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Ein Stück "Menschheitsgeschichte" verhandelt Filmemacherin und Regisseurin Anja Salomonowitz in ihrer ersten Theaterarbeit "Der Junge wird beschnitten.": die männliche Beschneidung. Auf der Bühne sprechen Schauspielerin Karin Lischka und neun Kinder Texte aus Interviews zum Thema. Aber auch die Kinder haben sich in Zeichnungen mit der Beschneidung auseinandergesetzt.

„Kinder sind magisch“, sagt Filmemacherin und Regisseurin Anja Salomonowitz. „Diese ganzen seltsamen Dinge, die Erwachsene tun, erklären sich Kinder innerhalb ihrer magischen Welt, mit ihren Bildern und ihren Begriffen.“ In ihrer ersten Theaterarbeit Der Junge wird beschnitten. beschäftigt sich Salomonowitz mit dem Thema Beschneidung – und das nicht auf die herkömmliche Art. Sie führte mit Müttern, Vätern, Medizinern und Philosophen Gespräche zum Thema, über den religiösen Aspekt ebenso wie den medizinischen, den familiären wie den gesellschaftlichen. Denn schließlich geht das Thema alle an: „Da hängt ein gehöriges Stück Menschheitsgeschichte dran an diesem Thema, und es geht um nichts weniger als um die Menschwerdung selbst.“

Im Stück lesen jedoch nicht die Befragten selbst, sondern Kinder im Alter zwischen sieben und 13 Jahren die Texte. „Wir geben Kindern ständig die Aufgabe, die seltsamen Dinge aus der Erwachsenenwelt zu verstehen und mitzutragen – nicht nur mit solchen Ritualen, auch im alltäglichsten Alltag. Und die Kinder müssen das aushalten. Indem ich die über sie verhandelnden Worte in ihren Mund lege – in Portionen, die sie nehmen und verstehen können –, wird diese Machtstruktur offenbar. Und wenn die Kinder die Texte zitieren hat das auch etwas Magisches, etwas, das ich gar nicht mit Worten erklären kann, man kann es nur fühlen.“

 

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© Anja Salomonowitz

„Stell dir vor, fünf Männer,  einer packt dich am rechten Arm, einer packt dich am linken Arm, einer am rechten Bein, einer am linken und zwischen deinen Beinen siehst du nur den Kopf des Beschneiders, der vor dir kniet. Die Männer halten deine Beine auseinander, aber du darfst nicht hinschauen, alle sagen dir: ‚Schau nicht hin!'“

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© Anja Salomonowitz

„Mit der Rasierklinge. Vorhaut vorziehen und schnipp, mit der Rasierklinge. Ohne Desinfektion, ohne Betäubung, mit der Rasierklinge und nachher ein Verband drüber.“

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© Anja Salomonowitz

„Also im Judentum soll man die Vorhaut ja nicht in den Mist werfen, sondern die gibt man der Erde zurück. Und weil ich keinen Garten hab, hab ich die Vorhaut in einem großen Blumentopf in meiner Küche eingegraben.“

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© Anja Salomonowitz

„Also ich sag dir was, bei Lacan ist der Phallus ja das Zentrum der Macht und diese archaischen Rituale reproduzieren diese patriarchalen Machtstrukturen.“

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© Anja Salomonowitz

„Bei egal welcher Religion kannst du immer drüber diskutieren, gehörst du dazu, oder gehörst du nicht dazu, aber beim Islam und auch beim  Judentum ist es einfach so, dass du das siehst und du kannst nicht drumherum reden, Ja? Kannst ja nicht sagen ja, ich bin ausgetreten oder bin nicht ausgetreten, entweder, du bist dabei oder du bist nicht dabei im Klub.“

© Anja Salomonowitz

© Anja Salomonowitz

„Die Diskussion, ob die Vorhaut überhaupt imstande ist, einen Nutzen mitzugeben für unser männliches Dasein, ist so alt wie die Urologie selbst. Ich hab schon zahllose Point/Counterpoint-Diskussionen auf diesem Sektor gehört. Aber im Zweifelsfall würde ich mich immer dafür entscheiden, weil ich glaube dass auf dem volksgesundheitlichen Sektor die Vorteile überwiegen.“

© Anja Salomonowitz

© Anja Salomonowitz

„Jetzt hab ich, obwohl ich total unreligös bin, Kinder, die beschnitten sind, einen österreichischen Ehemann, der mir zuliebe Moslem geworden ist und geheiratet vor einem Imam. Also des hätt ich mir jetzt auch alles nicht so gedacht für mein Leben. Ich kanns mir nur so erklären: Ich bin einfach Perserin und Perserinnen beschneiden ihre Söhne.“

© Anja Salomonowitz

„Und ich: Okay, aber bitte bevor die Gäste kommen. Nur wir vier und geht schon. Bitte bevor meine gesamten Kollegen von der Nachrichtenredaktion, die sowas noch nie gesehen haben … bevor die alle kommen und bevor ich in deren Augen sehen kann, in welchen Irrsinn wir uns da verrannt haben.“

© Anja Salomonowitz

© Anja Salomonowitz

„Unser Sohn kann keine Phimose kriegen, wenn er beschnitten ist, und für die Frauen, mit denen er einmal zusammen sein wird, ist es auch gut, es gibt ja das Thema Gebärmutterhalskrebs … Also warum nicht, ja, wenn man da sozusagen etwas beitragen kann.“

© Anja Salomonowitz

© Anja Salomonowitz

„Diese ganze Geschichte symbolisiert nämlich die Frage, ob eine Gesellschaft bereit ist, den Anderen sein zu lassen. Man kann ja sagen, wir können weiter Untersuchungen machen, wie gut und wie schlecht die Beschneidung ist und vielleicht wird‘s eines Tages eine Entscheidung über diese Frage geben. Aber es ist notwendig, diesen Anderen zu akzeptieren und leben zu lassen. Denn wir haben es nicht nur mit einer antisemitischen Vergangenheit zu tun, sondern auch mit einer antimuslimischen Gegenwart.“