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Am 23. Jänner hat "Romeo und Julia" in der Regie von Philipp Preuss Premiere am Volkstheater. Mit Andrea Heinz sprach er vorab über die Liebe als Ereignis, inwiefern sie ein Gegenentwurf zur neoliberalen Vermarktungslogik ist und darüber, wieso bei ihm eine ganze Liebes-Demo auf der Bühne steht.

Andrea Heinz: Romeo und Julia ist so etwas wie der Inbegriff eines Theaterklassikers – aber was kann uns dieser klassische Stoff heute noch sagen?

Philipp Preuss: Der Text kann uns zeigen, wie die Liebe neu oder anders zu denken wäre – nämlich als ein Ereignis. Der französische Philosoph Alain Badiou hat das 2009 in Éloge de l’amour (dt.: Das Lob der Liebe, 2011) beschrieben. Er zeigt die Liebe als Möglichkeitsform, als Gegenentwurf zu einer utilitaristischen Gesellschaft, in der alles Nutzen und Mehrwert haben, alles veräußerbar sein muss. Er dagegen sagt: Die Liebe gehört überhaupt nicht in diese Verwertungszusammenhänge. Sie ist herrlich sinnlos, in sich komplett anarchisch. Für ihn hat so ein Ereignis auch eine politische Dimension: ein Moment, nach dem nichts mehr so ist wie davor. Mich interessiert, ob man die Liebe wieder in dieser Weise entdecken kann, jenseits aller romantischen Klischees, wie sie in Hollywood-Filmen oder Werbungen reproduziert werden.

Von welchem Liebesbegriff reden wir dagegen bei Romeo und Julia?

Es hat mit Auflösung, mit Identitätsauflösung zu tun. Man versucht gar nicht mehr, etwas aufrechtzuerhalten, man gibt sich für dieses Gefühl her. Badiou nennt es die „Bühne der Zwei“, auf der die beiden sich treffen – aber nicht, um jemals Erfüllung zu finden. Darum geht es nicht. Es bleibt bei einem Denkraum, in dem man sich gemeinsam erlebt, in dem man versucht, sich gemeinsam etwas vorzustellen. Diese Form von Liebe hat extrem viel mit Schmerz zu tun, mit Verlust und Angst. Erfüllung gibt es für diese Liebe erst im Tod. Es ist die logische Konsequenz aus diesem Liebesbegriff, dass man dafür sterben würde.

So, wie Romeo und Julia das tun?

Die zwei wollen ihre Liebe bis zum Tod durchkämpfen. Julia will sofort heiraten – und zwar nicht aus moralischen Gründen, sondern als Zeichen ihrer untrennbaren Bindung. Die beiden Liebenden wollen sich gegen ihre Familien, gegen diese Hass-Gesellschaft behaupten. Das hat nichts mit Romantik, nichts mit Bürgertum zu tun, sondern vielmehr mit einem unglaublich anarchischen Liebesbegriff. Was in diesem Stück verhandelt wird, ist insofern absolut modern. Es gibt zum Beispiel die Figur des Paris, der bei uns stark aufgewertet wird. Auch er liebt Julia, er will sie ebenfalls bis zum Schluss für sich gewinnen. Bei Shakespeare liegen schließlich alle drei in einem Grab. Alle, die in dieser Konsequenz lieben, enden im Tod.

Ist diese Form von Liebe eine exklusive – oder kann das jeder/m passieren?

Absolut. Es gibt diesen wunderbaren Satz von Arthur Rimbaud: „Die Liebe muss immer wieder neu erfunden werden.“ Und sie kann tatsächlich immer wieder total einschlagen. Nur wenn man sich dagegen schützt, macht nicht die Liebe blind, dann ist man selbst blind für die Liebe. Man kann einander ja auch verpassen – absichtlich sogar.

Wo genau siehst du die politische Dimension dieses Liebesbegriffes?

Eine politische Idee ist größer als das eigene Leben. Etwas, für das man bereit ist, sein Leben aufzugeben. Das macht die Liebe so unkorrumpierbar. Von unseren Politiker/innen bringt niemand mehr eine solche Leidenschaft auf, für irgendeine Idee zu sterben. Flüchtlinge sind bereit, ihr Leben zu lassen für ihre Idee von Freiheit, von Europa. Ich wüsste kaum jemanden, der bei uns bereit wäre, diese Idee mit seinem Leben zu verteidigen. Da emigriert man lieber …

Wie sieht dann aber die konkrete Utopie aus, die sich aus dieser Form der Liebe ergibt – was verändert das, politisch, in der Gesellschaft?

Es geht zuerst einmal darum, sich der neoliberalen Vermarktungslogik, dem Optimierungszwang zu entziehen und zu widersetzen – und eben nicht immer nur darauf zu schielen, wie man das Beste aus seinem Leben herausschlagen kann. Schon alleine, wenn man es schafft, diesen Verwertbarkeitszwang zu hinterfragen, hat man eine andere Haltung zum Leben. Es gibt schließlich auch viele Dinge, die sich nicht veräußern lassen: der Traum, das Unterbewusste, in letzter Konsequenz auch der Tod. Wenn ich in einem solchen Geist lebe, bin ich natürlich auch viel eher bereit, politisch konsequent zu leben. Liebe darf ja nicht mit Hedonismus verwechselt werden. Es geht nicht darum, dass es einem deswegen besser geht – die Liebe schlägt ganz einfach dermaßen ein, dass alles möglich wird und das ganze Leben zur Disposition steht.

