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Seyneb Saleh spielt in Nikolaus Habjans Inszenierung von Albert Camus' "Das Missverständnis" die Rollen der Mutter und der jungen Ehefrau Maria. Dramaturgin Heike Müller-Merten sprach mit ihr über das Gefühl, in zwei Welten zu leben, das "Mittelmeerische Denken" und ihre Erlebnisse an der serbisch-ungarischen Grenze.

Heike Müller-Merten: Der Autor Camus, der im algerischen Mondovi als Sohn eines französischen Einwanderers und einer spanischen Mutter geboren wurde, war ein Leben lang Wanderer zwischen Nordafrika und Europa. Mit 27 Jahren ging er nach Europa und lebte als Journalist und Schriftsteller in Paris und Lyon. Trotzdem hat er die Einfachheit des ärmlichen Lebens in seiner algerischen Heimat in seinen Schriften verklärt und ihr immer den Vorzug vor Europa gegeben. Europa blieb ihm mit seinem Streben nach materiellen Gütern fremd. Empfindest Du Dich auch aus zwei Welten kommend?

Seyneb Saleh: Ja – wobei ich das nicht immer so wahrgenommen habe. Als Kind war alles noch sehr einfach: Ich lebe in einem Land namens Deutschland und ich spreche zu Hause Deutsch – also bin ich Deutsche. Erst viel später ist mir durch  Reaktionen von außen klar geworden, dass es nicht so einfach ist. Mein irakischer Vater hat zu Hause nie arabisch mit uns gesprochen, aber ich kenne die Sprache durch Fernsehsendungen auf Al Jazeera. Durch meinen Vater, unsere Aufenthalte in arabischen Ländern, im Irak und Marokko und durch die muslimische Erziehung bin ich mit der orientalischen Kultur aufgewachsen. Die Frage ist doch immer: Bezieht man sich auf diese kulturelle Diskrepanz oder sucht man die Gemeinsamkeiten? Wenn ich einen gravierenden Unterschied zwischen Europa und der orientalischen Kultur sehe, dann den, dass in der arabischen Gesellschaft den Menschen etwas zu eigen ist, das ich als Demut bezeichnen würde – vor dem Leben und vor der menschlichen Existenz. Hier versteht man sich als Herrscher über die Dinge. Dort lehnt man sich in gewisser Weise zurück und respektiert die Dinge, wie sie sind.

Was sehen diese Reaktionen „von außen“ aus?

Mitunter wird man jeweils von der anderen Seite vereinnahmt – oder auch abgelehnt. Das empfinde ich als absurd, weil ich mich ja – im Gegensatz zu Camus – in beiden Welten „ganz“ fühle. Wenn ich mich in Marokko aufhalte, werde ich gefragt, ob ich nun Muslima sei oder nicht, ob ich faste oder nicht. Andere stellen sofort eine Verbindung her: Ach, du bist ja eine von uns, du bist ja auch Araberin, Irakerin … Umgekehrt werde ich hier in Europa eher als eine junge Frau mit Migrationshintergrund wahrgenommen. Ich sehe auf beiden Seiten etwas Manipulatives, das sich entweder in Vereinnahmung oder in Ausschluss äußert.

Du hast dich vor wenigen Wochen eine Zeit lang an der serbisch-ungarischen Grenze aufgehalten.

Ich bin mit einem Kollegen nach Röszke gefahren. Es ist ein Unterschied, ob man den Menschen am Westbahnhof oder dort begegnet. Hier beginnt zwar das lange Warten, aber sie sind in Sicherheit. Röszke war eine Etappe ihres langen Fluchtweges. In den drei Tagen, in denen ich dort am Zaun stand, sind pro Tag 10.000 Menschen an mir vorbei marschiert. Einen Kilometer vom Zaun entfernt gab es einen Acker mit acht Dixie-Klos, circa 80 Helfer/innen von Organisationen und 30 Freiwillige aus ganz Europa. Das Elend der dort Ankommenden war groß. Einmal kam eine Mutter weinend auf uns zu gelaufen. Sie hatte die Nacht versteckt im Maisfeld verbracht, aus Angst vor dem Militär und der Polizei. Sie hielt ihr Kind im Arm. Es war ganz steif und apathisch. Und dann drückte sie uns dieses steife Kind in die Hände, und wir wussten selber nicht: Ist es jetzt tot?

Konntest du mit deiner Vatersprache Brücken bauen?

