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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Dieses Mal erkennt er: in der Schweiz ist es auch nicht besser. Nur das Niveau ist höher.

In den Sommerferien war ich wieder einmal zu Besuch in der Schweiz.

Diese ist mir, obwohl ich 19 Jahre dort gelebt habe, ein wenig fremd geworden.

Dann aber traf ich in der Strega-Bar in Chur auf einen überaus kommunikativen Podologen. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, dass es sich um einen Fußpfleger handelte. Was zuerst noch ein Dialog war („Aha, Sie sind Fußpfleger, ist das nicht eher ein Beruf für Frauen?“ – „Nai, gar nit. Erfunda hend das Männer!“ – „Aha, interessant!“ – … ), entwickelte sich zunehmend zu einem Monolog des Schweizers. Von spanischen Podologenmachos zu portugiesischen Machos zu Ausländern ganz allgemein und von diesen direkt zu den Türken im Besonderen.

„Waisch, wia dia Türka das machend? Die machen as Gschäft uff (auf), denn hends (haben sie) Schulde, denn kriegends a Kontrolla (bekommen sie eine Kontrolle), dann überschriebends das G’schäft der Frau und, wenn das au nit klappt, der Tochter und lönd sich vo ira astella (lassen sich von ihr anstellen). Dia kriagsch du nümm weg us dr Schwiz (nicht mehr weg aus der Schweiz).“

Ich begann mich schön langsam heimisch zu fühlen und konnte noch knapp einwenden: „Da können doch die Türken nichts dafür, wenn die Schweizer Gesetze das zulassen“, da war der Schweizer schon nicht mehr zu bremsen:

„Do sind miar d’Slowaka liabr, verstosch? Dia nehmend zwor da Portugiesa jetzt d’Arbeitsplätz weg, well sie billiger sind, aber dia sind selber tschuld. Rennen wega jeder Klinigkeit zur Gwerkschaft. Wend (Wollen) kai Überstunda macha. D’Slowaka hingega machen gera (gerne) Überstunda. Dia schaffen (arbeiten) nur do. Und denn gönd sie widr hai (gehen sie wieder nach Hause). Dia andera wend alli doblieba (wollen alle dableiben). Dia Türka, dia Portugiesa … Und jetzt no die viela Flüchtling! Was das alles koschtet!“

Ich fühlte mich schon fast wie in Wien, versuchte, noch vorsichtig einzuwenden: „Aber für die Schweiz sind die Flüchtlinge doch wirklich kein Problem, für ein so reiches Land!“, da rauschte es gurgelnd aus tiefster Schweizer Kehle: „Ja, kasch denka (ja, denkste)! Luagemr amol (schauen wir einmal) in zehn Joahr! Miar sind bis über d’Ohra verschuldet!! Die Stadt, dr Kanton, dr Bund. Und dr Wirtschaft goats au nit guat (gehts auch nicht gut). Nei, üsers Sozialsystem isch am Kippa, wenn das so witrgoat (Nein, unser Sozialsystem ist am Kippen, wenn das so weitergeht)!“

Jetzt fühlte ich mich endgültig wie zu Hause. (Einziger Unterschied: In der Schweiz wird auf einem viel höheren Niveau gejammert.)