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Die US-amerikanische Autorin Katherine Anne Porter (1890-1980) führte ein rastloses Leben. Ihr monumentaler Roman "Das Narrenschiff", inspiriert von einer Schiffsreise Porters von Mexiko nach Deutschland, eröffnet als Weltpremiere in der Regie von Dušan David Pařízek am 9. September die neue Saison am Volkstheater.

Es gibt Autoren wie Marcel Proust, die ihre Bücher im Bett ersinnen und schreiben. Die 1980 gestorbene US-amerikanische Autorin Katherine Anne Porter war von anderer Natur. In einem Interview mit dem Paris Review hat sie es einmal so beschrieben: „Ich habe nie aus etwas eine Karriere gemacht, nicht einmal aus dem Schreiben. Ich habe mich aufgemacht mit nichts außer einer gewissen Leidenschaft, einem treibenden Begehren.“ Ein treibendes Begehr… – schon die Wortwahl zeigt: Hier spricht eine Autorin, die nicht nur schreiben, sondern immer auch leben und sich bewegen muss.

Und bewegt ist das Leben von Katherine Anne Porter ohne jeden Zweifel gewesen: Geboren 1890 im texanischen Indian Creek, kam sie Zeit ihres Lebens kaum zur Ruhe. Ihre Mutter starb früh; und da Porters Vater nicht imstande war, seine Familie zu versorgen, landete sie bei seiner Mutter. Als sie zwölf Jahre alt war, starb auch die Großmutter, die Kinder wurden unter den Verwandten aufgeteilt. Die besten Voraussetzungen also für ein rastloses Leben – wobei Porter in besagtem Interview mit einer noch viel tiefer sitzenden Unruhe kokettiert: Sie sei bereits als Kind ständig weggelaufen (wenn auch naturgemäß noch nicht sehr weit gekommen). Als sie sechs Jahre alt war, habe ihr Vater sie wieder einmal aufgesammelt und gefragt, warum sie denn so ruhelos sei. Porter behauptet, sie habe geantwortet: „Ich möchte hinaus und die Welt sehen. Ich möchte die Welt so gut kennen wie meinen Handteller.“ Man kann über den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte streiten, aber eigentlich ist das gar nicht wichtig – gelebt hat Porter letzten Endes genauso, wie sie es in dieser kleinen Anekdote ankündet. Bereits mit sechzehn zog sie wieder weiter, heiratete einen Mann, der trank und sie misshandelte. Nach fünf Jahren verließ sie auch ihn und ging hinaus in die Welt: Sie lebte in Chicago, New York und Texas, aber auch in Mexiko; sie bereiste europäische Metropolen wie Paris, Madrid oder Basel, verdiente ihren Lebensunterhalt als Journalistin und Musikerin.

Immer dort, wo Geschichte geschrieben wird

Das Narrenschiff basiert bekanntlich auf den Eindrücken einer 28-tägigen Schiffsreise, die sie 1931 auf der S.S. Verra von Veracruz, Mexiko nach Bremerhaven unternahm. Auch der darauf folgende Aufenthalt in Deutschland dürfte nicht ohne Einfluss auf die doch recht mitleidslose Beurteilung der Deutschen in diesem einzigen Roman, den sie neben vielen Kurzgeschichten und Essays schrieb, gewesen sein. Porter habe es geschafft, immer genau dann vor Ort zu sein, wenn irgendwo auf der Welt Geschichte geschrieben wurde, befindet ihre Biografin Joan Givner. Das lässt sich nicht ganz von der Hand weisen, wobei – man denke an die Anekdote aus ihrer Kindheit – ihr auch zuzutrauen wäre, dass sie einfach nur sehr gut darin war, Erlebtes mit Bedeutung anzureichern und in den richtigen Kontext zu setzen. In jedem Fall aber ist ihr in Deutschland etwas passiert, was nicht vielen ihrer Zeitgenossinnen widerfuhr: Bei einem Abendessen begegnete sie Hermann Göring, die beiden unterhielten sich angeregt und Göring war so hingerissen von ihr, dass er sie immerhin dreimal herzhaft auf die Backe küsste.

Interessant ist Porters Gespräch mit Göring auch deshalb, weil er sie sehr direkt auf die Diskrepanz zwischen ihrem Geschlecht und ihrer Tätigkeit ansprach: Porter erinnerte sich Jahre später, er habe ihr mitgeteilt, sie sei zu schön und sensibel, um so ganz alleine auf der Welt herumzulaufen und dass sie doch über ihrer ganzen Schriftstellerei nicht vergessen solle, dass sie auch noch eine Frau sei. Tatsächlich hat er damit wohl eine Zerrissenheit angesprochen, die nicht nur Porter aushalten musste. Von Zelda Fitzgerald stammt der Satz: „Es ist sehr schwer, gleichzeitig zweierlei zu sein: Erstens jemand, der nach seinen eigenen Gesetzen leben will, und zweitens jemand, der die netten alten Dinge behalten und geliebt und geborgen und beschützt sein möchte.“ In Das Narrenschiff lässt sich bei mindestens zwei der Frauenfiguren dieser Konflikt zwischen dem Wunsch nach einem „Eigenen“ und jenem, geliebt oder zumindest bewundert und begehrt zu werden, ausmachen: bei der fünfundvierzigjährigen, geschiedenen Mary Treadwell und bei der jungen Malerin Jenny Brown. Bei beiden kann man davon ausgehen, dass die Autorin in ihnen auch sich selbst, ihre Gedanken und Empfindungen abgebildet hat (es sind, nebenbei gesagt, auch die einzigen Amerikanerinnen an Bord, von denen im Roman die Rede ist). Tatsächlich ziehen sich durch Porters Leben auch zahlreiche Liebesaffären mit oftmals weit jüngeren Männern, außerdem fünf Ehen. Die stärkste Bindung, die sie in ihrem Leben je hatte, sagte sie selbst, war allerdings die „zwischen mir und meinem Schreiben“. „Stärker als jede Verbindung, jede Beziehung mit irgendeinem anderen menschlichen Wesen oder irgendeiner anderen Arbeit, die ich jemals gemacht habe.“ Das Schreiben, das Erzählen, war ihr Zugang zur Welt; und das Einspinnen in Geschichten war wohl ihr Weg, sich alles auf der Welt so vertraut zu machen wie den eigenen Handteller.

Am 9. September eröffnet Das Narrenschiff in Regie und eigener Übersetzung von Dušan David Pařízek die neue Spielzeit am Volkstheater.