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Mit Theaterwissenschaftler Johann Hüttner und Historiker Werner Michael Schwarz spricht Mona Schwitzer, Stückdramaturgin von „Zu ebener Erde und erster Stock“, über die Enge im Wien Anfang des 19. Jahrhunderts und darüber, wo Johann Nestroy die Thematik seines Stückes wohl heute angesiedelt hätte.

Was ist, innerhalb des Nestroyschen Werkes, das Besondere an diesem Stück?

Hüttner: Nestroy hat kein Stück original geschrieben, bei diesem Stück kennen wir zum Beispiel die Vorlage nicht. Anfangs schrieb er eher Zauberspiele und Parodien, später kamen realistischere Stücke dazu, die auf politisch-kritische Wirkung zielten. Unter diese Kategorie fällt Zu ebener Erde und erster Stock, es ist tendenziell ein Volksstück. Den Begriff Volksstück verwendete man – wobei es durchaus ein fließender Begriff ist – im Regelfall für etwas, das nicht unbedingt lustig ist, sondern einen gewissen erzieherischen Sinn hat.

Wie sah die gesellschaftliche Realität im damaligen Wien aus?

Schwarz: Ungefähr 40 bis 50 Prozent aller Kinder wurden unehelich geboren. Ein ganz großer Prozentsatz dieser Kinder kam ins Findelhaus: Jeden Tag wurden dort 20 bis 30 Kinder abgegeben. Von diesen 20 bis 30 Kindern haben maximal drei bis vier das erste Lebensjahr überlebt. Die Lebenserwartung war generell extrem niedrig. Wien war zunächst noch ein Manufakturzentrum, aber mit dem Maschineneinsatz ungefähr ab den 1830er-Jahren wandert die Industrie ab aus Wien. So entstand eine neue Form von Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wurden am Land Menschen freigesetzt, die vorher in anderen Produktionsprozessen gearbeitet hatten und nun in der Stadt ihr Auskommen suchten. Wien war bevölkert von Dienstboten. In der Inneren Stadt waren etwa 40 Prozent der Bewohner Dienstboten, in der Stadt und den Vorstädten zusammen etwa 55.000 Menschen, gut ein Zehntel der Bevölkerung. Sie lebten unter extrem beklemmenden Umständen, hatten keinerlei soziale Absicherung, waren oft Agenturen und Arbeitsvermittlungen ausgeliefert.

Wie bewerten Sie, dass Nestroy diese Debatte um Arm und Reich aufnimmt?

Schwarz: Das Besondere an diesem Stück ist diese krasse Zweiteilung. In den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die sogenannte Pauperismusdebatte ganz zentral: Die Reflexion auf die beginnende industrielle Revolution und die mentalen, finanziellen und sozialen Verschiebungen, die sich daraus ergaben. Für mich als Historiker ist sehr faszinierend, dass Nestroy so ein Sujet in den 1830er-Jahren wählt und damit offensichtlich auf der Höhe der beginnenden zeitgenössischen Diskurse um die soziale Frage ist. Man begann genau zu diesem Zeitpunkt, sich soziologisch mit städtischer Armut auseinanderzusetzen.

Was hat überhaupt den Blick der Privilegierten auf die Armenviertel gelenkt?

Schwarz: Die Cholera 1830/31 war eines der Ereignisse, die die Eliten aufgeweckt haben: Die Epidemie begann zwar in den Armenquartieren – aber sie blieb nicht dort, sie bedrohte auch die Eliten. Es gab bereits viele kritische Geister damals. Aber gleichzeitig mangelte es komplett an dem, was wir heute Sozialgesetzgebung nennen würden. Zum Beispiel gab es einige Jahre, nachdem das Stück uraufgeführt wurde, eine Gesetzesvorlage, um die Kinderarbeit einzuschränken. Aber es gelang nicht, durchzusetzen, dass Kinder unter neun Jahren nicht arbeiten. Die neuen kapitalistischen Eliten genau wie die alte Hocharistokratie, die als Grundeigentümer sehr stark in den industriellen Produktionsprozess in Österreich involviert war, verhinderten das.

