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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Heute: Ein Hoch auf das Café Weidinger.

Es gibt Kaffeehäuser in Wien, die müsste man als „besonders schützenswert“ einstufen. Oder subventionieren. Zum Beispiel das Café Weidinger.

Dieses von außen betrachtet schäbige Eckkaffee gegenüber der U-Bahnstation Burggasse/Stadthalle ist inwendig eine Oase der Urbanität, der Kreativität und des generationsübergreifenden Austausches. Hier lernen junge Deutsche von ihren österreichischen Kolleginnen die Kunst des Tarockspiels, hier treffen sich Journalist/innen mit ihren Gesprächspartnern für Interviews, hier trinkt die Schriftstellerin und Lokalgröße Stefanie Sargnagel ihre Biere, hier sitzen Musiker vor ihren Laptops und komponieren, hier spielt man für zwei Euro achtzig die Stunde Karambol, hier gibt es noch eine ganz altmodische Kegelbahn im Keller, deren Reservierung nur Stammkund/innen vorbehalten ist, hier schneit es zu gewissen Zeiten Zuhälter herein, morgens auch Arbeiter, die ein schnelles Bier trinken, bevor sie auf ihre Baustellen gehen, hier hilft ein freundlicher Chef als Hilfskellner aus, wenn Not am Mann ist, hier herrscht eine vibrierende Ruhe, die man so in anderen Cafés nicht findet. Auch ein völliger Mangel an Touristen zeichnet das Café aus. Wie auch. Die Gegend ist ja alles andere als einladend.

Im Raucherbereich riecht es nach Rauch, das ist ja klar, aber auch der Nichtraucherbereich mit den Billardtischen verströmt einen ganz eigenen, etwas süßlichen Geruch, der in der Nase hängenbleibt. Alles, vor allem der Küchenbereich, sieht aus wie ein Bühnenbild von Anna Viebrock (Bühnenbildnerin von Christoph Marthaler), die Kellner/innen sind durch die Bank freundlich, bis auf einen, der notorisch mehr Biere verrechnet, als man getrunken hat, weil er immer den Überblick verliert. Aber das ist bei den dort geltenden Preisen leicht zu verschmerzen.

Ein jüdischer Wissenschaftler, vermutlich Amerikaner mit Wiener Wurzeln, der lange Zeit am Nebentisch mit einer Journalistin eine seiner Veröffentlichungen besprochen und sich schon von ihr verabschiedet hatte, sagte plötzlich, schon im Mantel, zu ihr, mit diesem typischen amerikanisch-wienerisch-jüdischen Akzent: „Ich würd‘ gern noch ein bissl dableiben. Hab‘ so lang nicht mehr Tarock gespielt. Mecht noch a bissl kiebitzen!“

Die Journalistin, mit Blick auf die vielen Tarockrunden im Raum: „Naja, vielleicht lassen die Sie ja mitspielen!“ „Mal sehen“, sagte der Amerikaner und stellte sich ganz diskret in die Nähe eines der Kartentische. Ich musste dann gehen, aber ich habe mir für ihn gewünscht, dass er bei einem der Tische mitmachen durfte.

Während draußen Drogenhändler ihre Arbeit verrichten, der Gürtelverkehr tobt und nebenan ein seltsam provinziell anmutendes Publikum in die Lugner-City strömt, strotzt es drinnen im Café vor Weltläufigkeit und ritualisiertem Pensionistenalltag.