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In der Roten Bar diskutierten in der Reihe „VolkstheaterGespräche“, moderiert von Corinna Milborn, die stellvertretende Chefredakteurin von "ViceAustria" Hanna Herbst, die feministische Aktivistin Dudu Küçükgöl und Eva Geber, langjährige Redakteurin der Zeitschrift "AUF" der Wiener Frauenbewegung. Stefanie Sargnagel las dazu aus ausgewählten Texten.

Wie geht es eigentlich dem Feminismus heute? Dieser nach den Übergriffen von Köln, aber auch nach den Sexismus-Debatten rund um den Fall Gina-Lisa Lohfink oder die sexuellen Übergriffe eines Donald Trump mehr als aktuellen Frage widmete sich am 23. Oktober die Reihe VolkstheaterGespräche in der Roten Bar unter der Überschrift „What’s up Feminismus?“.

Unter der Moderation von Corinna Milborn diskutierten Hanna Herbst, stellvertretende Chefredakteurin von ViceAustria, die feministische Aktivistin Dudu Küçükgöl und Eva Geber, lange Jahre Redakteurin der Zeitschrift AUF der Wiener Frauenbewegung. Bevor aber diskutiert wurde, hatte zuerst Stefanie Sargnagel ihren Auftritt, die so etwas wie der „Special Guest“ der Matinee war: Sie las aus ausgewählten Texten, die man als „feministisch“ labeln könnte – und illustrierte mit einem immer wieder eingestreuten „ich weiß jetzt nicht, ob das feministisch ist, aber …“ gleich eine der großen Fragen: Wer oder was ist eigentlich feministisch?

Dass es die zahlreichen rassistisch und/oder rechtsnational argumentierenden Männer, die nach der Silvesternacht in Köln plötzlich ihre feministischen Anliegen entdeckten, auf jeden Fall schon einmal nicht sind, darüber waren sich die Diskutantinnen gleich zu Beginn einig. „Es ging kaum um die Frauen, sondern um die Herkunft der Täter; darum, wie man das nutzen kann, um Ängste zu schüren“, stellte Hanna Herbst fest.

Über Sexismus sprechen, ohne rassistisch zu sein

Wie die Vorfälle auf Seiten der muslimischen Community erlebt wurden, berichtete dann Dudu Küçükgöl: „Die Generalisierung aller muslimischen Männer, das Verantwortlichmachen der Religion, das hat uns besonders getroffen. Diese Fälle zeigen ja durchaus, dass es hier Diskussionsbedarf gibt.“ Sie verwies auf die Initiative #ausnahmslos, die eben nicht nur von Muslima, sondern ganz allgemein von Feministinnen ausging. „Wir haben sie ‚ausnahmslos‘ genannt, weil wir ohne Ausnahme gegen sexistische Gewalt und Rassismus sind. Wir müssen es schaffen, über Sexismus zu sprechen, ohne rassistisch zu sein. Das sollte möglich sein in dieser Gesellschaft: Probleme konkret und ohne Generalisierungen zu bearbeiten.“

Eva Geber ist froh, dass die Diskussion weiter geführt wird – auch über die rassistische Komponente der Debatte. „Ich bin sicher: Es wäre nie so ein Wirbel geworden, wenn es sich um deutsche oder österreichische Männer gehandelt hätte.“ Was Hanna Herbst auf der anderen Seite weitgehend vermisste, war jedoch eine breiter angelegte Diskussion über sexuelle Gewalt: „Vergewaltigung passiert hauptsächlich in den eigenen vier Wänden, in der eigenen Community. In der Debatte nach Köln ging es aber vor allem darum: „Die“ kommen und nehmen „uns“ unsere Frauen.“