Welche Menschen waren damals das Publikum Nestroys?

Schwarz: Sein Publikum bestand wahrscheinlich nicht aus jenen Leuten, von denen das Stück erzählt. Die gingen wahrscheinlich nicht in dieses Theater.

Hüttner: In London und in Paris war das ganz anders, da gab es das Gegentheater. Da ist eine bestimmte Zielgruppe angesprochen worden, zum Beispiel Fabrikarbeiter. Hier dagegen waren die Vorstadttheater prinzipiell für alle da. Leute der Aristokratie oder des gehobenen Bürgertums gingen dort hin, um sich zu amüsieren, aber auch einfachere Leute – jedoch nur bis zu einer bestimmten Schicht.  Was etwa die Stubenmädchen betrifft: Das Hauspersonal hatte, wenn überhaupt, nur am Sonntagnachmittag frei. Am Vormittag haben sie noch in die Kirche gehen müssen, von Montag bis Samstag durchgehend arbeiten. Die gehen also Sonntag ins Theater und da gab es entsprechendes Programm. Es gab in Wien eher eine soziale Grenze nach unten als in den Nebentheatern in London und Paris.

Was sind die stadtplanerischen und baugeschichtlichen Hintergründe von Zu ebener Erde und erster Stock?

Schwarz: Diese Zweigeschossigkeit ist nicht untypisch für die Vorstädte, die damals gebaut wurden. Das eigentliche Wien ist damals noch von der Festung umgeben und stagniert ungefähr bei 50.000 Einwohner/innen, womit es ohnehin schon wahnsinnig voll ist. In der Innenstadt, also der Altstadt, gibt es fünf- bis sechsgeschossige Häuser. Wenn Besucher nach Wien kamen, erstaunte sie diese Dichte, Enge und Höhe meistens. Was es in vielen Großstädten ebenfalls nicht gab war, dass Arm und Reich oder zumindest Leute unterschiedlicher Schichten in einem Haus wohnten: Dienstboten oder kleine Beamte in der Dachkammer, arme Leute ganz unten. Dazwischen, in der Beletage, wohnten der Hauseigentümer oder die Aristokratie. Dieses ganz nahe Zusammenleben verschiedener Schichten gab es zum Beispiel in London nicht. Dort ging das alles in die Fläche, begegneten sich die Schichten immer weniger. In Wien fing das erst im 20. Jahrhundert langsam an, mit Vierteln wie Hietzing oder Döbling. Bis dahin war die Stadt sehr dicht strukturiert, ließen sich ständige Begegnungen mit Menschen anderer Schichten gar nicht vermeiden.

Im Stück ist es ja ebenfalls so: die Menschen im Haus beobachten einander, kennen die Gewohnheiten der anderen.

Schwarz: Das ist ein wichtiger Punkt im Stück, die Vorstellung einer Verbindung zwischen oben und unten. Im zeitgenössischen Diskurs gab es tatsächlich Menschen, die anfingen sich zu interessieren für die Lage der sogenannten Elenden. Es gab aber auch eine ganz dramatische Abwehr, die man heute als klassenrassistisch bezeichnen würde. Den Menschen aus den armen Schichten wurde zum Teil das Menschsein abgesprochen, weil sie solche Angst erzeugen.

Die zweigeschossigen Häuser mit der Möglichkeit einer direkten Verbindung zwischen Oben und Unten, Arm und Reich – die blieben ja auch nicht erhalten.

Schwarz: Das wurde zunehmend erweitert, drei- bis viergeschossig aufgestockt – aber dann oft auch wieder abgerissen. Es gab bereits in den 1830er- oder 1840er-Jahren eine Abrissspekulation. Deshalb ist der Begriff des Spekulanten im Stück auch interessant. Ich vermute, die meisten dachten damals an Miet-, Wohnungs- und Bodenspekulationen und nicht so sehr an ein Schiff, das irgendwo untergeht.