Weil ich arabisch kann, habe ich mich an die Grenze gestellt und versucht, den Flüchtenden Informationen zu geben. Viele kamen an und haben ganz verängstigt auf den Zaun gedeutet und gefragt, ob das jetzt schon Europa sei. Wir haben sie begrüßt, erklärt, wo sie hingehen können um sich auszuruhen oder registrieren zu lassen und so weiter. Die Menschen waren zum Teil sehr überrascht, dass auf dem Grenzstreifen zwischen Serbien und Ungarn plötzlich jemand steht, der Arabisch zu ihnen spricht. In den Tagen, an denen ich dort war, bin ich viele Male gesegnet und bedankt worden. Obwohl es körperlich sehr anstrengend war, war ich voller Euphorie. Die Kraft der Leute, ihre Zuversicht, ihre Hoffnung hatten etwas so Ansteckendes.

Camus hat 1952 in einem Interview gesagt: „Von den Küsten Afrikas aus, wo ich geboren wurde, sieht man, wobei die Distanz hilfreich ist, das Gesicht Europas besser, und man weiß, dass es nicht schön ist.“ Wie empfindest du das Gesicht Europas heute?

Verzerrt und zerrissen. Die Geflüchteten kommen hierher mit einem fast schon ehrfürchtigen Bild von Europa, im Hinblick auf die Menschenrechte und die Freiheit der Religion. Das ist es ja, wonach sie streben, was sie teilweise auch in ihren Gesellschaften schon etabliert hatten, bis wieder ein Militärputsch oder die nächste Diktatur kam. Dann registrieren sie, dass es hier auch rechtspopulistische Parteien gibt, Leute, die einen beschimpfen oder Asylbewerberunterkünfte in Brand stecken. Das kriegen sie gar nicht zusammen mit ihrem Bild von Europa. Wir als Europäer/innen dürfen uns da nicht herausreden. Wir müssen auch unsere Verantwortung an den Kriegen oder an der Armut in großen Teilen der Welt anerkennen und tragen. Gerade bei diesen Stellvertreterkriegen in der Region Syrien-Irak stehen sich auch westliche Mächte gegenüber und verteidigen ihre geopolitischen Interessen. Das kann man nicht leugnen, das ist auch Teil des Bildes. Die moralischen Werte, die die Flüchtlinge Europa zuschreiben, dürfen auch wir nicht als gegeben voraussetzen. Sie müssen immer wieder erhalten, neu hinterfragt und verteidigt werden.

Albert Camus beschwor besonders in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts den Gedanken der Mittelmeer-Kultur als Quelle des Glücks gegen das freud- und maßlose Europa. Diese Thesen blieben auch zu seiner Zeit nicht unumstritten, herrschte an den Küsten des Mittelmeeres doch ebenso Unterdrückung und Diktatur. Noch in seinem Hauptwerk Der Mensch in der Revolte (1952) bietet er im entscheidenden Schlusskapitel „Das mittelmeerische Denken“ gegen die Kultur Europas auf. Siehst du in dem Begriff „Mittelmeerisches Denken“ Alternativen zu heutigen mitteleuropäischen Verhältnissen?

Es wäre sehr zu hoffen, dass wir aus den heutigen Erfahrungen der Griechen oder Italiener, die neben ihren wirtschaftlichen Problemen auch die Flüchtlingsströme jahrelang alleine bewältigen mussten, eine andere Perspektive auf das Europäische gewinnen. Wir Europäer/innen müssen neu definieren, was das Ziel, was die Utopie für die Staatengemeinschaft ist. Ich fände es begrüßenswert, dass man den europäischen Wertekanon überprüft und um Wert- und Lebensvorstellungen ergänzt, die die Länder des Mittelmeeres und des Orients einzubringen haben.

Und nicht jede Wirtschaft dem Diktat mitteleuropäischem Zuschnitts unterwirft, nicht nur materielle Werte und Konsumangebote in die Waagschale legt, sondern auch eine schützenswerte Umwelt, Muße, ein erreichbares Pensionsalter oder eben Schönheit und menschliches Maß – um mit Camus zu sprechen.

Der Bühnenbildner der Produktion Das Missverständnis, Jakob Brossmann, hat einen Film gedreht, der heuer in die Kinos kommt: Lampedusa im Winter. Darin erzählt er, welche übermenschlichen Anstrengungen die Bewohner dieser kleinen Mittelmeerinsel seit Jahren auf sich nehmen, um Flüchtlinge zu bergen, zu retten und zu versorgen. Das sind alles arme Fischer, die selber ums wirtschaftliche Überleben kämpfen. Beschämend.

