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Ich muss sagen, meine werten Damen und Herren, als ich begann mir Gedanken zu machen, meine Worte für Sie schwarz auf weiß zu fassen, war mir bewusst, dass es weder für Sie noch für mich eine leichte Kost sein wird.

Denn wir, Sie und ich, meine verehrten Damen und Herren, kennen uns ja nicht persönlich. Ich bin für Sie das Schwarze auf dem Weißen und Sie sind für mich der/die Urteilende über die Tinte auf diesem Blatt. Dennoch bin ich derjenige, der die Initiative ergreift und sich für Sie schwarz und weiß vorstellt. Das ist nun mal das Gute daran, der/die LeserIn zu sein und nicht der/die VerfasserIn. Aber wenn Sie zu glauben beginnen, dass ich mich für Sie entblöße oder dass diese Art der Bekanntschaft nur für Sie als LeserIn gedacht ist, dann liegen Sie ehrlich gesagt falsch. Diese Unterhaltung wird vielseitig sein. Sie werden mich, ich werde Sie und Sie werden sich selbst und uns alle schön voreinander und vor sich selbst entblößen, damit wir uns kennenlernen. Ich werde es Ihnen näher erklären. Ich werde meine Geschichten erzählen, ganz so wie man früher sagte (offen gesagt weiß ich nicht mehr, wo): „Suche dich selbst in der Geschichte des anderen Fremden. Wenn du dich darin findest – und das wirst du, dann hat schon der Prozess des Kennenlernens begonnen und ist womöglich auch schon abgeschlossen.“ Eine nette Sichtweise, den Anderen und sich selbst kennenzulernen, finden Sie nicht? „Lange Rede, kein Sinn“, sagen Sie? Nun ja, was glauben Sie, wieviel Sinn man nach genau siebzehn Zeilen schwarz auf weiß erwarten kann? – Gar keinen.

 

Nemsa

2002, ein kalter Winter in Damaskus. Ich und ein paar Dutzend wütender Menschen warteten vor der österreichischen Botschaft darauf, dass die cholerische Beamtin, welche für’s Visum zuständig war, endlich das Fenster aufmachte und uns Bescheid gab, welche rote Nase es geschafft hatte, nach „Nemsa“ (das arabische Wort für Österreich) zu reisen. Es war interessant zu sehen, dass alle, die nach Österreich wollten, plötzlich Geschäftsmänner, Wohlhabende, Akademiker und Oligarchen waren, zumindest sahen sie, mich eingeschlossen, so aus. Männer mit schönen Anzügen, gepflegtem Aussehen, Aktenkoffer. Man fragte sich, warum wir auswanderten, wenn es uns im „schönen“ Syrien doch augenscheinlich so gut ging. Nun ja, die österreichische Botschaft machte es uns nicht leicht. Wenn man nach Nemsa reisen wollte, musste man beweisen, wie wohlhabend man war und dass man Firmen besaß und einen Universitätsabschluss hatte, weil man drüben in Nemsa keine armen Schmarotzer haben wollte. Also improvisierten die Leute. Ich kannte zum Beispiel einen, der seine ganze Familie so mobilisiert hatte, dass seine Mutter seine Sekretärin spielen musste, falls die Botschaft bei ihm zuhause anrufen sollte. Sein Bruder war sein Manager und sein Vater sein Anwalt, und so weiter. Man tat alles, um es nach Nemsa zu schaffen.

