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Heike Müller-Merten im Gespräch mit Andreas Schett und Markus Kraler von der Musicbanda Franui über Kreisler-Lieder, Volksmusik und die Schönheit von Beerdigungen.

Heike Müller-Merten: Als ein Markenzeichen eurer Musicbanda wird immer wieder eure Herkunft beschworen. Gibt es schon Verwässerungen durch Ein- und Abwanderungen?

Andreas Schett: Die meisten von uns kommen aus dem kleinen Ort Innervillgraten oder aus der Gegend, aus dem Bezirk Osttirol. Wir wohnen alle nicht mehr dort, aber es hat natürlich eine gewisse Bewandtnis für uns. Wenngleich auch nicht die, die oft von außen da hinein interpretiert wird. Insgesamt ist es schon bemerkenswert, dass alle acht Leute, die vor fast 25 Jahren bei Franui begonnen haben, immer noch mitspielen. Mit den Jahren haben wir das Instrumentarium um eine Violine und einen zweiten Holzbläser erweitert. Unser Geiger Nikolai Tunkowitsch, der in der Kreisler-Formation im Volkstheater spielt, ist natürlich nicht als Osttiroler zu verkaufen.

HMM: In euren Programmen gibt es ja immer wieder musikalische Einsprengsel und Motive, die regionale Bezüge aufweisen, vom Kirchenlied bis zum Tanz vom Jungbauernball. Sind das die Wurzeln, die man mit Herkunft erklärt?

Markus Kraler: Ja. Man wurde sozusagen in der Volksmusik sozialisiert. Viele von uns haben sich in der dörflichen Musikkapelle ihre ersten Blasen erspielt. Der Fundus ist sehr reichhaltig, aus dem wir schöpfen können. Die Wurzeln treiben dann aber irgendwann aus, überall hin.

AS: Eine wichtige Wurzel von uns ist die Trauermarschmusik, die beste Volksmusik, die wir kennen, da sie für touristische Zwecke nicht zu gebrauchen ist, nur anlassbezogen eingesetzt und kaum geprobt wird. Die hat mich als junger Blasmusikant immer wahnsinnig begeistert. Diese Musik erfüllt ihre Funktion, ist zwischen Weinen und Lachen angesiedelt und kennt auch alle Farben dazwischen. Man muss sich das so vorstellen: Die Blasmusikanten stehen hinten, bei der Krieger-Gedächtnis-Kapelle, und dort, wo normalerweise bei der Trompete das Wasser heraus kommt, hängen Eiszapfen, weil es minus 27 Grad hat. Und eben macht der Tenorhornspieler noch einen Witz, da sagt der Kapellenmeister: „Wir spielen jetzt die Nummer 36“ – weil man einen Trauermarsch nie mit dem Titel ansagt, sondern mit der Nummer. Jetzt wissen alle: Wir spielen Teure Mutter. Die Musikanten heben die Instrumente und kichern noch, und einen Steinwurf weiter stehen die Angehörigen und weinen sich die Augen aus dem Kopf. Diese Situation drückt musikalisch aus, was wir wollen. Egal ob wir uns mit Schubert oder mit einem Popsong beschäftigten – wir wollen nicht, dass in der Musik eine Eindeutigkeit zum Ausdruck kommt. Wer unsere Musik hört, soll nicht den Eindruck haben: Das soll jetzt aber traurig oder das soll jetzt aber lustig sein. Weil das ist immer ganz einfältig! Wir wollen eine Vieldeutigkeit erzeugen; und so, wie ein Trauermarsch eben alles sein kann, so wollen wir die Musik verstehen, und so verstehen wir auch Georg Kreisler.

HMM: Ihr greift auf Volksmusik-Aspekte und Traditionen zurück und lest diese neu. Aber kann man euch unter Volksmusik fassen?

AS: Wir sind da sozusagen durch. Wir werden nicht gern der „neuen Volksmusik“ zugeordnet, zumal wir uns auch lange von unserer Herkunft wegbewegt haben. Alle zehn Jahre gibt’s vermehrt Gruppen, die sich mit Volksmusik beschäftigen. Momentan erleben wir die dritte Welle. Wir wollen aber eigentlich damit nichts zu tun haben. Je weiter man von Österreich weg ist, desto mehr wird man sofort unter Volksmusik klassifiziert, wenn man aus den Alpen kommt. Besonders in Deutschland wird manchmal überhaupt nicht unterschieden, ob das jetzt volkstümlicher Schlager ist oder Franui. Wir haben mitunter ein Instrumentarium, das ursprünglich der Volksmusik zuzuordnen ist, etwa Zither und Hackbrett. Aber natürlich wollen wir jetzt nicht zeigen, dass Georg Kreisler Volksmusik ist. Das ist nicht die Idee.

