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In ihrem neuesten Stück "Extremophil", das am 30. September im Volx/Margareten zur deutschsprachigen Erstaufführung gelangt, lässt Alexandra Badea drei Menschen reden, die es weit gebracht haben: in der Politik, in der Wissenschaft und beim Militär. Am beruflichen Zenit schaut jede/r von ihnen einen menschlichen Abgrund. Im Interview erläutert die aus Rumänien stammende, seit 2003 in Paris lebende Autorin, welche Motive sie beim Schreiben verfolgt – im Allgemeinen und im Konkreten.

Roland Koberg: Alexandra Badea, wie sind Sie auf Ihre Figuren gestoßen? Sind Sie Ihnen zuerst im Flugzeug begegnet? Auf der Straße? In den Medien?

Alexandra Badea: Am Anfang stand ein Projekt im Rahmen von Wissenschaft und Kunst, das eine Begegnung zwischen einem/r Wissenschaftler/in und einem/r Theaterautor/in initiiert. Inspiriert von dem Austausch schreibt der/die Autor/in anschließend einen Text. Ich hatte dabei die Gelegenheit, einem Mikrobiologen zu begegnen, der Extremophile erforscht. Er erklärte mir seine Sicht der Welt und erzählte mir von diesem Tauchgang im U-Boot. Ich konnte daraus keine Figur entwickeln, was er sagte, war zu schön, zu pur. Also entschloss ich mich zu einem Gegenentwurf und stellte eine Forscherin ins Zentrum meines Textes, die ihre anfänglichen Ideale verraten hat und der eine Sinnkrise widerfährt, als sie auf den Grund des Ozeans hinabgleitet.  Es entstand ein Text, der als dreißigminütige szenische Lesung beim Festival in Avignon im Jahr 2014 gezeigt wurde. Als ich den Text dort hörte, wurde mir bewusst, wie interessant das Thema eigentlich war und dass es in meinem bisherigen Schreiben bereits angeklungen gewesen war, hier aber noch einmal eine tiefere Bedeutung bekommen hatte … diese existenzielle Krise, dieser Sinneswandel, diese tiefe Erschütterung als ein Wendepunkt, an dem man die Kraft verspürt, sich gegen den bisherigen Weg zu entscheiden und die Richtung zu ändern. Die anderen Figuren sind daraufhin wie von selbst gekommen. Ich habe lange Zeit zuvor etwas über einen amerikanischen Drohnensoldaten gelesen, der es nicht mehr ausgehalten und sich einer deutschen Zeitung anvertraut hatte. Er war seither zum Exil gezwungen. Die Figur des Politikers kam mir dank einer Begegnung mit dem Kabinettschef und dem Presseverantwortlichen des einstigen französischen Kulturministers, welcher 2014 in Avignon beim Streik der Kulturarbeiter/innen anwesend gewesen war, und die mir sagten: „Unsere Hauptaufgabe ist es hier, dass kein Foto an die Öffentlichkeit gerät, auf dem der Minister von den Künstler/innen angerempelt wird.“ Dieser Satz war für alles weitere ausschlaggebend, diese Geschichte mit dem Foto hatte für mich etwas zu bedeuten.

Die Geschichten, die diese drei erzählen, überspannen die Welt wie eine Matrix. Ging es Ihnen darum, ein globales Problem oder Phänomen aufzugreifen?

In meinen Texten spielt das eine wichtige Rolle. Ich mag es, wenn in meinen Stücken Menschen unterschiedlicher Herkunft vorkommen, ich achte auf ein gewisses geografisches Gleichgewicht, es sollen verschiedene kulturelle Zusammenhänge aufgegriffen werden, verschiedene Wirklichkeiten durchkreuzt werden … Das Theater muss für mich die Welt in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit erfassen.

Inwieweit ist Extremophil eine direkte Reaktion auf bzw. eine Fortsetzung von Zersplittert, Ihrem letzten Stück, das 2016 in Graz zur Deutschen Erstaufführung kam. Was halten Sie von dieser Antwort: In Zersplittert geht es um Opfer des globalen Kapitalismus, in Extremophil um Täter?

So hatte ich das nicht gesehen. Für mich sind die Figuren weder Opfer noch Täter. Sie sind beides zugleich. Niemand ist nur gut oder nur böse. Mich interessiert die Spannung zwischen diesen zwei Polen. Dieses aufgeladene Spannungsfeld. Meine drei Stücke Zersplittert, Ich schaue dich an und Extremophil sind wie ein Triptychon in Bezug auf ihre Form und ihren Inhalt. In Extremophil dringe ich noch ein Stück weiter vor, was die Intimsphäre der Figuren und den Antrieb der inneren Monologe betrifft. Ich erlaube den Figuren auch einen Sinneswandel. Zersplittert kündigt die Anzeichen einer inneren Krise der Figuren an, Extremophil geht diesen weiter nach und verkündet ihre Auswirkungen. Es gibt hier vielleicht auch mehr Hoffnung: Diese Figuren haben die Kraft, stehenzubleiben, nein zu sagen, von einem anderen Leben zu träumen.

