Menü
 

In "Fasching", der Dramatisierung von Gerhard Fritschs gleichnamigem Roman, spielt Adele Neuhauser die Rolle der Vittoria Pisani. Mit Andrea Heinz sprach sie über Macht, Geschlecht und inwieweit beides Rollen im gesellschaftlichen Zusammenleben sind.

Vittoria Pisani, ihre Rolle in Fasching, rettet Felix Golub nach seiner Desertion zwar vor der Verfolgung, gewinnt dadurch aber massiv Macht über ihn – und nutzt diese weidlich aus. Es geht in diesem Stück viel um Macht, darum, wie und warum diese ausgeübt wird und welche Folgen das zeitigt. Macht verändert jeden Menschen – aber verändert sie Frauen auf andere Weise?

Adele Neuhauser: Man muss überlegen: Wer wird unter welchen Umständen in eine Machtposition gebracht? Geht es um vererbte Macht, etwa innerhalb einer Herrscherdynastie? Das ist für mich etwas anderes. Hier aber geht es um Macht, die sich jemand erarbeitet, erschleicht oder wie auch immer erringt; und vor allem darum, was mit dieser Macht angestellt wird. Ich glaube, dass das auch eine charakterliche Frage ist, nicht nur eine geschlechtsspezifische. Meistens, so lehrt uns die Geschichte, wird ein Missbrauch betrieben. Ich denke, Frauen wollen Macht erst einmal nutzen, um etwas zu verändern. Nur ist die Frage, wie beschädigt sie sind, bis sie diese Position erlangt haben.

Kann Macht auch etwas positives sein?

Ich finde Macht grundsätzlich gefährlich. Vor allem, wenn sie nur eine einzelne Person innehat. Dann verselbstständigt sich die Geilheit an der Macht. In Fasching, besonders meine Figur betreffend, auch in dem Sinne, dass ein erotisches Element hinzukommt. Und dann wird es fatal. Wenn jemand Macht ausübt, um den anderen, auch sexuell, zu unterwerfen, dann ist die niedrigste Stufe erreicht. Wobei ich nicht glaube, dass jemand Macht erlangen möchte, um ausschließlich sexuell dominant zu sein. Dann sprächen wir von pathologisch Kranken.

Es spielt wohl zusammen, dass jemand prinzipiell Macht ausüben will und sich das auf verschiedenen Ebenen äußert.

Das erkennt man auch daran, dass Mächtige gerne hofiert werden. Und sich in deren Dunstkreis gerne Menschen tummeln, die an dieser Macht partizipieren wollen. Hier macht sich auch – und da berühre ich wieder die Figur, die ich spiele – ein Effekt von Missachtung breit. Man vergisst, wer man ist. Ganz tief drinnen weiß man zwar: Man ist genauso ein Würstel, man hat genauso schwache Momente, Ängste, Unsicherheiten. Wenn man das aber zu weit verdrängt, dann wird Macht fatal.

Unter sehr reichen Menschen gibt es gewisse Codes, die man mutmaßlich erst einmal unreflektiert übernehmen muss, um überhaupt in diese Liga zu kommen. Gibt es auch bei den Mächtigen so etwas wie eine Rolle, die man spielen muss?

So ist es. Man sagt ja, den König spielen die anderen. Und wie viele Könige haben wir erlebt in der Geschichte, die eigentlich schwindsüchtige Trottel waren? Ich glaube aber, dass es mit der Macht – sofern man sie sich selbst erarbeitet hat – anders, individueller ist als mit den Codes unter Reichen. Bei den Reichen gibt es ein Schema, bei den Mächtigen nicht. Sicher, für irgendeinen Wirtschaftsboss gibt es Regeln, die eingehalten werden müssen. Der darf das System nicht untergraben, sonst untergräbt er ja letztlich seinen Wirkungsbereich und somit sein Machtfeld. Aber wo wir vom Missbrauch der Macht sprechen, auch ohne wirtschaftliche, finanzielle Basis, da gilt: Sich mental über jemanden zu erheben, ist immer eine Anmaßung.

Ist das nicht erst recht eine Rolle, die man erlernen und erfüllen muss?

Man merkt das ja schon, wenn man in einen Flieger steigt nach Hamburg oder Berlin – diese typischen Geschäftsflieger schauen alle gleich aus. Wie bei Momo die grauen Männer. Wenn ich einen bestimmten Gestus habe, ein bestimmtes Outfit, dann trage ich die Zeichen des Erfolges an mir. Aber das heißt noch nicht, dass derjenige wirklich kompetent oder gar mächtig ist. Macht anzustreben, ist für mich schon grundsätzlich ein fragwürdiges Lebensziel. Was will man damit anfangen?

Hier kommt wieder die Frage auf, ob es überhaupt um Geschlecht geht – oder nicht vielmehr um den Charakter.