An jenem Tag war das Glück auf meiner Seite. Ich zögerte keine Sekunde und rannte nach Hause, um meine Koffer zu packen. Unterwegs traf ich zufällig einen Schulkameraden, der mich fragte: „Wohin so eilig?“ Woraufhin ich: „Nach Nemsa“ antwortete. „Nach Nemsa?“, fragte er und fuhr fort: „Ist das ein Bekannter von dir?“ „Nein man! Das ist ein Land in Europa“, antwortete ich. „Aha, nie gehört“, sagte er. „Du liest ja auch keine Bücher!“, erwiderte ich. „Und in welchem Buch sollte man es gelesen haben?“, fragte er. Offen gesagt, da musste ich improvisieren, denn ich kannte auch kein Buch über Nemsa. „Nemsa und der zweite Weltkrieg!“, sagte ich und dachte: „Wenn Nemsa ein Teil Europas ist, dann sicher auch der zweite Weltkrieg.“ „Ich wünsche dir alles Gute! Sag mal, welche Sprache spricht man dort? Nemsisch?“, fragte er. „Alamannisch“, antwortete ich (das arabisches Wort für Deutsch). „Sag doch gleich, dass du nach Alamannya (also nach Deutschland) gehst!“, sagte er. „Nein du Nuss! Nemsa liegt nicht in Alamannya! Sie sprechen nur deren Sprache, kapiert?“, antwortete ich und ging weiter meinen Weg, nachdem wir uns voneinander verabschiedet haben.

Also, verehrte Damen und Herren, das war für mich die erste Auseinandersetzung mit dem Wort Nemsa, „Österreich“. Ein unbekanntes Land, das keine eigene Sprache hat. Wenn Sie jetzt glauben, dass ich das Land „Österreich“ zu verachten versuche, dann haben Sie sich selbst zu früh und zu schnell in meiner Geschichte gefunden. Nein, auf keinen Fall! Es gibt hunderte Länder, die nicht bekannt sind und keine eigene Sprache haben wie zum Beispiel das Land, aus dem ich komme: Syrien, ein winziges Land, in dem man arabisch spricht und nicht syrisch! Ein Land mit verschiedenen Ethnien, die dieses bereichern, genau wie Österreich!

Dass man das Land Syrien in Nemsa auch nicht kennt, habe ich früh genug erfahren und zwar an jenem Tag, als ich meinen Aufenthalt für Nemsa beim MA 35 in Wien abholen wollte und die Beamtin mich fragte: „Sagen Sie, wie ist das so in Marokko?“ „Marokko?“, fragte ich. „Ja, ich will mit meinem Freund dort Urlaub machen“, fuhr sie fort. „Ich komme aber aus Syrien!“, erwiderte ich. „Ja, aber Syrien liegt eh bei Marokko! Es ist ziemlich das Gleiche, oder nicht?“ „Ja, mit dem winzigen Unterschied, dass die beiden Länder auf zwei verschiedenen Kontinenten liegen und dass die größte Wüste der Erde, die Sahara, die beiden voneinander trennt!“, dachte ich – und sagte: „Ja, es ist schön dort! Viele Kamele, nette Lokale mit Wasserpfeifen“.

Gut, gut. Ich sollte lieber meine Geschichte fortsetzen, denn wie ich sehe kommt Ihnen der Satz „Lange Rede kein Sinn“ wieder in den Sinn.

 

„Du geile Sau“

Nach ein paar Jahren Studium in Nemsa wurde ich Arzt. Ich muss sagen, dass diese Jahre nicht auf Knopfdruck vergingen. Es war eine harte Zeit für jemanden, der nicht Alamannisch sprach. Am Anfang musste ich ein Jahr Alamannisch lernen und von Null anfangen. In Syrien hatte ich ja keinen Bezug zu Deutsch. Ich wusste nicht mal, dass Deutsch Deutsch heißt. Ich dachte immer, es heißt Germany oder Alamannisch. Mein einziger Zugang in Syrien zu der Sprache waren die Pornofilme aus Deutschland, das größte Land der Porno-Filmindustrie. Daher war mein erster Satz auf Deutsch: „Du geile Sau!“ Erst Jahre später bin ich darauf gekommen, dass es Deutsch war.

Bald und schnell verliebte ich mich in diese Sprache, welche bis auf die Artikel, logisch aufgebaut ist. Ziemlich einfach zu lesen und einfach zu schreiben, was man liest. Und da ich mit 20 nach Nemsa kam, kam ich erst hier in das Alter, wo ich mich intellektuell entwickeln sollte. Ich lass viel auf Deutsch, angefangen vom Kinderroman „Maikäfer, flieg!“ bis hin zu Johann Wolfgang von Goethe, den ich heute immer noch mit Schwierigkeiten verstehe.