Es wirkt, als würden Ihre Figuren eine indirekte Warnung an uns Zuschauer aussprechen: Entsagt dem Karrieredenken! Setzt eure Freiheit nicht aufs Spiel! Meidet das System! Sind Sie auch dieser Ansicht?

Ich bin dieser Ansicht, aber ich spreche es nicht direkt aus. Ich versuche es zu vermeiden, das Publikum zu manipulieren. Niemals würde ich den Zuschauer/innen vorschreiben wollen, was sie zu denken oder zu tun haben. Alles, was ich möchte, ist, in einem emotionalen Bereich einen Gedankenanstoß hervorzurufen, die Notwendigkeit, sich selbst in Frage zu stellen und an sich selbst zu arbeiten. In welche Richtung es gehen soll, bleibt den Zuschauer/innen überlassen … Ich würde niemals sagen „Entsagt dem Karrieredenken!“, denn an das Fortkommen zu denken, könnte die Rettung der Menschheit bedeuten, wenn es beispielsweise um die Arbeit in einem Forschungslabor geht, wo ein wichtiger Impfstoff hergestellt wird. Wenn es aber um eine Tätigkeit geht, bei der die Mehrheit der Bevölkerung ausgebeutet wird oder der Reichtum einer Minderheit vergrößert wird, steht das dann wirklich dafür? Meine Antwort wäre nein, aber ich will den Zuschauer/innen ihre Gedankenfreiheit nicht nehmen. Was für mich wiederum augenscheinlich ist, wäre: „Setzt eure Freiheit nicht aufs Spiel!“ Vor allem die Freiheit der Gedanken … Wer diese verliert wird zum lebenden Toten. Gegen seine Überzeugung zu handeln, bedeutet, sich selbst Stück für Stück aufzugeben.

Hat denn jede Form des beruflichen Erfolgs ihren Preis oder gibt es Ihrer Meinung nach Ausnahmen?

Alles hat seinen Preis … Man kann im Leben nicht alles haben. Der Erfolg an sich ist nicht unbedingt etwas schlechtes, wenn er daraus entsteht, dass man etwas aufrichtig und nach eigener Überzeugung tut, das niemand anderem schadet. Die Frage ist vielmehr: Wieviel wollen wir von uns preisgeben? Worauf können wir verzichten?

Wir stießen auf die Frage, ob die Anpassungsfähigkeit extremophiler Organismen bei Ihnen im metaphorischen Sinn eigentlich überwiegend positiv oder negativ belegt ist. Oder beides?

Ein Forscher hat einmal zu mir gesagt: Das Leben ist unter Extrembedingungen entstanden. Dieser Satz hat mich berührt. Das Leben erfordert es, Widerstand zu leisten. Es benötigt auch Anpassung, aber zuallererst Widerstand. Wie kann auf die Brutalität unserer Welt geantwortet werden? Diese Figuren leben unter Extrembedingungen, aber ich glaube, sie kommen zu einem Punkt, an dem sie Widerstand leisten, jede verweigert sich auf ihre Art und Weise und schlägt eine neue Richtung ein, die zu etwas Menschlicherem führt. Doch darüber entscheidet letztendlich die Fantasie der Zuschauer/innen …

Wir lernen drei Stimmen ohne Namen kennen, drei Einsame. Jede/r der drei vermisst eine Person, welche sehr wohl einen Namen hat: Ahmet, Yann, Hannah. Worin sehen Sie weitere Unterschiede zwischen den „Anwesenden“ und den „Vermissten“?

Jene, die vermisst werden, werden von den Hauptfiguren herbeigedacht und sind dadurch gezwungenermaßen idealisiert. Eine verlorene Liebe erscheint immer schöner und reiner, als der Mensch, der neben dir steht. Diese vermissten Personen oder dieses Vermissen selbst verursachen eine innere Wunde bei den Hauptfiguren. Ich glaube, dass man innerlich viel mit jenen spricht, die nicht mehr anwesend sind, manchmal konfliktreich, manchmal zärtlich, die Erinnerung und die Fantasie verschmelzen ineinander.

Sie haben als literarische Form das Selbstgespräch gewählt, die Figuren duzen sich selbst. Was war die Absicht hinter dieser Form?

