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"Fasching", das Opus Magnum des 1969 verstorbenen Gerhard Fritsch, verdiente mehr Beachtung, als ihm bis heute zuteil wird. Das liegt auch an der Frage, die dieser Roman stellt: Wieso töten Menschen einander? Einer Frage, die heute genauso stört, wie sie es im 20. Jahrhundert getan hat. Und genau deshalb gestellt werden muss.

Es könnte, sollte womöglich vielen zeitgenössischen Autor/innen zu denken geben: Als Gerhard Fritsch in den Nachkriegsjahren seine Karriere als Dichter und Prosa-Autor begann, sah alles danach aus, als würde es eine große, im besten Sinne solide werden. Als würde er, wie sein Freund Thomas Bernhard, der damals noch der großzügigen, fachkundigen Förderung seines Freundes Fritsch bedurfte, einstmals in den Kanon der „großen österreichischen Literatur“ eingehen. Es kam, wie man heute weißt, ein wenig anders. Am 28. März 1924 als Sohn eines Mittelschullehrers geboren, hatte Fritsch das so zwangsläufige wie glücklose Schicksal seiner Altersgenossen: ein Leben gezeichnet vom Krieg. Der Vater war Berufsoffizier gewesen und Oberleutnant der k.u.k.-Armee im ersten Weltkrieg. Er war „der sanfteste Mensch auf Erden“, erzählt der Enkel, Gerhard Fritschs Sohn Georg, ein Mann „ohne jeden Anflug von Zackigkeit“. Aber was als Atmosphäre durch die damalige Zeit waberte, gesprochen, gesagt und getan wurde, das konnte an Gerhard Fritsch ebenso wenig vorüberziehen, wie an allen anderen. Der Faschismus, sagt Georg Fritsch, ist vielleicht eben nicht nur Gedankengut. Sondern „ein Zustand, den man mit der Muttermilch aufnimmt.“ Wenn das so ist, dann haben sich die vom Militärischen korrumpierten Umgangsformen wohl nachhaltig in das Denken, Fühlen und Dichten Fritschs eingeprägt – so wie der Stechschritt nachhallt, den der junge Felix Golub in Fasching einfach nicht lernen will. Obwohl die Tante über die „Sauwirtschaft“ schimpft. Fritsch also wird mit 18 Jahren, kurz nach seiner Matura, zum Dienst in der deutschen Wehrmacht eingezogen.

© Georg Fritsch

© Georg Fritsch

Aus dem Krieg zurückgekehrt, baut sich Gerhard Fritsch das auf, was gemeinhin als normales, ja auch gelungenes Leben gilt: er beginnt ein Studium (Germanistik und Geschichte), arbeitet als Gymnasiallehrer und Verlagslektor, nimmt eine Anstellung als Bibliothekar bei den Wiener Städtischen Büchereien an, gründet eine Familie. Am Ende wird er aus drei Ehen vier Kinder haben und, wie sein Sohn heute sagt, dieses „Naturgegebene als Unauflösbares erleben und sich nie trauen, daraus tatsächlich zu fliehen.“ Nebenher veröffentlicht der rastlos arbeitende Fritsch Gedichte und 1956 seinen ersten Roman Moos auf den Steinen. Ein Erfolg. Von vielen als Ode an die Restauration missverstanden, wird der Roman über die scheiternde Renovierung eines Schlosses im Marchfeld zum vermeintlichen Startschuss einer großen schriftstellerischen Karriere. Fritsch erhält den Förderungspreis zum österreichischen Staatspreis für Romane. Es hätte ein Anfang sein können.