HMM: Das Volk ist zum politischen Kampfbegriff geworden. Und die Bezeichnungen Volksmusik, Volksstück, selbst Volkstheater lösen ambivalente Gefühle aus und provozieren Debatten …

AS: Ja, klar. Das Problem ist, der Begriff Volksmusik ist verbrannt. Durch die Geschichte. Jeder große Komponist seit Haydn oder auch in früheren Epochen hat sich von der Volksmusik inspirieren lassen. Dann kamen die Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg, eine riesige Zäsur, und danach war der Begriff unmöglich geworden. Volksmusik war nach 1945 etwas, woran man nicht einmal anstreifen durfte. Deswegen hat sich die Musikavantgarde aus meiner Sicht ja auch in völlig falsche Konzepte verirrt. Weil sie versucht hat, auf keinen Fall etwas zu schreiben, was an Rhythmus erinnert. Verständlicherweise wollte man keinen Rhythmus mehr haben. Man wollte auch keine tonalen Reste mehr haben; alles, was an die Vergangenheit erinnerte, musste ausgelöscht werden. Das ist jetzt ganz vereinfacht und zugespitzt formuliert, aber dieser Missbrauch des Begriffs hat eine riesige Rolle in der Entwicklung der klassischen Musik gespielt. Und erst viel später hat man wieder anders gedacht …

MK: … dass man sich bei traditionellen Formen nicht sofort in ein Ressentiment flüchten muss.

AS: Volksmusik heißt ja an und für sich nichts anderes, als dass etwas populär ist. Popmusik oder auch: Popularmusik – dieser Begriff ist unverbraucht. Kreisler-Lieder sind natürlich auch Popularmusik. Wie jede gute Musik. Auch Schönberg hatte davon geträumt, dass seine Melodien in den Gassen gepfiffen werden, aber das ist ihm nie gelungen. Und das finde ich beim Kreisler schon fantastisch, dass die Musik klug ist, gewitzt, pointiert, sarkastisch, dass sie alle möglichen Schattierungen aufnehmen kann und dass sie zugleich eingängig ist. Trotzdem kann man sie nicht so leicht nachsingen. Ich wünsche mir, dass die Leute, wenn sie aus dem Theater gehen, singen: „Der Toood, das muss ein Wiener sein … da-di-da-da-da-da-da-dam-dam“, und dann versandet das Lied wieder, das finde ich eigentlich ganz schön. Dann muss man nochmal reingehen.

HMM: Ihr habt mit den Liedern von Schubert, Schumann, Brahms und Mahler gearbeitet. Bei den Liedern eines fahrenden Gesellen oder in der Winterreise ist das Motiv des Wanderns zentral. Welches Motiv würdet ihr dem Lied-Werk von Kreisler zuordnen?

MK: Heimatlosigkeit.

AS: Er ist sicher der Heimatlose.

MK: Die Heimatlosigkeit findet man überall, ob in seinen politischen oder in den unbekannteren poetischen Liedern. Georg Kreisler war ein großer Liedschreiber. Keine Ahnung, wie viele hunderte Lieder er gemacht hat, aber sie haben immer fantastische Melodien. Das sind Ohrwürmer, die, wenn man daran arbeitet, einem daheim im Bett beim Einschlafen noch nachgehen. Das ist unglaublich.

HMM: Als Künstler war er auch ein Suchender. Seine Vielseitigkeit weist ihn zugleich als Grenzgänger aus. Er hat nicht nur Lieder geschrieben, sondern sich musikalisch und auch sonst in anderen Genres versucht. Oder sich nur in Texten ausgedrückt, schrieb Satiren, groteske Spracharabesken, Sketche. Er suchte nach Gestaltungsräumen jenseits des Kabaretts.

AS: Abgesehen davon, dass die Kreisler-Texte natürlich brillant sind, will unser Abend vor allem zeigen, dass seine Lieder musikalisch wirklich substanziell sind.

MK: Und diese Substanz versuchen wir zu finden und herauszufiltern. Da steckt wahnsinnig viel unglaublich gute Musik drin, die – wenn man sie in dieser musikalischen Besetzung und in diesem Bühnengeschehen spielt – eine viel größere Wirkung und eine Mehrdimensionalität ausstrahlen kann.

AS: Auch in der reduzierten Besetzung von Franui – sonst spielen wir zu zehnt, jetzt sind wir zu sechst – sind alle unsere Klangzutaten komplett vorhanden. Es gibt Blechbläser, Holzbläser, Streicher. Und dazu Volksmusiksaiteninstrumente. Die Kreisler-Lieder werden angereichert durch unsere Klangsprache und unsere Leseart, oder unsere „Anverwandlung“, wie wir es bei der Bearbeitung von Schubert-Liedern genannt haben. Wir gehen an ein Lied von Kreisler genau wie an ein Schubert-Lied heran, versuchen, es genau zu lesen, herauszufinden, was da eigentlich musikalisch gemeint ist, um es weiter fantasieren zu können.

