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„Es gibt kein Gut und kein Böse“

Von am 7. Juni 2017

Am 7. Mai feierte "Philoktet" von Heiner Müller in der Regie von Calle Fuhr im Volx/Margareten Premiere. Nadja Röggla sprach mit den drei Darsteller/innen Stefanie Reinsperger (Philoktet), Sebastian Klein (Odysseus) und Luka Vlatković (Neoptolemos) über die Proben, die Rolle des Zuschauers und vermeintliche Sicherheiten.

Nadja Röggla: Heiner Müllers Sprache ist anspruchsvoll und alles andere als alltäglich. Wie nähert ihr euch einem Text wie diesem an?

Stefanie Reinsperger: Ich fand es am Anfang sehr schwierig und hatte das Gefühl, einen riesigen Berg vor mir zu haben. Mit Müller wird oft diese sehr fremde, archaische, stilisierte Sprache assoziiert. Calle Fuhr hat uns jedoch von Anfang an klargemacht, dass ihn das Persönliche und Psychologische dahinter interessiert. Wenn man sich dieser besonderen Sprache bewusst wird und es schafft, sie nicht als überheilig zu betrachten, macht es unglaubliche Freude, damit zu spielen.

Luka Vlatković: Bei der ersten Leseprobe bin ich natürlich auch über den Text gestolpert… Wenn man jedoch die Geschichte dahinter erfährt und auch die Auseinandersetzung der Kolleg/innen mit dem Text beobachtet, wird diese im ersten Moment sehr anspruchsvolle Sprache so menschlich. Das hat mich total fasziniert.

Sebastian Klein: Die Sprache ist nicht alltäglich und man kann auch nicht so tun, als wäre sie es. Ich finde, man muss sie als genau diese besondere Sprache benutzen. Das ist das Großartige an dem Stück: Trotz der unglaublichen Fallhöhen und Tragik der Figuren ist die Sprache das Vehikel. Alles wird im Argument verhandelt. Es macht wahnsinnig Spaß, sich darauf zu setzen und genau mit diesem Vehikel der Sprache zu arbeiten.

Odysseus der Funktionär, Neoptolemos der Moralist und Philoktet das gebrochene Individuum. Wie steht ihr zu den drei Haltungen im Stück? Kann man über die Handlungen der einzelnen Figuren urteilen?

Luka Vlatković: Es ist wahnsinnig interessant, denn irgendwo kann man das Verhalten jeder Figur nachvollziehen bzw. ist jede Figur berechtigt in dem, was sie macht. Odysseus, ein extrem intellektueller Mensch, der einen weiten Blick nach vorne hat. Neoptolemos will alles richtig machen, moralisch handeln, wie er es von seinem Vater Achilles, dem Held, gelernt hat. Philoktet hingegen wurde zehn Jahre auf einer Insel zurückgelassen und verhält sich auch dementsprechend.

Sebastian Klein: Odysseus ist der Realpolitiker, der Pragmatiker. Ich kann mich da schon hineindenken, denn im Grunde ist das ganze Stück ein Gedankenexperiment: Der Trojanische Krieg ist ja eine Leerstelle und je nachdem, wie man diese besetzt, verschiebt sich auch das Bild von Odysseus. In jedem Fall bleibt aber die Frage, welche Mittel man anwendet, um seine Ziele zu erreichen. Welche Mittel sind akzeptabel? Heiligt der Zweck die Mittel? Die Größe des Textes liegt darin, dass diese Fragen nicht klar zu beantworten sind. Das heißt der/die Zuschauer/in muss auch selber etwas leisten, um die Dinge zu bewerten.

Stefanie Reinsperger: Das Fehlen einer Moral liegt daran, dass es eine Bearbeitung von Sophokles ist. Sophokles ist nämlich unglaublich moralisch und bewertend, Müllers Texte sind hingegen sehr viel menschlicher. Ich glaube, im besten Fall versteht man alle drei und kann sich vorstellen, jeden Weg zu gehen. Heiner Müller macht es einem nicht so einfach, denn es gibt keine klaren Rollen. Es ist keine Moralveranstaltung.

„…ein Stück wie Philoktet ist natürlich auch eine Provokation des Publikums, zu der sich das Publikum verhalten sollte“, so schon Heiner Müller zu seinem Text. Mit welchem Gedanken wird ein/e Zuschauer/in nach Stückende den Raum verlassen?

Stefanie Reinsperger: Man kann erst mal alles denken. Aber eigentlich hoffe ich jedes Mal, wenn ich auf der Bühne stehe, dass die Zuschauer/innen danach rausgehen und über ihr Leben nachdenken. Es gibt in dem Stück immer wieder Momente, wo man mit einer der drei Figuren mitgeht, ihr Recht gibt und die Handlungen versteht. Vielleicht versteht man an einem Tag eine Figur besser, an einem anderen wieder eine andere. Das kommt dann auf die Tagesverfassung des Zuschauers an und auf wen er sich einlassen will und kann.

