Menü
 

Am 14. Oktober feiert die Uraufführung von „Hose Fahrrad Frau“ von Stefan Wipplinger im Volx/Margareten Premiere. Dramaturgin Mona Schwitzer sprach mit Regisseurin Holle Münster und Autor Stefan Wipplinger über vermeintliche Luxusprobleme, die Suche nach einem Zuhause und das Leben in der Großstadt.

Mona Schwitzer: In Hose Fahrrad Frau geht es um Menschen auf der Suche nach ihrer Identität, nach ihrem Platz in der Welt und wie sie sich dabei über den Besitz von Dingen definieren. Was erzählen Fahrräder eurer Ansicht nach über ihre Besitzer?

Holle Münster: Ich bin gerade auf der Suche nach einem neuen Fahrrad und interessiere mich für die Kategorie Fitnessbike. Jetzt habe ich eines gefunden. Manchmal ist es doch sehr praktisch ein Fahrrad zu haben – obwohl ich eigentlich lieber zu Fuß gehe.

Stefan Wipplinger: Mir ist es egal, womit ich fahre, solange sich das Gestell bewegt. Ich bin kein Rennradfan. Das finde ich äußerst unpraktisch und ich bin ein Pragmatiker bei solchen Dingen. Ich denke, dass Fahrräder Statussymbole sein können, aber ich glaube nicht, dass sie etwas über die Charaktere derer aussagen, die sie besitzen. Ob man überhaupt Fahrrad fährt oder nicht, ist meiner Meinung nach viel aussagekräftiger. Ob man zum Beispiel ein Rennrad hat und es nicht fährt, oder kein Fahrrad hat und ständig eins brauchen würde.

Schwitzer: Unser Stück spielt in einer Großstadt. Stefan, was reizt dich als Autor an diesem Setting?

Wipplinger: Ich bin eigentlich ein Landei, lebe aber seit sechs Jahren in Berlin. Die Schnelllebigkeit und das Transithafte können das Leben in der Großstadt sehr anstrengend machen. Aber andererseits ist ganz viel möglich, und das reizt mich als Autor. Die Stadt als Setting wurde von mir nicht ganz bewusst gewählt, war aber der zwingende Ort, wo diese Geschichten stattfinden müssen. Das Stück könnte nicht am Land spielen, weil es dort keine Anonymität gibt.

Schwitzer: Die innere Suche der Figuren nach einem Platz in der Welt ist meiner Ansicht nach ein städtisches Phänomen, weil bestimmte Lebensentwürfe in Frage gestellt sind. Die Verlorenheit und Findungsschwierigkeiten sind aber auch Ausdruck unserer Generation, der heute 20- bis 30-Jährigen. War das für dich ein Antrieb?

Wipplinger: Die Verlorenheit von Menschen unserer Generation spüre ich auf jeden Fall. Sie entsteht aus dem Druck und dem Leiden, dass alles möglich ist. Den damit einhergehenden Problemen wird oft die Relevanz abgesprochen, indem man sie als Luxusprobleme bezeichnet. Das sind also Dinge, über die man sich vom moralischen Standpunkt her nicht beklagen darf. Aber das macht die Probleme, mit denen wir zu kämpfen haben, nicht weniger wirklich. Das Getriebensein und das Leiden an den eigenen Möglichkeiten spielt eine wichtige Rolle dabei, dass die Figuren nichts auf die Reihe kriegen.

Münster: Was ich spannend finde ist, dass im Stück diese Gruppe von Menschen neben jenen existiert, die wirklich ein Problem haben, weil sie kein Zuhause haben. Und diese Probleme stehen gleichwertig nebeneinander. Die Figuren, die tausende Kilometer zu Fuß gereist sind, sind genauso auf der Suche und alleine. Ihr Schmerz hat in dem Text nicht mehr Berechtigung als ein anderer. War dir klar, dass es provokant ist, das nebeneinander zu stellen?

Wipplinger: Diese Geschichten nebeneinander zu stellen wäre dann problematisch, wenn sie sich zu einer Aussage bündeln würde. Ich glaube, das tut das Stück nicht. Die eindeutige Aussage verweigert es. Der Text untersucht eher die Frage, was Besitz ist, was für Dinge man besitzen kann und wo die Ähnlichkeiten zwischen Besitzverhältnissen und zwischenmenschlichen Beziehungen sind. Das finde ich eine sehr interessante Frage, die sich bei allen diesen unterschiedlichen Figuren stellt.

@ Mona Schwitzer

Stefan Wipplinger @ Mona Schwitzer

Schwitzer: Auch die Tatsache, dass diese Probleme nebeneinander existieren, ist für mich ein großstädtisches Phänomen. Man nimmt sich gegenseitig wahr, die verschiedenen Realitäten kreuzen sich, dann geht man aber auch schon wieder weiter und der andere ist aus dem Blickfeld. Das Spezifische an deinem Text ist meiner Meinung nach, dass die Begegnungen flüchtig sind, die Geschichten episodisch erzählt werden. Wie ist es dazu gekommen?