Ich beherrschte die Sprache gut genug, um mir ein soziales Netzwerk aufzubauen. Ich bemühte mich, Leute kennenzulernen. Um das Eis zu brechen, sprach ich mit ihnen über die Welt, Religion, Psychologie, Sex, Philosophie und Politik. Ich dachte immer, wenn ich mit den Leuten über intellektuelle Themen rede, werden sie mich aufnehmen. Und in der Tat gaben sie mir das Gefühl, dass ich sprachbegabt bin – „nicht wie die anderen!“ Und immer wieder hörte ich: „Du sprichst super deutsch, seit wann bist du hier? Seit zwei Jahren? Nein! Du bist nicht wie die anderen!“

Am Anfang war es lustig, aber dann verging mir die Lust, ständig zu hören: „Du bist nicht wie die anderen.“ Die Euphorie, die Leute kennenzulernen war bald nicht mehr da, weil ich irgendwann das Gefühl bekam, dass ich mich um ihre Bekanntschaft erst bemühen und ihnen zeigen musste, wie offen ich bin. Sobald dies nicht geschah, bekam ich von ihnen nichts, und es gab kein Interesse an mir. Mit anderen Worten: ich hatte das Gefühl, dass ich mich als ein guter, netter und weltoffener Ausländer präsentieren musste. Weltoffener Ausländer? Der tiefere Sinn dieser Aussage kam mir erst, als ich die Sache von einem anderen Blickwinkel betrachtete. Wie weltoffen ist eigentlich der Inländer? Sollte das nicht die Frage sein? Und mit allem Respekt, werte Damen und Herren, wie viele von den weltoffenen ÖsterreicherInnen – nein, besser gesagt WienerInnen – waren bereits in Bratislava, der nächstliegenden ausländischen Hauptstadt von Wien? Oder wie viele dieser weltoffenen Inländer sprechen die am zweithäufigsten gesprochene Sprache in Nemsa, nämlich Serbokroatisch? Die Wahrheit wird Sie ebenso erschrecken wie mich. Mag sein, dass Sie sich jetzt fragen, ob ich die Statistik dazu habe, aber die habe ich nicht. Es wäre aber mal sehr interessant zu erforschen, wie welt- und kulturoffen die „Inländer“ sind. Hin und wieder fiel mein Lieblingssatz, den ich regelmäßig hörte: „Ja, aber anderswo ist‘s auch nicht besser“. Worauf ich immer antwortete: „Es bringt uns aber momentan nichts zu wissen, wie weltoffen die Einwohner vom Honolulu sind, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass sie offener gegenüber ‚Fremden‘ sind, als die Menschen in Kaisermühl.“ Zugegeben war ich immer wieder ein wenig emotional bei diesem Thema. Ich bin aber gerne bei Diskussionen emotional. Ich muss bei diesem Gedanken immer schmunzeln, denn es erinnert mich an einem Satz von einem arabischen Denker, der bei einer Rede sagte: „Jedes Mal, wenn wir uns treffen, und wir anfangen unsere Meinungen zu verschiedenen politischen Themen zu diskutieren, endet das Gespräch immer mit unseren Meinungen über die Mütter.“

 

Ich schwöre, ich bin Arzt

Ich lernte schnell die Regeln hier in Nemsa, war aber immer noch nicht angekommen. Ich war zwar physisch angekommen, aber seelisch noch nicht! Nach drei Jahren fing ich an, auf alamannisch zu träumen und glaubte, dass dies der Beginn des „Wurzelschlagens“ ist, aber bald lernte ich, dass der Boden „Nemsa“ meine Wurzeln noch nicht aufnehmen wollte. Denn ich musste jedes Jahr eine Menge Papierkram erledigen, um überhaupt in Nemsa bleiben zu dürfen.