Luka Vlatković: Das ist das Schöne an dem Stück, es gibt kein Gut und kein Böse. So wie im echten Leben.

Sebastian Klein: Im Idealfall kann man im Theater hinterfragen, wie man auf die Welt schaut und erkennen, dass Wahrheiten und vermeintliche Sicherheiten immer nur scheinbare sind. Dieser Text von Heiner Müller ist dafür ein Instrument – denn er fordert genau das ein. Man kann verschiedene Blickwinkel und Perspektiven einnehmen – ja, ich glaube, das ist ein ganz wichtiges Werkzeug, wie man Welt betrachtet und wahrnimmt.

Calle Fuhr gibt mit Philoktet sein Regiedebüt im Volx/Margareten. Was schätzt ihr an Calles Regiezugang? Wie verliefen die Proben?

Luka Vlatković: Ich fand wunderschön, dass im Gegensatz zu dem schweren, dramatischen Stoff die Proben so angenehm waren. Die Atmosphäre war sehr sicher und vertraut. Calle ist ein extrem kluger, witziger und netter Kerl, der sehr professionell arbeitet.

Sebastian Klein: Es war ein sehr angenehmes Arbeiten und Proben: Ein gemeinsames Suchen und Auf-Augenhöhe-miteinander-Reden, das finde ich immer essenziell.

Stefanie Reinsperger: Ich empfand den Umgang miteinander bei den Proben als sehr ehrlich. Wir waren alle offen miteinander, dabei hatte ich das Gefühl, sehr geborgen zu sein. Ich schätze das immer, wenn Regisseur/innen sich etwas überlegt haben und trotzdem den Schauspieler/innen Freiheit lassen. Calle Fuhr und ich kennen einander bereits aus Düsseldorf und ich weiß, dass er mich fordert bzw. auch manchmal Sachen von mir möchte, die mir sehr schwer fallen. Es ist nach wie vor eine Suche und es macht Spaß, diesen Weg mit jemandem zu gehen, dem man so vertrauen kann.

Was nehmt ihr als Schauspieler/innen aus so einer Arbeit mit?

Luka Vlatković: Ich denke, ich bin ein Stück weit offener geworden und versuche, erst mal zuzuhören und nicht mehr so auf meine eigene Meinung zu beharren. Das ist eigentlich das, was heutzutage viel zu wenig stattfindet, es gibt so viel Hass, Wut und Eifersucht. Obwohl es doch so einfach wäre – die Geschichte wäre eigentlich in drei Minuten erzählt, wenn jeder einen Schritt zurück machen würde.

Stefanie Reinsperger: Für mich ist es auf jeden Fall eine Arbeit, bei der ich nicht wollte, dass die Proben aufhören, weil ich es wahnsinnig schön fand, alle – auch Assistent/innen und Hospitant/innen – anzutreffen. Die Atmosphäre war sehr besonders und ich habe es genossen, in einer so kleinen Produktion zu spielen. Ich konnte mich hier wieder voll besinnen, wieso ich Theater machen wollte – manchmal habe ich mir gedacht: „Genau das ist es!“. Das nehme ich auch wieder für größere Arbeiten mit.

Sebastian Klein: Dadurch, dass es eine kleine Produktion ist, ist es natürlich viel leichter, als Gruppe miteinander zu kommunizieren. Eigentlich ist es das, was man im Probenprozess erleben möchte: Man redet, diskutiert und tauscht sich sehr intensiv über Themen aus und nach sechs Wochen gemeinsamen Suchens und Wühlens stellt man sich vor die Leute. In großen Produktionen fehlt dafür oft die Zeit.

Der Text wurde für die Inszenierung nicht aktualisiert. Spürt man dennoch den Bezug zur heutigen Zeit?

Luka Vlatković: Es ist generell nicht so gut, wenn man etwas geliefert bekommt und sich keine eigenen Gedanken machen muss. Philoktet ist eine Sage, ein griechischer Mythos, es geht darum, übertragende Bedeutungen herauszufiltern. Vielleicht auch Situationen aus seinem eigenen Leben damit zu verbinden. Vor ein paar Wochen habe ich angefangen, meine Freund/innen in die drei Charaktere Odysseus, Neoptolemos und Philoktet einzustufen. (lacht)

Stefanie Reinsperger: Auf Krampf modernisieren und aktuell machen ist gar nicht nötig. Es passiert ab dem Moment, wo wir als Personen auf der Bühne stehen, die sich mit Politik beschäftigen. Jeder von uns hat, wenn er an die Stadt Troja denkt, eine andere Sache im Kopf – und der/die Zuschauer/in wieder eine andere. Dass man das so stehen lässt, finde ich total richtig.

Sebastian Klein: Heiner Müller hebt durch die Bearbeitung den antiken Stoff bereits auf eine politische Ebene. Ich würde immer dafür plädieren, Stoffe aus dem heutigen Blickwinkel zu betrachten. Theater muss zwingend aktuell sein. Trotzdem, in diesem speziellen Fall ist die Geschichte so universell, dass man sie kleiner machen würde, wenn man sie konkret verorten würde.