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Interview mit "Concord Floral"-Autor Jordan Tannahill

Michael Isenberg: Beim titelgebenden Concord Floral handelt es sich um ein stillgelegtes Gewächshaus in Kanada, das mittlerweile abgerissen wurde. Wie entstand die Idee, ein Stück über diesen Ort zu machen?

Jordan Tannahill: Ich bin als Teenager in den Vororten von Ottawa groß geworden, meine Freunde und ich haben Rückzugsorte für uns in den verlassenen, wenig frequentierten Orten in unserer Nachbarschaft gefunden: die überdimensionierten Parkplätze, die leeren Wartehäuschen, die unbeleuchteten Parks und Wege abseits der Hinterhöfe. Dies waren Orte nur für uns, an denen wir uns trafen, experimentierten und erwachsen wurden. Einige Jahre später, ich war Anfang 20, war ich auf einer Party im Concord Floral, ein etwa eintausend Quadratmeter großes, stillgelegtes Gewächshaus in einem ruhigen Vorort von Toronto. Ich sah die Haufen alter Zigarettenstummel, zerbrochene Bierflaschen, Unterwäsche, benutzte Kondome, Graffitis und ich wusste, dass das Gewächshaus wie ein Paradies für Jugendliche war, schon seit mehreren Generationen. Wie die Orte meiner Jugend. Ich begann darüber nachzudenken, wie Heranwachsende solche Schwellenräume aufsuchen, die von der Erwachsenenwelt negiert werden – besonders in den Vororten, wo es keine anderen Räume dieser Art für sie gibt. Zur selben Zeit las ich Giovanni Boccaccios Dekameron, eine Allegorie aus dem 14. Jahrhundert. Zehn Jugendliche fliehen aus der von der Pest heimgesuchten Stadt Florenz in eine verlassene Villa in der ländlichen Umgebung. Ich mochte die Idee, diese mittelalterliche Erzählung auf das Umfeld eines modernen Vorortes zu übertragen.

Jordan Tannahill © Lacey Creighton

Du hast einmal geschrieben, der Text sei eine „Vorort-Horror-Geschichte, eine mittelalterliche Allegorie trifft auf: ‚Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast‘, mit einer gesunden Dosis von magischem Realismus“. Wie kamst du dazu, diese Genres und Stile miteinander zu verknüpfen?

Amerikanische Horrorfilme sind vielleicht das Genre, das am meisten über das Leben in Vororten erzählt. Ich glaube, Horrorfilme drücken etwas Triebhaftes und Tiefsitzendes über die Erfahrung von Jugendlichen aus wie nur wenige andere Genres. Und was die Pest angeht – der Körper verwandelt sich und wird monströs, die Panik der Infektion, das Gefühl eines göttlichen Strafgerichts für vergangene Vergehen – das klingt in vielen Horrorfilmmotiven nach. So lag die Verbindung all dieser Elemente für mich sehr nah.

Du hast das Stück gemeinsam mit den Regisseurinnen Erin Brubacher und Cara Spooner und zehn Jugendlichen im Zeitraum von 2012 bis 2014 entwickelt. Wie gestaltete sich dieser Prozess?

Ich habe zunächst einen Text geschrieben, basierend auf meinen eigenen Vorstellungen und meinen Erfahrungen als Jugendlicher. Nach verschiedenen Veränderungen des Textes begannen die Proben mit einem Rohentwurf. Wir veränderten den Text in der Arbeit mit den jungen Menschen, passten die Referenzen und die Sprechweise an. Über vier Jahre, zwischen dem ersten Workshop und der Wiederaufnahme in Kanada 2016, wurden die verschiedenen Gruppen von Jugendlichen, mit denen wir arbeiteten, zu einer Art erweiterten Familie. Ihre Mitarbeit während der Proben half uns, die Welt von Concord Floral lebendig werden zu lassen und beeinflusste zweifellos, in verschiedenen Nuancen, die Gestalt des Textes.

Welche Erfahrungen hast du in der Arbeit mit den Jugendlichen gemacht?

Ich habe gelernt, dass wie Dinge gemacht werden, bestimmt, was gemacht wird. Ich sehe so oft Arbeiten mit Jugendlichen, die herablassend oder ausbeuterisch wirken – und dies fängt mit dem Entwicklungsprozess an. Erin, Cara und ich haben hart daran gearbeitet einen gemeinsamen Raum zu schaffen, in dem ein Gespür für Spiel, Erforschung und gegenseitigen Respekt entsteht, und dies floss alles hinein in die DNA des Stückes.

„Auf der Suche nach dem lebendigen Drama“, so lautet der Untertitel deines theatertheoretischen Buches Theater der Unbeeindruckten. Was bedeutet das für dich?

Die besten dramatischen Arbeiten setzen der Gegenwart nicht nur den Spiegel vor, sondern versuchen sie auch zu ändern. Sie greifen durch den Spiegel, packen und schütteln uns. Danach suche ich, egal für welches Medium ich arbeite.

Du bist ein sehr junger Autor, gerade einmal 30 Jahre alt, und kannst bereits eine große Bandbreite an Arbeiten vorweisen – von biblischen Allegorien bis hin zu sehr persönlichen Geschichten, Theater, Film, Performance, Roman usw. Womit wirst du dich in Zukunft beschäftigen?

Als Autor und Künstler versuche ich alles, was mich interessiert, so weit zuzulassen, dass es mich zu einer Form führt. Zurzeit schreibe ich ein neues Stück über eine Tochter, die versucht ihre Mutter aus einem religiösen Vorortkult zu befreien. Es ist eine Meditation über Macht, es geht um die Rolle von Religion und dem Übernatürlichen in der westlichen Zivilisation.

 

Headerfoto: © Alexi Pelekanos / Volkstheater