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In einem mehrmonatigen choreografisch-musikalischen Stückentwicklungsprozess hat sich die Schweizer Choreografin Salome Schneebeli gemeinsam mit acht Kindern, drei Schauspieler/innen des Volkstheater-Ensembles, der finnischen Medienkünstlerin Heta Multanen sowie dem Team des Jungen Volkstheaters einer intensiven Auseinandersetzung mit Hans Christian Andersens Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ gewidmet. Mit Dramaturgin Angela Heide sprach sie über die Aktualität des Stoffes, den Entstehungsprozess und die Herausforderungen in der Arbeit mit einem gemischten Ensemble.

Angela Heide: Du hast dich bei deiner ersten Produktion für das Wiener Volkstheater für eine Zusammenarbeit mit dem Jungen Volkstheater entschieden. Wie kam es dazu?

Salome Schneebeli: Heta Multanen und ich wollten schon lange ein Familienstück machen, das für Erwachsene und junges Publikum funktioniert. Das empfanden wir als spannende Herausforderung. Zudem mag ich Märchen gerne und die Auseinandersetzung mit ihnen. Und ich wollte eine choreografische Inszenierung machen mit viel Bewegung – so war es eigentlich logisch, dass wir bei dieser Produktion in diese Richtung gehen.

Wieso hast du dich für Hans Christians Andersens 1845 entstandenes dänisches Märchen Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern entschieden? Gab es dazu bereits vorher eine Auseinandersetzung?

Die aktuelle Weltlage beschäftigt mich wie auch Heta sehr. Und so war es naheliegend, dass man auf dieses Märchen kommt, da es derart viele grundlegende Themen berührt, von Drinnen- und Draußen-Sein, die Frage nach dem Tod als einzige Lösung, das Weggeben von Lebensressourcen, indem man sie, wie im konkreten Falle des Mädchens, anzündet, weil man nichts anderes mehr hat. Ich finde das Märchen hochaktuell.

Du erzählst dieses Märchen nicht in einem klassischen Sinne, sondern hast es als Folie und Ausgangspunkt für eine Stückentwicklung gemeinsam mit den 11 Darsteller/innen, Heta Multanen und dem Team des Jungen Volkstheaters genommen. Stand diese Arbeitsweise von Beginn an für dich fest?

Ja. Der Wunsch war von Anfang an da, dass eine Vervielfältigung von „Schwefelholz-Mädchen“ passiert. Wie man das mit Kindern und Schauspieler/innen konkret bauen kann, hat sich dann im Entwickeln sehr geändert. Es ist also nicht so, dass alle Kopien dieses Mädchen sind; aber die Grundgedanken ‒ Was hat das mit uns heute zu tun? Was hat das mit Kindern in Wien zu tun; was ist ihr Anteil an dieser Geschichte? ‒ waren von Beginn an da.

Sebastian Wimmer, Nadine Quittner © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Sebastian Wimmer, Nadine Quittner © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Kannst du etwas über den mehrmonatigen künstlerischen Arbeitsprozess erzählen?

Einerseits ist eine Stückentwicklung immer ein längerer Prozess, da man sehr viel Material sammeln muss und es am Anfang noch keinen Text gibt. Was für uns feststand, war auch, dass wir vom Casting an mit den Kindern gemeinsam arbeiten wollen würden. Schon allein dadurch ergaben sich zeitliche Vorgaben, etwa, dass wir während der Schulzeit nur abends proben können oder dass wir im August während der Ferien eine sehr intensive Probenphase hatten. Die probenfreien Blöcke waren für mich und Heta sehr wichtig, da wir in diesen Phasen Zeit hatten, das Material immer wieder zu prüfen und das Projekt weiterzuführen. Der ganze Prozess gleicht am ehesten einem Mosaik, das man kreiert. Einem Bild, das man in vielen Schichten malt. Und Choreografie ist an sich schon ein langsamerer Prozess als Schauspiel-Regie.

Hattest du davor bereits Erfahrung in der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen? Gab es Überraschungen in der Art, wie die Kinder mit den Themen, die das Märchen aufgreift, umgegangen sind?

Ich hatte bereits eine Stückentwicklung mit 19- bis 23-jährigen Jugendlichen, und finde auch, dass wenn man Stückentwicklung sagt, es notwendig ist, dass man alle darin einbezieht. Was bei dieser Produktion dann aber passiert ist, war für mich sehr beglückend. Ich empfand die Zusammenarbeit mit den Kindern, den Schauspieler/innen und dem gesamten Team außergewöhnlich schön.

Valerie Kosits, Sebastian Wimmer, David Breza, Lola Mae Bernhard © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Valerie Kosits, Sebastian Wimmer, David Breza, Lola Mae Bernhard © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Du arbeitest bei dieser Produktion nicht nur von Anfang an mit allen Beteiligten an der Entwicklung, du arbeitest auch mit Mitteln des Tanzes, mit Text, Video, Musik. Steht für dich die Choreografie dennoch an erster Stelle?

