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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Stefanie Blauensteiner hat sich "Hakoah Wien" angeschaut – und einiges über Fußball gelernt.

Wie war es in der Zwischenkriegszeit, Jude in Wien zu sein? Dieser Frage geht das Stück Hakoah Wien der israelischen Regisseurin Yael Ronen nach. Das Ergebnis ist eine kurzweilige Theaterproduktion mit sehr vielen komischen, jedoch auch ernsten und kritischen Momenten, die den Zuseher/innen die Situation der Juden im Wien der 1930er-Jahre schildert.

Anlass hierzu ist der mit seiner Position als Vizeleutnant bei der israelischen Armee unglückliche Michael Fröhlich, verkörpert vom Bruder der Regisseurin Michael Ronen, der von Israel nach Wien geschickt wird, um Vorträge zu halten. Er trifft auf die hübsche Michaela Aftergut (Birgit Stöger), die mit einem Ersatztorwart (Knut Berger) verheiratet ist und behauptet, ihre Großmutter hätte eine Affäre mit seinem Großvater gehabt. Gemeinsam mit einem neu gewonnenen Freund, dem Hooligan Ulf, und seinem Großvater, der ihm leibhaftig erscheint, gelingt es Michael, seine und auch Michaelas gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten.

Obwohl ich viele fußballbegeisterte Familienmitglieder und Freunde habe, war mir „Hakoah Wien” bisher kein Begriff. Nun weiß ich, dass es sich um einen jüdischen Fußballverein handelte, der zwar spielerische Erfolge erzielte, jedoch in den Medien ignoriert und sogar diffamiert wurde. Auch im Stück hat der Verein eine tragende Rolle: Michaels Großvater war einer der begeisterten und talentierten, jedoch wegen seines jüdischen Glaubens verhassten Spieler, der nach Israel ging und seine Geliebte, die Großmutter von Michaela Aftergut, zurückließ. Fußball ist prinzipiell ein sehr präsentes Thema in Hakoah Wien. Schon am Anfang ahmt das eher wenig aufwändig gestaltete Bühnenbild eine Tribüne nach, die Schauspieler/innen werden wie in einem richtigen Fußballstadion mittels Lautsprecher mit ihrem Namen vorgestellt. Sie laufen in Trainingsanzügen ein – der Hauptdarsteller als Flitzer sogar nur in Unterhose. Immer wieder erklingen die Takte des Liedes Seven Nation Army von den White Stripes. Durch meinen Bruder weiß ich, dass dies die Torhymne im Rapid-Stadion ist. Als der Hooligan Ulf, gespielt von Sebastian Klein, versucht, seine Fußballkünste unter Beweis zu stellen, fliegt der Lederball, ob absichtlich oder unabsichtlich war für mich nicht ganz klar auszunehmen, ins Publikum, das aber die Situation wie auch das gesamte Stück mit sehr viel Humor nahm.

Fußball fungiert hier als Bindeglied zwischen drei Generationen, ist jedoch nicht das einzige Thema. Michael stellt das Experiment eines eigenen jüdischen Staates sehr in Frage und provoziert deshalb sogar Streit mit seinem Großvater, der in Wien so viel Hass erfuhr, dass er einfach nur noch weg wollte. Auch den Schauspieler/innen wird sehr viel Raum gegeben. So äußert sich Sebastian Klein am Ende kritisch darüber, dass ihm vor allem Nebenrollen zugetragen werden und hinterfragt seine schauspielerische Leistung. Das muss er aber nicht, denn alle Schauspieler/innen harmonieren hervorragend auf der Bühne und ergänzen sich perfekt. Yael Ronen schafft es, ernste Themen mit viel Humor zu spicken, sodass ich als Zuseherin sehr glücklich hinausging. Glücklich darüber, ein wirklich kurzweiliges, informatives und humorvolles Stück gesehen zu haben, das ich auch Nicht-Fußballfans sehr ans Herz legen kann.

Stefanie Blauensteiner (26) betreibt den Blog Die Kulturwienerin und schreibt hier in unregelmäßigen Abständen über Stücke am Volkstheater.

Das Format Sichtweisen wird ab sofort in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.