Ich glaube, dass es eher Frauen sind, die, wenn sie in eine Machtposition gelangen, diese erst einmal nutzen wollen, um etwas zu verändern. Sehen wir uns die Baronin an: Sie hat sich mit diesem General verheiratet, wahrscheinlich auch dadurch ihren Titel erlangt. Wenn du sexuell Macht hast über jemanden, wenn du merkst, dass du eigentlich mächtiger bist als dein Gegenüber, dann ist die Verachtung nicht weit. Wenn du das durchschaut hast – und ich glaube, das hat sie –, dann ist es nur noch ein an dem Leid des anderen sich aufgeilendes Moment. Das Problem ist nur, dass sie sich in Felix verliebt hat. Die Baronin gibt es zwar nicht zu, aber ich bin mir sicher. Und sie will geliebt werden für das, was sie getan hat, nämlich dafür, Felix gerettet zu haben. Daran, dass Felix ihr aber für eine geraume Zeit „entkommt“ und nach seiner Rückkehr nicht reumütig in ihre Arme eilt, zerbricht sie in gewisser Weise.

Wenn man so weit geht, glaube ich, dass die Frau sowieso …

… krank ist.

Ja, aber aus guten Gründen. Wenn man überlegt, in welcher Zeit und wie sie aufgewachsen ist, bevor sie bei diesem General gelandet ist, kann man sich doch vorstellen, dass das vorher genau umgekehrt passiert ist, nämlich mit ihr. Und dass sie diese Regeln so gelernt hat. Kann man hier überhaupt noch die Frage stellen, wer eigentlich schuld ist?

Nur weil man es so gelernt hat, muss man nicht zwingend so weitermachen. Wenn du dich nach Liebe sehnst, wirst du ganz schnell erkennen, dass die Liebe, die du auf solche Weise erfährst, eine fragwürdige ist. Und entweder kämpfst du darum, eine wahre, dich ehrende und schätzende Liebe zu erlangen – oder es macht dir dann einfach Spaß, Macht auszuüben. Weil du dein Gegenüber und die Mechanismen durchschaut hast. Das ist eine charakterliche Frage. Die Baronin hatte erfahren, dass sie gar nicht viel zu machen braucht, damit ihr die Männer verfallen.

Verändern Frauen den Charakter der Macht – oder ist es eher so, dass die Macht den Charakter der Frauen verändert?

Wenn man diese Frage auf die Baronin bezieht: Sie hat ihre Macht genutzt, um Felix zu retten. Was ja ein mutiger und richtiger Akt war. Aber sie übt auch massiven Druck auf ihn aus. Es ist eine zweischneidige Sache. Der Mächtige muss Recht haben, sonst ist er nicht mächtig. Die Macht kann man aber auch ganz schnell verlieren. Wenn ich mir zum Beispiel den amerikanischen Präsidenten anschaue, wie er bei den Wahlen gesprochen hat – und wie schwierig es für ihn war, diese positive Machtposition zu halten. Wie schnell sich seine Situation verändert hat, auch seine Sprache. Weil er mit so vielen Kompromissen zu kämpfen hat. Ich glaube, die wirklich Mächtigen sind gar nicht sichtbar. Sie wissen: An die Front stelle ich mich nicht. Ich bin nicht die Galionsfigur, die man abschießen kann.

Bei der Baronin ist doch die prinzipielle Frage: Wie mächtig ist sie wirklich?

Ich glaube: sehr. Weil sie viel weiß. Sie weiß das Intimste – nicht nur von Männern, auch von den Frauen dieser Kleinstadt. Und dadurch traut sich auch keiner, an ihrer Machtposition zu rütteln. Dann könnten diese ganzen feinen, beschämenden Details ans Tageslicht kommen.

Im Endeffekt ist das eine endlose Verschiebung und Reproduktion von Machtgefällen: Jeder wird beherrscht, jeder will jemanden beherrschen.

Ja, deswegen hört es nicht auf. Und deswegen ist dieser Roman auch so grausam fantastisch. Weil er ganz klar zeigt, dass Menschen einfach nicht dazulernen, nicht reflektieren, sondern in diesen Mechanismen gefangen sind. Deswegen meine ich: Es ist eine Charakterfrage. Und wie viele charakterstarke, moralische Menschen sind an der Macht? Das würde mich interessieren.

Wir haben jetzt über politische Macht gesprochen ‒ bei der Baronin geht es für mich aber eher um emotionale Macht. Felix ist ja auch emotional abhängig von ihr. Ist das eine andere Form von Macht?

Grundsätzlich ist für mich jeder menschliche Akt ein politischer. Natürlich ist Felix erst mal emotional abhängig, auch weil sie ihn isoliert, ihn in diese neue Haut sperrt. Aber ich glaube, dass es bei ihr einen anderen Motor hat. Dass sie so eine politische Person gar nicht ist, sondern immer nur auf ihr gutes Auskommen geschaut hat, auf ihr Amüsement. Eine sehr egomanische Frau. Sie hat das ja schon einmal an einem anderen Mann praktiziert – wobei die Beweggründe für ihr wiederholtes Handeln schwer zu erforschen sind. Ob das aus einem rein sexuellen Motor heraus geschehen ist, oder ob es das Aufdecken war dessen, was es bedeutet, eine Frau sein zu müssen in einer Gesellschaft, die mental so ausgestattet ist. Das wäre dann eigentlich schon wieder ein verändernder, ein politischer Akt.