HMM: Kreisler hat viele Zitate aus der klassischen und Unterhaltungsmusik aufgenommen.

MK: Und wir setzen jetzt noch mehr Zitate rein und verstecken andere wieder. Auch das ist ein schönes Spiel.

HMM: Oft wird Kreisler auf die Alten bösen Lieder aus der Marietta Bar reduziert, von Tauben vergiften über Das Mädchen mit den drei blauen Augen. Georg Kreisler hat es in späteren Jahren mitunter schwer gehabt, in Wien seine neuen Programme durchzusetzen. Woanders war das offenbar kein Problem. Es gab ja in den Siebzigern und Achtzigern bei ihm eine Entwicklung hin zum politischen Lied. Sind euch die späteren Lieder musikalisch genauso viel wert wie die früheren? Und welche Kriterien haben eure Auswahl bestimmt?

AS: Wir haben quer durch das Repertoire gehört und mit Nikolaus Habjan gemeinsam auch quer durch das Repertoire ausgewählt. Es sind große Hits dabei, aber auch nicht so bekannte Sachen. Und erstaunlicherweise sind einige der tagespolitisch orientierten Lieder zum Teil wieder aktuell. Hätte man sie vor zehn Jahren gehört, wäre man zum Schluss gekommen: Das geht jetzt wirklich nicht mehr! Aber viele von diesen Liedern sind wieder gültig. Wie zum Beispiel Das Kapitalistenlied oder Das Begräbnis der Freiheit. Bei letzterem denkt man sich zuerst: Das kann man jetzt eigentlich nicht mehr bringen – „Vergang’nen Montagmorgen war Begräbnis, man trug die Freiheit zu Grab'“ –, aber was das Lied für eine Kraft entwickelt! Und auch wenn man bei einigen Liedern ein paar Zeilen überspringen muss, weil die wirklich in der Zeit stecken geblieben sind – die herrliche Musik weist darüber hinaus. Wie bei allen Komponisten haben wir auch bei Kreisler vor allem die Lieder ganz gern, die ein bisschen melancholisch sind. Wir schwärmen immer für das Melancholische.

HMM: Habt ihr ein Kreisler-Lieblingslied?

AS: Wir haben alle Kinder gleich lieb.

MK: Welches soll man zuhause lassen?

HMM: Gab es einen programmatischen Gedanken bei der Liedauswahl?

AS: Nein, das wäre auch nicht gut, glaube ich. Es ist wie ein Motto bei Festspielen: Kann man machen, schränkt aber ein. Ich mag auch keine Themenhefte, wenn ich Zeitschriften kaufe. Natürlich haben wir geschaut, dass wir nicht nur lauter Walzer-Lieder haben und nicht zu viele Stücke in geraden Taktarten, dass die Auswahl eine stilistische Vielfalt ergibt, dass sie quer durch Kreislers Liedschaffen geht.

HMM: Nikolaus Habjan arbeitet mit Wien ohne Wiener zum vierten Mal am Volkstheater. Wie seid ihr mit ihm und den Puppen in Kontakt gekommen? Und wo steckt das Bindeglied zwischen Franui und Habjan?

AS: Wir haben ihn vor fünf Jahren am Burgtheater kennengelernt, bei Fool of Love, einem Projekt mit Shakespeare-Sonetten. Da haben wir gemeinsam gespielt und uns sehr gut verstanden. Daraufhin haben wir einen Abend gemacht Doch bin ich nirgend, ach! zu Haus und das war wirklich beglückend, weil es den völligen Gleichklang gibt, in dem was man tut. In der Leichtigkeit und in der Geschwindigkeit. Der Abend ist richtig von der Hand gegangen, wie man so sagt. Den haben wir jetzt viele Male gespielt, und es ist immer unglaublich schön, mit Nikolaus auf der Bühne zu stehen.

HMM: Und was bewirkt das Medium Puppe? Wie passt es zur Musik?

AS: Ganz und gar. Es ist nicht so, dass die Mittel miteinander konkurrieren. Im Gegenteil. Sie befördern und bereichern sich. Und deshalb – als der Nikolaus uns vorgeschlagen hat, Kreisler-Lieder für das Volkstheater zu bearbeiten, mussten wir nicht einmal überlegen.

HMM: Nikolaus ist der Regisseur. Und Ihr beide seid diejenigen, die die musikalische Neuinterpretation vornehmen. Gibt es zwischen euch beiden eine Arbeitsteilung?

MK: Das ist unser Betriebsgeheimnis, aber wir sagen immer: Einer malt die Striche, der andere die Kugeln.

HMM: Vielen Dank für das Gespräch.