Wipplinger: Wahrscheinlich aus dem Gespür, dass es immer schwieriger oder unmöglicher wird, Geschichten zu erzählen, weil die Identifikation schwieriger wird. Einen Helden oder eine Hauptfigur zu etablieren, ist fast schon problematisch.

Holle: Findest du? Die HBO-Serien behaupten ja das Gegenteil.

Stefan: Das stimmt, aber Serien ist das mehrsträngige Erzählen schon eingeschrieben. Der gegenwärtige Trend zur Serie bestärkt mich in meinem Eindruck, dass die runden Geschichten der Vergangenheit angehören. Deswegen interessiert mich das episodische Erzählen, weil es sich diffuser gestaltet. Die Identifikationsmöglichkeiten sind vielfältiger und die klare Aussage lässt sich verwischen. Dem Zuschauer wird es schwieriger gemacht, zu entscheiden, wo er für sich die Botschaft lesen will.

Schwitzer: Was für einen szenischen Zugriff erfordert diese diffuse Erzählstrategie, die Stefan jetzt beschrieben hat?

Münster: Es gibt eine Figur, die durch das Stück führt. Das ist der Penner. Durch die Konfrontationen, in die er mit den einzelnen Figuren gerät, lerne ich jene besser kennen. Ich finde es wichtig, die Konflikte, die in diesem Stück manchmal unterschwellig vorhanden sind, sehr scharf zu zeichnen, sodass sie an tiefe Ängste, Sehnsüchte und Bedürfnisse gekoppelt werden. Auch wenn die Figuren keine großen Helden sind, muss man sie sehr ernst nehmen. Ich finde, dass eine Identifikation mit den Figuren ein richtiger Weg ist. Ihre Lächerlichkeit, Albernheit oder Traurigkeit müssen überhöht, geschärft und mit Humor gestützt und gestärkt werden. Der Bezug zu den Gegenständen und zu dem, was man besitzt, ist für mich sehr wesentlich, um die Stadt als einen Lebensraum zu begreifen. Darin begleiten wir die Menschen auf ihrer Suche nach einem Zuhause. Eigentlich ist es ein Stück, in dem es tatsächlich um den Sinn des Lebens geht. Das klingt zwar sehr groß, aber so einfach ist es, glaube ich.

Schwitzer: Der Penner sagt im Stück: „Im Grunde ist eine Identität auch bloß ein Bündel Sachen.“ Welche Dinge machen euch aus, worauf könnt ihr absolut nicht verzichten?

Wipplinger: Wenn ich verreise, gibt es immer diesen Moment der Panik, dass ich etwas vergessen haben könnte. Ich beruhige mich dann mit dem Gedanken, dass ich eigentlich von allem, was ich eingepackt habe, nichts brauche außer Geld. Dieser Gedanke kann sowohl frustrierend als auch befreiend sein. Dass Geld das einzig wirklich notwendige ist, ist erschütternd. Alles andere ist austauschbar. Die Dinge, die ich wirklich brauche, sind keine Dinge, sondern es sind Beziehungen und Menschen, Erinnerungen und Geschichten.

Münster: Ich habe viele Dinge, die mir am Herzen liegen und von denen ich mich nicht verabschieden möchte, ohne die ich aber leben könnte. Wenn ich wandern bin, habe ich ganz andere Dinge dabei, als wenn ich in Wien arbeite. Mein Leben besteht aus ganz vielen Rollen, in die ich schlüpfe und jede Rolle braucht ihren eigenen Requisitenschrank für gewisse Situationen. Aber es gäbe mich trotzdem, wenn einer der Requisitenschränke fehlen würde. Um ganz ehrlich zu sein, auch für mich ist die Bankomatkarte wichtig und eine Einbindung in einen sozialen Raum.

@ Mona Schwitzer

Holle Münster mit ihrem nagelneuen Fahrrad. @ Mona Schwitzer

 

 

Holle Münster, geboren 1983, wuchs in Brandenburg und Berlin auf. Sie studierte von 2008 bis 2012 Theaterregie am Max Reinhardt Seminar in Wien. Ihr Studium schloss sie mit Die Nibelungen von Friedrich Hebbel ab. Es folgten Arbeiten wie Nach Westen, nach Westen! am Ballhaus Ost Berlin, Tom & Huck am Jungen Theater Göttingen und Der Widerspenstigen Zähmung am Schauspielhaus Graz. Holle Münster ist Mitglied des Theater-Kollektivs Prinzip Gonzo, das im Jahrbuch der Zeitschrift Theater Heute 2014 für den installativen Theaterabend Spiel des Lebens als bester Nachwuchs nominiert wurde.

 

Stefan Wipplinger, geboren 1986 in Oberösterreich, studierte an der Kunstuniversität Linz zunächst Experimentelle Gestaltung und arbeitete in Linz als Regieassistent. Seit 2011 studiert er Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin. Er schreibt auch Drehbücher und macht Filmregie, sein Kurzfilm Es wird sicher passieren lief 2013 auf Internationalen Filmfestivals. Hose Fahrrad Frau ist sein erstes abendfüllendes Theaterstück.