würde ich das machen. Du lernst, sie einfach wegzuatmen.“

„Wegzuatmen?“

„Naja, du entspannst dich, versuchst, an nichts denken …“

„Ich will aber an was denken …“

„… versuchst, an nichts zu denken“, fuhr die Jüngere unbeirrt fort, „… und plötzlich ist alles weg. Du musst nicht mehr schimpfen …“

„Ich will aber schimpfen …“

„Aber die Kränkungen und das alles, das geht dann weg.“

„Ich fühl mich aber so lebendig, wenn ich schimpfen kann. “

„Versuchs doch einfach. Wenn’s dir nicht gut tut, kannst du es ja bleiben lassen.“

 

Der Kellner erschien mit den gewünschten Speisen.

„Danke, ist da jetzt Speck drin?“

Der Kellner schüttelte den Kopf.

„Gut.“

Vor ihr landeten ein paar Spiegeleier.

Die Ältere sah sich mit einer Riesenportion Pommes samt Wienerschnitzel konfrontiert. Und einer spitzen Bemerkung der Jüngeren:

„Du, das ist aber nicht gesund, was du da bestellt hast.“

„Es schmeckt mir aber. Willst du mir das jetzt auch noch vermiesen?!“

Nach einer kurzen Pause sagte sie noch: „Siehst du, jetzt bin ich laut geworden und hab mit dir geschimpft. Und weißt du was? Es hat mir gut getan!“ Dann schob sie sich ein großes Stück Schnitzel in den Mund.