Ich finde es sehr spannend, mit Menschen zu arbeiten, für die  der Text an erster Stelle steht. Für mich sind Tanz und Choreografie einerseits immer eine Vertiefung, andererseits eine Weiterführung von Gedanken. Das heißt, für mich kann Tanz auch da ansetzen, wo Worte nicht mehr weiterkommen. Oder wo ich zumindest mit Worten nicht mehr nachkomme. Hier macht der Tanz vielleicht etwas erfahrbar oder spürbar, das mit Worten nicht mehr zu greifen ist. Und das fand ich sehr spannend, gerade in Hinblick auf die großen Themen, die das Märchen aufgreift.

Musik und Tanz wiederum liegen für mich ganz nah beisammen. Das heißt, ich choreografiere vieles mit Musik. Ich choreografiere aber auch oft ganz bewusst in der Stille. Und wenn ich Musik höre, spricht mich oft etwas sehr Konkretes an. So war es auch hier zum Beispiel, als ich Chopin gehört habe und sofort einen direkten Bezug zu diesem Märchen empfunden habe.

War dir die hohe Musikalität aller Darsteller/innen, vor allem der drei Ensemble-Mitglieder, von Beginn an bewusst? Hast du mit diesem Wissen bereits bei deiner Konzeption ansetzen können?

Nein, ich wusste es nicht von allen. Ich hatte in Graz bereits mit Christoph Rothenbuchner gearbeitet; und ich wusste, dass Luka Vlatkovic auch Musiker ist. Aber zum Beispiel wusste ich es nicht von Nadine Quittner oder den Kindern. Was ich von Beginn an wusste, war, dass ich Live-Musik auf der Bühne möchte, aber dass zum Beispiel alle Schauspieler/innen ein Instrument können, ist natürlich große Klasse.

Wie würdest du die Beziehung zwischen den erwachsenen und den jungen Performer/innen beschreiben?

Für mich ist es eine sehr gleichberechtigte Beziehung, sonst würde es mich auch nicht interessieren. Ich habe sehr bewusst auch Verantwortung eingefordert von allen, auch von den Kindern, denn ich denke, dass man so ein Stück nur gemeinsam tragen und zum Fliegen bringen kann. Das war von meiner Seite her sehr klar geplant; doch dass die Schauspieler/innen so genau über ihre Positionen, ihre Funktionen, ihr Verhältnis zu den Kindern reflektieren, empfinde ich als nicht selbstverständlich und als einen großartigen Weg, den wir gemeinsam gegangen sind. Es ist auch eine große Offenheit zu spüren auf beiden Seiten.

Wenn man über Tod redet, redet man immer auch über das Leben. Daher war es für mich ganz wichtig, hier eine Art Durchlässigkeit, eine Sensibilität herzustellen, um das Stück zu kreieren. Das hat eben auch mit der Art zu tun, wie man arbeitet und wie sich die Beziehung, in diesem Falle zwischen den acht Kindern und den drei Schauspieler/innen, entwickelt.

Ein großer Teil der Texte des Abends sind im Stückentwicklungsprozess, konkret in mehrwöchigen Gesprächen über das Märchen und dessen Themen entstanden. Wie finden sich die entstandenen Texte auf der Bühne wieder?

Durch die vielen Gespräche, die wir geführt haben, aber auch durch die zahlreichen Improvisationen in diesem langen Probenzeitraum bekommt man natürlich ein Gespür dafür, wer wie funktioniert. Für mich war auch von Beginn an klar, dass die acht Kinder der Kinderkörper sind, dem die Erwachsenen begegnen. Vielmehr wussten wir von Anfang an, dass es hier um verschiedene Farben, um verschiedene Charaktere gehen muss, und so ist dann langsam die Textauswahl aus deinen über 100-seitigen Transkriptionen entstanden. Auch hier war es ein Arbeiten in Schichten, so dass man mit der Zeit die Figuren fassen konnte.

Du hast das Projekt in Kooperation mit dem Jungen Volkstheater konzipiert und entwickelt. Wie würdest du die Zusammenarbeit beschreiben?

Für mich ist es unendlich wichtig, dass es diese Durchmischung gibt zwischen dem, was man das „Große Haus“ nennt und dessen Ensemble und eben das Junge Volkstheater und die jungen Darsteller/innen. Für mich war von Anfang an das Familienstück der Hauptfokus, also eine Arbeit am Theater, die für verschiedene Altersklassen und Hintergründe funktioniert, eine Arbeit, die Kindern, Jugendlichen, aber eben auch Erwachsenen Freude macht. Ob das nun gelingen wird: Ich hoffe sehr!