Also war es noch zu früh, Wurzeln zu schlagen. Ich musste zuerst landen, wie das Samenkorn einer wilden Frucht, das per Zufall von einer Brise getrieben oder von einer Biene getragen wird. Natürlich nur, wenn es nicht gerade in den Gedärmen eines Tiers ist, das davor die Frucht verdrückt hat und später die Samenkörner irgendwo in einem Haufen rausdrücken wird.

Es kam immer darauf an, in welcher Lage man sich gerade befand. Hielt ich die Hände einer schönen Frau im Nemsa, während wir uns liebten, dann fühlte ich mich wie das Samenkorn, das von der Brise getrieben wird. War ich im MA 35 Dresdnerstraße Wien, um meinen Aufenthalt zu verlängern, so fühlte ich mich wie das Samenkorn im Darm eines wilden Tieres, welches kurz davor war mich rauszudrücken. Nun landete man irgendwie auf dem Boden und ich arbeitete sehr hart, um endlich hier anzukommen und mir ein schönes Leben zu schaffen.

Ich machte meine Ausbildung zum Hausarzt. Angefangen habe in einer Ordination in der Josefstadt. In Nemsa wie in Syrien ist eines sicher: Wenn man Arzt ist, bekommt man ein gewisses Prestige. Die Leute haben Respekt und heißen einen immer willkommen. Sieht man allerdings nicht so aus wie ein typischer Arzt aus Nemsa, dann hat man es am Anfang schwierig, sich die soziale Anerkennung zu holen. Jetzt seien wir mal ehrlich! Ein Südländer mit starkem Bartwuchs und langen schwarzen Haaren, der einen weißen Mantel trägt und einen Akzent hat? Würde man da als erstes an einen Arzt denken? Vielleicht ein Pflegehelfer oder höchstens eine männliche Krankenschwester, aber ein Arzt? „Sie sind Arzt? Seit wann?“, fragte mich mal ein Patient, während ich sein, vom Pilz befallenes Geschwür am Bein pflegte. Ich besuchte regelmäßig ältere immobile Patienten, was zu meiner Ausbildung gehörte. Ich trug die gewöhnliche rote Notfalltasche und lief durch die Josefstadt. Ich kann mich erinnern, dass man mich mal wegen der roten Tasche für einen Pizzalieferanten hielt. Während ich darauf wartete, dass jemand mir die Tür seiner Nachbarschaft aufsperrte, fragte mich ein älterer Herr: „Hat der Pauli wieder mal eine Margarita bestellt?“ Ich antwortete: „Nein, leider keine Margarita, ich bin nur sein Arzt“, woraufhin er mit einem starren Gesichtsausdruck erwiderte: „Entschuldigen Sie, Herr Doktor, war nicht so gemeint.“ Mit einem Lächeln antwortete ich ihm: „Wieso entschuldigen Sie sich? Wenn ich Pauli wäre, würde ich mich eher auf die Margarita freuen.“

Ein anderes Mal musste ich eine ältere Patientin besuchen, die mir die Tür nicht aufsperren wollte, weil sie glaubte, ich sei ein Gauner und kein Arzt. „Verschwinden Sie von hier oder ich rufe die Polizei!“, schrie sie hinter der Tür. „Werte Dame, ich bin Ihr Arzt“ sagte ich. „Auf keinen Fall kaufe ich Ihnen das ab!“, giftete sie. „Ich schwöre, ich bin Ihr Arzt, vergewissern Sie sich und rufen Sie bei unserer Ordination an, Sie werden es Ihnen bestätigen“, bemühte ich mich, sie zu überzeugen. Letztendlich machte sie die Tür auf, nachdem sie ein paar Anrufe getätigt hatte. „Ja, aber der Letzte, der hier war, war ein Blonder“, hörte ich sie durch die Tür, während sie mit unserer Ordination telefonierte. „Ach du lieber Gott, es tut mir leid, Herr Doktor, es sind sehr viele Überfälle in der letzten Zeit hier im Bezirk geschehen. Ich bin eine zerbrechliche alte Dame, kurz vorm Verblöden, es tut mir schrecklich leid“, entschuldigte sie sich. Später schenkte sie mir jedes Mal Essen und Süßigkeiten und bedankte sich für mein Kommen.