Adele Neuhauser (oben) als Vittoria Pisani in "Fasching".

Adele Neuhauser (oben) als Vittoria Pisani in Fasching.

Eigentlich ist es wie eine (noch) pervers(ere) Version von Molières Die Schule der Frauen. Sie will ihn zu ihrem kleinen Mädchen machen, nach ihren Vorstellungen – oder besser gesagt: nach ihren Vorstellungen davon, wie Frauen sein müssen.

Genau: um nicht aufzufallen. Sie hat diese Stufe überwunden. Sie könnte nackt durch die Stadt gehen, und die Leute würde zwar raunen, aber neidvoll sagen: „Es ist halt die Baronin.“ Nur eine Frau darf nicht auffallen. Eine Frau muss genau so sein, wie die Baronin Felix erzieht.

Und wahrscheinlich will sie ihn auch so. Sie will ja nicht, dass jemand so ist wie sie.

Natürlich will sie die Einzige sein. Ich glaube, diese Frau ist schon ziemlich pervers.

Perversität als hervorstechendes Charaktermerkmal?

Sie ist eine Faschistin, eine katholische Faschistin. Die Baronin hat ein unglaublich seltsames Moralgebäude. Das ist eigentlich das Grausame. Was sie macht, hat ja auch gute Seiten: Sie hat Felix das Leben gerettet. Und er hat letztlich die Stadt gerettet. Aber das war nicht ihr Plan. Sie nutzt ihre Position aus, um einen rein persönlichen Vorteil zu haben. Ich finde das verabscheuungswürdig. Wir leben ja alle miteinander, wir müssen auch aufeinander schauen. Nur sieht das in ihrem Wertgebäude anders aus: Da darf der Mensch nicht ausbrechen wegen so etwas wie individueller Freiheit. Der Mensch muss funktionieren, so wie es eben die gesellschaftliche Ordnung vorsieht – und wenn er das nicht tut, muss er dazu gezwungen werden. So funktioniert auch die katholische Kirche: mit Angst und Zwang, Gut und Böse, Schuld und Sühne.

 

Adele Neuhauser als "Medea" in der gleichnamigen Inszenierung von Anna Badora 1991 am Stattstheater Mainz.  © Bettina Strauss

Adele Neuhauser als Medea in der gleichnamigen Inszenierung von Anna Badora 1991 am Staatstheater Mainz. © Bettina Strauss

In Fasching geht es viel um Rollenspiele: Machtrollen, Geschlechterrollen. In der Theorie heißt es, jeder von uns „spielt“ im Alltag seine soziale Rolle, darunter auch Männlich- oder eben Weiblichkeit. Wie ist das für eine Schauspielerin, wenn sie auf der Bühne eine Frauenrolle spielt: Verdoppelt sich dann das Spielen des Weiblichen?

Das ist eine lustige Frage. In jungen Jahren habe ich mich geschämt, weiblich zu sein. Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich lieber ein Junge wäre, dass man es als Mann eigentlich leichter hätte. Ich wurde von meinem Vater so erzogen, dass ich sehr weiblich sein, mich als Frau auch dementsprechend zurücknehmen und elegant verhalten sollte. Ich habe lange gebraucht, bis ich mir erlaubt habe, wirklich Frau zu sein. Das hing später auch mit meiner Stimmbandoperation im Jahr 2008 zusammen. Plötzlich wurde meine Stimme wieder weiblicher, ich konnte modulieren und hatte nicht mehr diese kellerartige Asselstimme. Und umso mehr ich meine Weiblichkeit leben konnte, desto mehr bin ich zu der Erkenntnis gelangt: Ich mag mich diesen Mechanismen nicht mehr unterwerfen und mich ausbremsen lassen.

Welche Mechanismen sind das konkret?

Ich erlebe das in vielen Diskussionen: Männer besprechen ihre Angelegenheiten, und Frauen kommen oft erst dann zu Wort, wenn eh schon alles besprochen und beschlossen wurde. Dazu habe ich keine Lust. Ich rede dazwischen, ich zeige auf, ich sage: Nein, das mache ich so nicht. Das ist vielleicht nicht weiblich, das ist aber auch nicht männlich. Ich folge nur meinem Recht, gehört zu werden.

Und wie ist das auf der Bühne?

Das kommt auf den Charakter an, den ich zu spielen habe. Ich hatte in den Jahren, in denen ich wenig Theater gespielt habe, mit Figuren zu tun, die sehr überzeichnet waren. Und dann doppelt es sich, wie Sie vorher gesagt haben. Da sollte ich, konnte ich in die Vollen gehen. Ich sehne mich eigentlich nach einer Frau, die so ein Weib ist, wie ich es schätze. Diese Frau darf ich bis zu einem gewissen Grad auch als die Tatort-Kommissarin Bibi Fellner spielen. Da doppelt es sich nicht. Im Gegenteil, da kann ich etwas üben, was ich nicht immer leben kann oder nicht gezwungenermaßen leben muss. Aber im Moment freue ich mich einfach nur darauf, wieder auf der Bühne zu stehen – als Baronin Pisani im Volkstheater!