Menü
 

Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Jana von Ohlen hat Felix Hafners Inszenierung „Der Menschenfeind“ gesehen und fragt sich: Wie viel Ehrlichkeit verträgt ein Mensch?

Es geht um Freundschaft in Felix Hafners Inszenierung von Molières Der Menschenfeind.

Um Freundschaft in Zeiten der Salons, aber auch um Freundschaft in Zeiten der Digitalisierung.

Um Heuchelei, um Ehrlichkeit und Loyalität, um Kritik. Darum, wann Kritik angebracht ist, und wann sie es eben nicht ist.

Der Protagonist in Der Menschenfeind, Alceste, schon dem Titel nach ein Misanthrop, zieht durch schonungslose Ehrlichkeit beständig den Zorn seiner Mitmenschen auf sich. Um ihrer und um seiner selbst willen lehnt Alceste Lügen und Schmeicheleien partout ab. Heuchelei ist ihm zuwider. Dieser Habitus beeinflusst im Folgenden seinen Status innerhalb der von Molière gezeichneten Salongesellschaft. Die sozialen Fronten prallen aufeinander und Alceste muss schmerzhaft feststellen: Er steht mit seinen ideellen Vorstellungen allein. Die Zuneigung zu einer der beliebtesten Frauen des Salons treibt ihn dennoch immer wieder in die Mitte der Gesellschaft. Misanthropie und Liebe stürzen Alceste in ein Dilemma, aus dem er sich kaum befreien kann.

Die Inszenierung impliziert durch choreografierte Elemente sowie durch ein Kostümbild, das figurenübergreifend entwickelt wurde, die Vorstellung einer geschlossenen Gruppe. Die Darstellenden präsentieren sich zum Teil laufstegartig, auf die spezielle Wirkung des gemeinsamen Äußeren bedacht.

Während der gesamten Dauer der Aufführung brennt im Publikumsraum das Einlasslicht. Den Zuschauerinnen und Zuschauern ist es so möglich, sich gegenseitig zu beobachten, Reaktionen miteinander zu vergleichen, während gemeinsam das Bühnengeschehen beobachtet wird. Kommentare der fiktiven Charaktere („Ich weiß, was läuft. Ich geh’ auf Premieren.“) weisen auf die bewusste Entscheidung für eben diesen selbstironischen Ausdruck des Theaters hin und machen den doppelten Boden der Komödie offenbar.

Da wir uns seit jeher an Themen und Nuancen der Freundschaft abarbeiten, werden Dialoge, Konflikte und Bühnensituationen des Menschenfeindes quasi auf die persönliche Lebensrealität projiziert. Wir sehen uns, während wir uns bekannte Themen verhandelt sehen. Die Inszenierung bezieht sich im Subtext schließlich auch auf moderne Konzepte von Freundschaft, auf digitalisierte Freundschaft. Insbesondere hier stellt sich nämlich die Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Aufrichtigkeit und Maskerade: Facebook und Co. haben den gängigen Begriff von Freundschaft ergänzt. User/innen ist es möglich, mit prominenten und entfernt bekannten Menschen auf die gleiche Weise befreundet zu sein wie mit ehemaligen Schulfreund/innen. Ebenso ist es möglich, vollkommen unkompliziert seine Zuneigung mittels weniger Klicks auszudrücken. Keinesfalls eine ausgefallene Erkenntnis, doch lässt Der Menschenfeind neben dem Offensichtlichen auch diese Sphäre der Freundschaften anklingen.

So spielt diese Komödie sich zwischen Komik und Tragik ab. Wir kreisen um uns, wir werden uns vor Augen geführt. Und mit Fragen zurück gelassen: Wie viel Ehrlichkeit verträgt ein Mensch? Wie ehrlich sind wir und wie viel ist Facette – online wie offline? Wie sehr sind wir „wir“ und wie sehr sind wir Teil einer Community?

Hier ist es unsere Aufgabe, Stellung zu beziehen. Der Menschenfeind inspiriert dazu.

 

Jana von Ohlen ist 24 Jahre alt und studiert in Berlin und Wien Theaterwissenschaft. Daneben arbeitet sie an den Sophiensaelen in Berlin.