Hin und wieder, wenn ich Sehnsucht nach einer Heimat hatte, irgendeiner Heimat, fragte ich mich: „Wann werde ich endlich ankommen? Ich bin schon mehr als acht  Jahre in Nemsa. Wird es irgendwann einmal Klick machen? Ich träume schon längst auf Deutsch und schreibe mittlerweile auf dieser Sprache. Also wann sollte es so weit sein? Immer wenn ich auf einer Reise bin, vermisse ich Wien. Ich kenne diese Stadt in- und auswendig, in jeder Ecke Wiens habe ich eine Geschichte, eine Situation – Liebe, Trauer, Tränen, Freude, Einsamkeit oder Gemeinsamkeit erlebt.“ Also wenn man diese Gefühle nicht in seiner Heimat erlebt, wo dann? Trotz alledem hatte ich in meinem Freundeskreis kaum Inländer, unabsichtlich natürlich. Regelmäßig musste ich mir immer wieder bei jedem Wahlkampf die Gedärme auskotzen, wenn ich an einem Wahlkampfplakat einer gewissen Partei vorbeiging. Eine Partei, die nicht unbeliebt ist in Nemsa und deren Hauptthema im Wahlkampf der Ausländerhass ist.

 

„Die rote Nase ist angekommen“

Eines Tages, während ich arbeitete, erhielt ich einen Anruf von der Pflegerin eines sozialen Netzwerks in Wien. Die Dame fragte mich, ob ich einen 90-jährigen Herrn besuchen könnte, der allein in seiner Wohnung lebt und nicht aus seiner Wohnung herauskommt. Ich bejahte und vereinbarte einen Termin. „Aber Herr Doktor, er ist ein alter Herr und kann sehr launisch werden. Also nehmen Sie es nicht persönlich“, sagte die nette Pflegerin.

Am nächsten Tag erschien ich zum Termin. Ich klingelte an der Tür und in der Tat stand vor mir, mit gebeugtem Rücken, ein sehr alter Herr. „Guten Tag, ich bin Ihr Arzt“, sagte ich. Er bat mich einzutreten. Ich machte mich an die Arbeit. Ich fragte ihn ob er den Oberkörper freimachen könne, um ein EKG zu machen. Er war sehr höflich und folgte meinen Anweisungen. An den Wänden seiner spartanischen Wohnung hingen alte schwarz-weiße Bilder. Ich starrte auf ein Bild mit sechs schön gekleidete Personen. Drei Erwachsene und drei Kinder posierten auf einer Straße. „Ich kenne diese Gegend“, dachte ich. „Es ist 1929 Alsergrund, Wien“, sagte er und fuhr fort: „Der hier, der mit den kurzen Hosen, der bin ich, ich war neun.“ „Sie sind ein uralter Wiener?“, fragte ich lächelnd. „Ich bin die Stadt Wien, ich kenne sie in- und auswendig“, erwiderte er. „Das behaupte ich auch“ sagte ich. Ich muss sagen, an diesem Punkt erwartete ich, dass der alte Herr mich nach meiner Herkunft fragt, wie es gewöhnlich der Fall ist, aber die Frage interessierte ihn offenbar nicht. „Ich lebe hier schon seit einer Ewigkeit. Bis auf die Jahre, als die Leute anfingen zu spinnen, verbrachte ich die meiste Zeit meines Lebens in Wien“, sagte er. „Die Zeit, als die Leute anfingen zu spinnen?“, dachte ich. „Als ich wieder zurückkam nach dieser schrecklichen Zeit, schwor ich, Wien keinem Spinner mehr zu überlassen, also fing ich neu an.“ „Sie haben Recht, die Stadt hat irgendetwas Magisches, sodass man sie nicht leicht verlassen kann“, erwiderte ich. „Nein, nein Herr Doktor, das ist keine Magie, das ist einfach Wien. Wie die erste Liebe, die man nicht vergessen kann.“ Ich tat meine nötigen medizinischen Untersuchungen, bewunderte ihn, wie sein Herz noch kräftig in seinen Adern pochte und verabschiedete mich von ihm. Ich versprach ihm eine Visite, sobald ich die Blutbefunde hatte. Ich ging meinen Weg in die Ordination und war fasziniert von dem alten Greis. „Die Zeit als die Wiener anfingen zu spinnen.“ Meinte er wohl den zweiten Weltkrieg? Die Tage danach erhielt ich seine Blutbefunde und rief den 90-jährigen Urwiener an, um einen Termin für die Visite zu machen. Ich klingelte bei ihm. Der alte Greis machte die Tür auf und starrte mich mit seinen stechenden, noch mit Leben erfüllten Augen an.