Über Probleme selbstverantwortlich sprechen

Angesichts dieses rassistischen Klimas stellt sich natürlich auch die Frage, wie sich Probleme innerhalb zum Beispiel der muslimischen Community überhaupt thematisieren lassen, ohne damit den rassistischen Diskurs zu befeuern beziehungsweise, wie Corinna Milborn es ausdrückte: „die meiste Zeit nur darüber reden zu können, was man nicht sagen will“. Dudu Küçükgöl, die 15 Jahre in der muslimischen Jugend tätig war, weiß aus eigener Erfahrung, dass es in der muslimischen Community sehr konservative Rollenbilder gibt – und hält es für wichtig, diese Probleme in geschützten Räumen ansprechen zu können: „Die eine Frage ist, was macht man mit den Jugendlichen. Die andere ist, wie geht man mit dem Diskurs um, wenn er rassistisch geführt wird. Am liebsten arbeite ich nach wie vor mit der muslimischen Community selbst, wo wir den Platz haben, das gemeinsam zu besprechen und zu diskutieren. Denn in der Öffentlichkeit, in einer rassistischen Atmosphäre, in der es durchaus auch Übergriffe auf Frauen gibt, ist es sehr schwer, über diese Probleme – die es natürlich gibt – zu sprechen. Ich befürworte sehr stark, dass es selbst geschaffene Räume gibt, in denen Muslim/innen über Probleme selbstverantwortlich sprechen können.“

Sie hat dabei gute Erfahrungen mit unterschiedlichen Gruppen gemacht: „Ich finde es sehr wichtig, dass Frauen ohne den männlichen Blick unter sich sein können. Dennoch ist beides nötig, vor allem für die Erziehung der Männer. Die müssen starke Frauen, Frauen in Führungspositionen erleben, damit sie das später auch gewohnt sind.“

Besetzen des öffentlichen Raumes

Auch über Donald Trump, den mittlerweile designierten Präsidenten der Vereinigten Staaten und dessen Verharmlosung seiner sexuellen Übergriffe, diskutierte die Runde. Stefanie Sargnagel zeigte sich „erstaunt, wie viele Frauen solche Männer verteidigen, weil es halt ein ‚Exzentriker‘ oder ‚Künstler‘ ist. Es ist erstaunlich, wie viel da immer noch toleriert wird.“ Eine Kampagne im Vice-Magazin brachte auf der anderen Seite nicht nur erschreckende Ergebnisse, sondern auch positive Effekte zu Tage: „Da wurden Sachen geschildert, die früher gar nicht zur Sprache gekommen wären, weil sie ja ‚nicht so schlimm‘ sind“, fiel Corinna Milborn auf. Auch Hanna Herbst stellte fest: „Bei mir hat es selbst lange gedauert, bis ich gemerkt habe: Ich kann mich darüber aufregen, ich muss mir das nicht gefallen lassen. Es ist riesig, was dieses Jahr passiert und das finde ich wunderschön.“

Kritisch sehen die Diskutantinnen Aufrufe an Frauen, angesichts der Gefahr von Übergriffen lieber zu Hause zu bleiben. Corinna Milborn: „Es geht auch um ein Besetzen des öffentlichen Raumes. Deswegen immer mein Appell, in der Nacht in Gruppen viel U-Bahn zu fahren, den öffentlichen Raum mit Frauen zu besetzen. Eine ähnliche Debatte gibt es ja auch, was den virtuellen Raum im Netz betrifft.“ „In der ganzen Debatte nach Köln hätte ich mir gewünscht, man hätte sich auch mal um ‚uns‘ Gedanken macht, um Frauen, die erkennbar anders sind und sich schon seit längerer Zeit nicht sicher fühle auf den Straßen“, merkte Dudu Küçükgöl an dieser Stelle an. „Wenn ich nachts mit einem Kopftuch noch draußen bin, überlege ich, ob ich nicht doch besser ein Taxi nehmen soll … Es tut echt weh, wenn man als Frau nicht anziehen kann, was man möchte, ohne sich Gedanken über die Außenwirkung zu machen und da merkt man, dass das ein gemeinsamer Kampf ist, dass wir uns verbünden können.“

Einig war man sich am Schluss auch, was die Notwendigkeit des eigenen Engagements betrifft. Wie Hanna Herbst zusammenfasste: „Wir müssen laut sein und extrem viel Arbeit leisten, wir müssen unsere Kinder in diesem Sinne erziehen. Das müssen wir selber machen – sonst macht es nämlich niemand!“

 

Foto: (v.li.n.re.) Stefanie Sargnagel, Hanna Herbst, Corinna Milborn, Dudu Küçükgöl und Eva Geber (© Thomas Finkenstädt).