Das Meer spielt in Albert Camus Das Missverständnis eine große Rolle als unbestimmter Sehnsuchtsort. Man kann damit das Mittelmeer assoziieren, denn Camus‘ Theaterfigur Maria (die du im Stück spielst) kommt aus dem nordafrikanischen Raum. Die Sehnsucht der Europäerinnen, der Mutter und Martha, die unter den von ihnen selbst verursachten Verhältnissen nicht mehr leben wollen, gilt dem Land am Meer.

Auch für mich ist und bleibt das Meer ein Sehnsuchtsort. Ich vermisse es. Aber derzeit ist das Mittelmeer ein Massengrab. In habe zurzeit einen Bekannten hier in Wien, der aus dem Irak geflüchtet ist. Er hat von Istanbul aus sieben Mal versucht, mit einem Schlauchboot das griechische Festland oder eine der griechischen Inseln zu erreichen. Dieser Mann hat einfach Panik, wenn er vom Meer redet. Auch weil viele ja nicht schwimmen können, wenn sie sich alle aneinander festhalten. Mein Bekannter erzählte, dass alle nur auf diesem Boot saßen und beteten – selbst wenn sie noch nie im Leben gebetet hatten.

Du spielst im Stück eine Doppelrolle, die Ehefrau Maria und die Mutter. Wie konntest du dich diesen Gegensatzfiguren annähern?

Diese beiden repräsentieren die am weitesten voneinander entfernten Pole. Maria steht für die Freiheit und Autonomie des Menschen. Sie ist eine sehr integre Figur, die von Anfang an zu Jan sagt: Du musst ehrlich sein und klar sagen, wer du bist und was du willst. Die Mutter wiederum ist durch die Jahre der Entbehrung, Selbstverleugnung und Amoral schon so verhärtet, dass ihre Empfindung abgestorben ist. Sie will sich nicht erinnern. Es gibt Andeutungen auf den letzten Krieg, der Europa und die Seelen der Menschen verwüstet hat. Wenn ich diese beiden Pole hätte spielen müssen als Schauspielerin, wäre das schwierig gewesen. Aber dadurch, dass Regisseur Nikolaus Habjan eine Form gewählt hat, in der ich die Mutter mit einer Puppe spiele, ist der Gegensatz spielerisch auszuloten. Maria kommt nach Europa und muss erleben, wie ihr Mann sich in der alten neuen Umgebung verändert und anpasst. Am Ursprungsort seiner Leiden geht er zugrunde. Und die Mutter ist nur noch eine Hülle, eine Puppe, die den Vernichtungskräften der Tochter nichts entgegenzusetzen vermag.

Das Missverständnis wurde 1944 uraufgeführt. Europa war verwüstet durch den Zweiten Weltkrieg. Die Mutter und die Schwester im Stück repräsentieren gewissermaßen das tote, abgestorbene System. Sie sehnen sich nach dem Meer. Ihnen gegenüber stellt er quasi idealtypisch die Figur der Maria, das freie Wesen aus einem Sonnen-Land jenseits des Meeres. Darin liegt natürlich eine Utopie, denn – abgesehen von den Auswirkungen der Kolonialgeschichte – Algerien war zu dieser Zeit auch kein Freiheitsidyll. Heute wiederum bewegen sich die Menschen aus den kriegsgebeutelten Ländern Nordafrikas oder aus dem arabischen Raum nach Europa, das als Stabilitätsgarant erscheint. Das Missverständnis ist von Camus als überzeitliche Parabel konstruiert. Hat es für dich während der Probearbeit dennoch eine zeitliche Verortung gegeben?

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich das Stück zu Beginn der Proben noch gar nicht so sehr verbunden habe mit unserer jetzigen Zeit. Das kam eher während der Vorstellungen. Wenn man eine Schlagzeile liest wie „Boot gekentert mit 800 Leuten“, dann bekommt das einen ganz anderen Wiederhall. Wir waren mit dem Missverständnis in Fürth bei einem Gastspiel und ich wusste, wir spielen vor 700 Leuten. Und dann ist mir während des Spiels bewusst geworden, dass so viele Menschen in der Nacht ertrunken waren, wie im Zuschauerraum sitzen. Das erschlägt einen dann.

Seyneb Saleh

Seyneb Saleh © www.lupispuma.com / Volkstheater