„Grüß Gott, mein Herr, ich komme wegen der Visite“, sagte ich. Er bat mich einzutreten. „Also wie schaut es aus? Werde ich noch weiterleben?“, fragte er lächelnd. „Und wie! Sie sind so gesund, dass ich Ihnen dringend rate, eine Frau zu heiraten und mit ihr Kinder zu machen“, antwortete ich, worauf er laut lachte. Ich klärte ihn über seinen Blutbefund auf.

„Darf ich Sie etwas fragen?“, fragte ich zögerlich. „Gerne“, antwortete er. „Sie haben mir bei meinem letzten Besuch erzählt, dass Sie Wien, als die Leute anfingen zu spinnen, verlassen haben? Warum sind Sie zurückgekommen, wenn man Ihnen was Schlimmes angetan hat?“ „Ich bin ein gebürtiger Ungar, wir sind dorthin geflohen, und nachdem alles vorbei war, kamen wir zurück.“ „Hatten Sie keine Angst verfolgt zu werden?“, sagte ich. „Wieso hätten sie uns verfolgen sollen?“, antwortete er. „Weil man, Sie wissen schon, viele Juden verfolgt hat und einen Genozid verübt hat“, sagte ich. „Ach so, Sie denken ich wäre Jude, bin ich aber leider nicht. Ich hatte viele jüdische Freunde, die habe ich bedauerlicherweise verloren, entweder weil sie ausgewandert oder, wie Sie schon wissen, nun ja massakriert worden sind“, erwiderte er. „Und dennoch sind Sie zurückgekommen, wieso?“, fragte ich mit einer aufdringlichen Neugier. „Möchten Sie von mir die Geschichte hören, warum ich zurückkam? Die habe ich aber leider nicht. Ich habe hier meine Jugend verbracht, es war eine schöne Zeit, obwohl sie mit sehr viel Kummer und Leid begleitet war. Reicht es nicht, wenn man einfach in diese Stadt verliebt ist, um zu ihr zurückzukommen?“, sagte er. „Aber eine Stadt besteht nicht nur aus Häusern und Gärten. Was ist mit den Leuten, die Ihnen Kummer und Leid angetan haben? Sie sind auch ein Teil dieser Stadt, oder nicht?“, fragte ich. Er überlegte und nach einer Weile sagte er: „Darf ich fragen, woher Sie kommen?“ „Ok, die gute alte Frage“, dachte ich. „Aus Syrien“, sagte ich. „Nein Herr Doktor, Sie sind aus Wien“, antwortete er und fuhr fort: „Sie sagten mir, dass Sie diese Stadt in- und auswendig kennen. Sie haben hier studiert nehme ich an, Sie sind höchstens 30. Also sind Sie mit 20 hierhergekommen? Und immer noch sagen Sie nicht, dass Sie aus Wien sind, wenn Sie gefragt werden?“ „Also für einen 90-jährigen Herrn können Sie ziemlich schnell zusammenrechnen!“, schmunzelte ich und fuhr fort: „Ja ich bin mit 20 hierhergekommen und dennoch fühle ich mich immer noch nicht angekommen. Das ist nun mal die Wahrheit, ich habe weder Inländer als Freunde noch fühle ich mich willkommen von der Integrationspolitik“ „Die Wahrheit ist die: Keiner kann Ihnen dieses Gefühl vermitteln, das sollten Sie einem alten Greis glauben. Das Gefühl hat mir keiner gegeben, weder vor noch nach der Zeit, als die Mehrheit plötzlich verrückt war. Ich habe es mir selber ausgerissen, das Gefühl angekommen zu sein. Verstehen Sie das, ich bin ein Wiener und bleibe Wiener, das ist die Wahrheit.“