Jedoch: Fritsch will keine Rückkehr, keine Restauration. Er will etwas anderes tun, etwas anderes vor allem sagen. Fritsch kündigt seine Anstellung und wird Redakteur bei der Literaturzeitschrift Wort in der Zeit. Er wird sich nun an seinen zweiten Roman, Fasching, heran arbeiten, der 1967 schließlich, nur wenige Jahre vor dem Tod des Autors, erscheint. Fasching, diese sprachlich so wagemutige wie anspruchsvolle, inhaltlich so schmerzlich realistische Darstellung der Zustände in einem ganz und gar nicht geläuterten Nachkriegsösterreich. Wenn sich die Menschen hier die garstigen Larven ihrer Faschingskostüme aufsetzen, dann reißen sie eigentlich nur die Masken der braven Bürgersleute herunter und zeigen, was sie wirklich sind: brutal und egozentrisch und in der gemütlichsten Schunkellaune ohne jedes Mitgefühl für ein anderes Lebewesen. Die Kritik reagierte auf dieses allzu scharf konturierte Spiegelbild, das den Österreichern (den Menschen im Allgemeinen, um genau zu sein) vorgehalten wurde, feindselig und abwehrend. Mit der Karriere des Gerhard Fritsch war es zu diesem Zeitpunkt endgültig vorbei. Er starb in der Nacht zum 22. März 1969, kurz vor seinem 45. Geburtstag. Der Misserfolg von Fasching hat ihn nachhaltig beschädigt; oder, wie sein Sohn Georg sagt: „Der Verfasser, der ja kein Idiot war, hat sich davon wirklich etwas erwartet. Dass das nicht eingetreten ist, hat ihn nicht nur gestört, sondern ganz enorm enttäuscht.“

© Otto Breicha

© Otto Breicha

Die Frage, die sich bei alldem stellt, ist: Was hat es mit diesem Roman auf sich, der zweifelsohne formal wie inhaltlich mehr Bedeutung haben sollte, mehr Beachtung verdienen würde, als es bis heute der Fall ist. „Es ist natürlich ein Schrei“, sagt Georg Fritsch, „kunstvoll durchaus, eine Kunstübung, die über vieles hinausgeht, was Zeitgenossen in der Prosa geleistet haben – und gleichzeitig eine Verdammung. Aber das ist ausradiert worden, bis heute.“ Man könnte glauben (und tatsächlich tun das auch viele), die – teilweise autobiografisch motivierte ­– sexuelle Motivik, das überdeutliche Ausgestalten sadomasochistischer, von Cross-Dressing akkordierter Phantasien mache das buchstäblich abstoßende Moment des Romans aus. Oder schlicht das allzu deutliche Aussprechen dessen, was eigentlich jeder weiß: Österreich ist nicht entnazifiziert. Ist es die Glorifizierung eines Deserteurs, die man dem Roman nicht verzeihen wollte – nicht einmal diese ansatzweise Glorifizierung?

Tatsächlich gibt es einen Text Gerhard Fritschs, der womöglich den Schlüssel bietet: Das Versäumnis, entstanden um das Jahr 1949 herum. Er erzählt darin von einem jungen Gefreiten, der einen alten Mann erschießen soll. Er kann es nicht; aber er hindert auch seinen Kameraden nicht daran, es zu tun. „Ich glaubte, keine Entscheidung zu haben. Ich unterdrückte auch den Versuch, diesem alten Mann ein gutes Wort zu sagen. Ich schoß nicht, aber ich schwieg und gab die Waffe dem anderen.“ Es ist dieses Unbegreifliche, aus dem Fritschs Schreiben erwächst. Die Frage, wieso ein Mensch einen anderen töten muss, dem er gerade noch in die Augen geschaut hat. Und es ist das, was so viele nicht ertragen können an seinem Schreiben: dass er den Krieg nicht feiert wie ein Ernst Jünger. Das Soldat-Sein nicht glorifiziert wie ein Wolfgang Borchert. Dass er keine Agenda hat, keine politische Überzeugung, die er mit seinem Schreiben verfechten, anpreisen müsste (alles Antifaschistische nämlich entspringt bei ihm schlicht einem unhintergehbaren Bestehen auf Menschlichkeit). Alles, was er tut, ist zu fragen: Wieso töten Menschen einander? Es ist eine Frage, die im 21. Jahrhundert genauso stört, wie sie es im 20. Jahrhundert getan hat. Man muss sie genau deshalb immer wieder stellen.