Im Stück verschachert der eine Spekulant seine Tochter an den anderen Spekulanten. Die männlichen Figuren sind sehr korrumpierbar und korrupt, die weiblichen Figuren hingegen sind stringenter in ihrer Moral.

Hüttner: Die weiblichen Figuren sind in der Regel relativ kleine Rollen. Das Komikertheater ist ein Männertheater. Viel interessanter ist, dass es keinerlei Selbstbestimmtheit der unverheirateten Frau gibt. Der Vater sagt: Du heiratest den. In vielen Stücken werden die Töchter als Kapital verwendet. Geld und Liebe sind bei Nestroy austauschbar. Die Töchter werden z.B. verwendet, um die Schulden des Vaters abzudecken, sie sind ein Sexualobjekt.

Wo würde denn ein heutiger Nestroy die Thematik der gesellschaftlichen Unterschiede ansiedeln?

Schwarz: Am ehesten würde er sich vielleicht der Praxis der Dachausbauten annehmen: Die, die es sich leisten können, haben oben die großen Dachwohnungen mit Terrassen. Die, die wenig haben, haben unten die einfachen Wohnungen der Spätgründerzeit. Da gibt es vielleicht noch so ein Nebeneinander im Zusammenleben. Aber ein radikales Aufeinandertreffen von Arm und Reich sehe ich heutzutage nicht unbedingt. Die Asylthematik wäre ein Thema für einen heutigen Nestroy, insofern, als Unterschiede zwischen Menschen nach ihrer Herkunft gemacht werden. Menschen aus anderen Ländern haben keine Möglichkeit, sich zu etablieren. Nestroy löst es in Zu ebener Erde und erster Stock auf eine relativ saloppe Weise: Das Glück lenkt am Ende alles. Aber Arm und Reich ist eine ewige Frage. Die Ursachen der Armut hinterfragt Nestroy nicht unbedingt. Das will sein Publikum wahrscheinlich auch nicht hören. Man beginnt damals erst, sich zu überlegen, was eine kapitalistische Ökonomie überhaupt bedeutet. Das ist für viele noch vollkommen irritierend.

Hüttner: Die Lösungsmöglichkeiten in Zu Ebener Erde sind ja ziemlich unglaubwürdig: Ich gewinne etwas. Die Lotterie war damals vor allem für Arme eine Möglichkeit, in die Zukunft zu schauen. Es ist also nicht meine Leistung, sondern der Zufall, der mich hinauf – oder hinabbringt.

Schwarz: Das finde ich interessant: der Zufall. Eine Ständegesellschaft, wo man von Geburt an oben oder unten ist und schließlich nur der Zufall etwas verändern kann – das ist ein bürgerlicher Zugang. Nestroy sagt, das Glück oder der Zufall entscheidet und oben und unten sind austauschbar. Das ist in den 1830er Jahren durchaus riskant. Man könnte ja auch sagen, die Welt oder das ständische System ist gottgegeben. Aber dieses Denken löst sich auf, das merkt man an solchen Stücken. Nestroy hat grundsätzlich schon globaler gedacht, wie auch das Schiffsunglück im Stück zeigt. Er muss viel mitgenommen haben von damaligen modernen Vorstellungen darüber, wie die Welt gebaut ist: Dass das Geld fließt wie Blut, das – global gesehen – zirkuliert zwischen oben und unten.

 

 

Johann Hüttner, Theaterwissenschaftler und Germanist, war von 2000-2004 Vorstand des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. Er ist einer der Herausgeber der historisch-kritischen Nestroy-Gesamtausgabe.

Werner Michael Schwarz ist Historiker, Universitätsdozent und Kurator im Wien Museum. Er verantwortete zahlreiche Ausstellungen und Publikationen zu Stadt-, Medien- und Filmgeschichte.