Ich verabschiedete mich von meinem Patienten und bedankte mich für die Unterhaltung. „Reiß dir das Gefühl angekommen zu sein selber aus“, dachte ich mir, während ich auf dem Weg zurück in die Ordination war. Ich war vertieft in Gedanken und dachte über die Worte des alten Herrn nach. Das laute Klingeln meines Handys ließ meine Blicke wieder in die Realität zurückkommen. Ich hob ab, es war die Ordinationsassistentin. Sie sagte ich sollte so rasch wie möglich in die Ordination kommen, es sei ein Notfall. Ich beeilte mich und rannte schnell mit der roten Notfalltasche auf dem Rücken durch die Straßen der Josefstadt.

„Halt! Stehen bleiben!“, rief eine Stimme. Ich drehte mich um und sah zwei Polizisten mit der Hand auf mich zeigen. „Bleib stehen!“, sagte der Jüngere von den beiden und fragte weiter: „Wohin gehst du so schnell?“ „Sie meinen, wohin gehen Sie so schnell?“ Ich korrigierte seinen Satz. „Zeig mal deinen Ausweis“, fragte der andere. „Warum duzen Sie mich? Habe ich meine Bekanntschaft mit Ihnen verpasst?“, erwiderte ich. „Mach schnell! Wir haben nicht viel Zeit!“, sagte er drohend. Ich erwiderte angespannt: „Ich bin derjenige, der hier keine Zeit hat, also entweder werden Sie höflicher oder ich werde Ihnen einen Scheiß zeigen!“ „Du weißt schon, dass das Beamtenbeleidigung ist, dafür kriegst du eine saftige Strafe“, sagte der jüngere Polizist. „Das ist mein Ausweis!“ Ich zeigte ihm meinen Ärzteausweis, woraufhin der Polizist überrascht schaute. „Sie sind also Arzt?“, sagte er. „Jetzt siezen Sie mich also? Weil Sie den Ausweis gesehen haben?“, fragte ich fordernd. „Es tut mir leid“, erwiderte er. „Was genau tut Ihnen leid? Dass Sie einen Arzt beleidigt haben oder einen Ausländer?“, fragte ich provozierend. „Sie können schon weitergehen“, sagte der ältere Polizist. „Nein, nein! ich möchte Ihre Namen und Ihre Dienstnummern haben, die Sache wird nicht so leicht vorübergehen“, antwortete ich.

Die Herrschaften gaben mir ihre Namen und Nummern. Ich ging meinen Weg weiter und warf die Zettel in den Müll, denn ich wollte sie natürlich nicht verklagen, dafür hatte ich keinen Kopf.

War das gerade das, was der alte Greis meinte? „Reiß dir das Gefühl angekommen zu sein selber aus“ Also, setze dich durch? Wollte er mir das sagen? Wie sollte ich jemanden glauben, der wahrscheinlich seit ein paar Jahren nicht mal die Wohnung verlassen hat. Aber waren seine Zeiten nicht härter als meine und trotzdem kehrte er Wien den Rücken nicht zu?

Ich weiß es nicht, meine werten Damen und Herren. Ich finde, angekommen zu sein ist mit dem Satz: „Wir heißen Sie herzlich willkommen!“ irgendwie verbunden oder sind Sie anderer Meinung?

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