Wenn man sich Romeo und Julia dahingehend anschaut, dann heißt das: ein intensives Leben – mit hohem Einsatz.

Das ist der radikale Gegenentwurf zu Phänomenen, wie sie Badiou beschreibt. In Frankreich gibt es Agenturen, die Liebe ohne Schmerz, ohne Risiko versprechen. Man kann von vorneherein für sich festlegen: Dieses Gefühl des Abgrundes will ich nicht (mehr) erleben. Schließlich kann jeder spüren, was an Vernichtung, an absoluter Konsequenz in der Liebe steckt. Um das zu vermeiden, gibt es diese Agenturen, die damit werben: Verliebe dich – aber leide nicht! Wir sitzen hier in einem Kaffeehaus, in dem Rauchverbot herrscht, sind einem ständigen Angstdiktat unterworfen, sehen überall Gefahr und Krankheit lauern. In so einer Welt ist es natürlich völlig anachronistisch zu sagen: Mir ist das egal, ich würde auch sterben für diese Idee, für diese Liebe. Der Tod aber ist die letzte Konsequenz, die man immer mit zu bedenken hat. Auch das Ende einer Liebe wird ja wie ein Sterben empfunden. Man sieht das bei Romeo und seiner früheren Geliebten Rosalinde. Er empfindet das Ende der Beziehung wie den plötzlichen Tod dieses Menschen. Trauer und Liebeskummer sind sich in vielem sehr ähnlich.

Viele wollen diese Gefahr lieber nicht eingehen …

Die Frage ist tatsächlich: Kann man sich dem öffnen, obwohl man weiß, was es bedeuten würde? Oder sucht man das zu verhindern, weil man befürchtet, andernfalls nicht mehr arbeiten, in dieser Gesellschaft nicht mehr funktionieren zu können. Auch das hat natürlich mit unserer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft zu tun. Man schützt sich vor der Liebe, weil sie einem die mühsam aufgebaute und abgesicherte Identität zerbröseln und zerstören könnte. Stattdessen sieht man das eigene Leben als Projekt, bei dem man möglichst die „beste“ Selbstverwirklichung erreichen muss. Das hat ganz viel mit Egoismus, aber auch mit Bequemlichkeit zu tun. Irgendwann wird das bessere Leben schon kommen, denkt man sich – aber es verschiebt sich bloß immer weiter nach hinten. Die Liebe dagegen ist so etwas wie die permanente Revolution.

In deiner Inszenierung stehen insgesamt drei Julias und drei Romeos auf der Bühne – warum hast du dich für diese Interpretation entschieden?

Wir zeigen nicht das eine außergewöhnliche Paar als große Ausnahme, als „Wunder“. Indem man es verdoppelt oder verdreifacht, wird es zur Gruppe. Und dann funktioniert es vielleicht wie Gesellschaft. Man sieht, was passieren würde, wenn man diese Liebesbeziehung eben nicht als individuelle, sondern als gesellschaftliche Angelegenheit denkt. Das macht auch anschaulich, wie eine Identität konstruiert ist, wie viele Dinge in einer als „Ich“ definierten Person sich eigentlich komplett zuwiderlaufen. Wenn man die Figuren der beiden Liebenden jeweils zu dritt spielt, kann man diese oft widersprüchlichen Antriebskräfte auf die Bühne bringen. Man entdeckt als Zuschauer/in vielleicht auch eher Konstellationen, in denen man sich selbst wiedererkennt.

Mich erinnert das sehr an den Slogan vom Privaten, das politisch ist …

Es heißt ja immer, das Private verschwindet aus dem öffentlichen Raum. Aber im Grunde ist doch das Gegenteil der Fall: Die Privatsphäre verdrängt überall das Öffentliche. Alle können sich für sich selbst absolut privat fühlen, es gilt der Imperativ „Noli me tangere“ („Rühr’ mich nicht an“). Alle haben ihr Handy bei sich, als würden alle ihre vier Wände mit sich herumschleppen. Die Liebe aber, die eben nicht nur ein Eins-zu-eins ist, bricht diesen Solipsismus auf und hat damit automatisch eine gesellschaftsbildende Kraft. Das sind nicht nur zwei, die das für sich ausklamüsern – es ist eine Gruppe. Eine Liebes-Demo!

Du arbeitest bei dieser Inszenierung mit sechs Klavierspieler/innen auf der Bühne – wieso hast du dich für Live-Musik entschieden?

Theater entsteht immer aus dem Risiko des Augenblicks, deshalb finde ich es sehr viel spannender, wenn die Musik live gemacht wird und nicht aus der Konserve kommt. Die von Kornelius Heidebrecht speziell für diese Inszenierung komponierte Musik ist ein zusätzlicher metaphysischer Raum. Wir bringen so eine andere Welt auf die Bühne. Man muss den in Shakespeares Text immer wieder und wieder neu verhandelten Aspekt des Todes nicht mehr sprachlich illustrieren, sondern kann ihn durch die Musik quasi als emotionalen Raum mitschwingen lassen. Die Musik erzeugt dieses Traumhafte, Triphafte, so dass man, hoffentlich, in einen Strudel kommt, in einen Sog.

 

Romeo und Julia hat am 23. Jänner um 19.30 Uhr Premiere im Volkstheater. Bereits am 22. Jänner findet die öffentliche Generalprobe statt.