Ich schreibe, um aufzuzeigen, was im Leben nicht verstanden werden kann, was man verstecken muss, nicht sagen kann, was man fühlt und verschweigt. Dieser innere Monolog interessiert mich. Momentan arbeite ich zum Beispiel gerade für meine nächste Inszenierung an einer experimentellen Schreibweise, bei der sich der innere Monolog über die Dialogszenen legen soll. In Extremophil hingegen habe ich mich dafür entschieden, in die Figuren hineinschauen zu lassen, man wird Teil ihrer Subjektivität und bekommt die Welt durch ihre Brille zu sehen. Die Frage ist, wie man danach herauskommt. Wie viel bleibt uns im Gedächtnis, womit können wir uns identifizieren und wie viel verwerfen wir? Und vor allem, wie kann diese Reise in unsere inneren Welten weitergehen?

Das französische Theater ist traditionell stark auf Sprachrhythmik und lyrischen Klang bedacht. Sehen Sie sich in dieser Tradition – auch wenn Sie gar nicht aus Frankreich stammen, sondern Ihre Familie aus Rumänien eingewandert ist?

Ich stelle mir diese Frage nach einer Zugehörigkeit nicht. Mein Schreiben ist organisch, intuitiv. Ich weiß nicht, warum das so ist. Ich kann nicht jeden Schritt meines Vorgehens rational erklären. Für mich ist es unbedingt notwendig, die Handlung, die Figuren und den Rhythmus der Erzählung zu strukturieren, das habe ich wahrscheinlich aus meinem Regiestudium in Bukarest mitgenommen … wenn ich dann vor dem Computer sitze, versuche ich verschiedene Dinge aus und die Sprache ergibt sich von alleine. Als ich Zersplittert geschrieben habe, war es nicht mein Vorsatz in der zweiten Person zu schreiben. Ich habe es zuerst in der ersten und in der dritten Person versucht, aber es hat nicht funktioniert. Die zweite Person hat sich sozusagen von selbst aufgezwungen. Mir wurde später bewusst, dass sie mit der Dramaturgie des Textes einherging. Wichtig sind für mich auch die Poesie, der Rhythmus, der Klang. Vor allem deshalb, weil jene Worte dazu bestimmt sind, laut auf einer Bühne gesprochen zu werden. Dennoch zwinge ich mich nicht dazu, schöne Sätze rein für die Schönheit der Sprache zu formen, ich versuche hingegen das Nicht-Gesagte hervorzubringen, meistens kommt das über das Sinnliche, die Bilder, die Wortassoziationen …

Möglicherweise überraschen wir Sie mit dieser Inszenierung durch eine eher figurative, wenig abstrakte Herangehensweise. Wir haben uns versucht vorzustellen, wer diese Menschen wirklich sind. Kann man das, Ihrer Meinung nach? Haben Sie versucht, diese drei psychologisch so auszustatten, dass es sie wirklich geben könnte?

Ja. Am Anfang arbeite ich wie bei einem Filmdrehbuch. Ich stelle mir ihr bisheriges Leben vor, ihre täglichen Abläufe, ihre Beziehungen, Anspannungen, Konfliktzonen, ihre Besessenheiten, Widerständigkeiten, ihre Traumata, Ängste, Fantasien und daraufhin schlüpfe ich in ihre psychologische Vorstellungswelt. Auch wenn ich selbst Regisseurin bin, gebe ich in meinem Schreiben keine Richtung vor, wie der Text inszeniert werden soll. Ich weiß nicht, wie dieser Text inszeniert werden muss. Ich selbst habe ihn nicht auf die Bühne gebracht. Ich glaube, dass es dafür tausend mögliche Herangehensweisen gibt. Was ich jedenfalls versuche, ist, dem Regisseur die Freiheit zu geben, den Text selbst neu zu schreiben. Ich habe Zersplittert dutzende Male auf sehr unterschiedliche Weise gesehen, in Frankreich, Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in England … und ich weiß immer noch nicht, welche Inszenierung am angemessensten ist. Am ehesten jene, bei der der Regisseur den Text selbst erhellt, wo eine eigene Logik, ein Rhythmus, eine Kraft erkennbar wird, wo erreicht wird, dass der Zuschauer in einen Bann gezogen wird, dass seine Aufmerksamkeit erhalten bleibt und er nach Ende der Vorstellung seine eigenen Gedanken weiterspinnen kann.

Worauf freuen Sie sich, wenn Sie nach Wien kommen?

Ich war bereits mehrmals in Wien. Ich mag es, durch die Stadt zu schlendern, es inspiriert mich. Jedesmal freue ich mich wieder auf das MuseumsQuartier. Aber dieses Mal gilt mein besonderes Interesse dem Volkstheater, seiner Hinterbühne, seinen Schauspieler/innen, seiner Atmosphäre.

 

Die Fragen stellte Roland Koberg.
Aus dem Französischen übersetzte Mona Schwitzer.