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Am 16. Oktober hat "Alles Walzer, alles brennt" im Volkstheater Premiere. Regina Guhl, die gemeinsam mit Angela Heide für die Dramaturgie zuständig ist, im Gespräch mit Regisseurin Christine Eder, Komponistin und Musikerin Eva Jantschitsch und Bühnenbildnerin Monika Rovan.

Regina Guhl: Alles Walzer, alles brennt beschäftigt sich mit der Entstehung des so genannten „Roten Wien“. Warum ist das ein relevantes Thema für die Bühne?

Christine Eder Die Spanne zwischen dem Zerfall der Monarchie und dem Beginn des Austrofaschismus ist schon ein extrem interessanter Zeitabschnitt. Da wird – von heute aus betrachtet in unglaublich kurzer Zeit – ein liberales, demokratisches und soziales Gesellschaftsmodell entworfen und auch noch für alle Welt sichtbar umgesetzt. Ab 1918 erleben wir eine gigantische Aufbauarbeit: Wohnbau, Sozialgesetzgebung, Arbeiterschutz, Frauenrecht, Bildungsreform. Das alles wird in kürzester Zeit wieder zunichte gemacht. Die Geschichte zeichnet einen höchst dramatischen Bogen von Aufstieg und Fall einer großen Utopie, die sich in Wien auf besondere Weise manifestiert hat und die es lohnt, im Detail noch mal aufzufalten.

Wie habt ihr euch dem Thema theatralisch angenähert? Das ist doch zunächst trockener Geschichtsstoff?

Eder: Es gibt drei rote Fäden durch den Abend in Gestalt von drei sehr unterschiedlichen Frauenfiguren. Sie haben den Zerfall der Monarchie miterlebt, den Einzug der Frauen ins Parlament, den Ersten Weltkrieg, den Justizpalastbrand, die Februarkämpfe 1934, den „Anschluss“. Die erste, Adelheid Popp, selbst Arbeiterkind, kämpfte sich buchstäblich empor zur ersten Frauenrechtlerin Österreichs. Die „rote Prinzessin“, Elisabeth Petznek, Tochter von Kronprinz Rudolf, fand ihren Weg unter völlig anderen Voraussetzungen: Sie verzichtete auf die Erbfolge innerhalb der Habsburger-Dynastie und wurde Sozialdemokratin. Die dritte Frau ist eine fiktive Figur, ein Dienstmädchen, die wir aber aus realen Aufzeichnungen der Widerstandskämpferin, KZ-Überlebenden und Sozialdemokratin Rosa Jochmann konstruiert haben, die mit den beiden anderen Frauen tatsächlich in Verbindung gestanden war. Um diese weibliche Trias herum wirbeln die Weltgeschichte und in fliegendem Wechsel die politischen Akteure – vom Kaiser über den Gründer der sozialdemokratischen Partei Österreichs, Viktor Adler, seine politischen Wegbegleiter und seine Nachfolger bis hin zu Bundeskanzler Engelbert Dollfuß. Und natürlich immer wieder die Arbeiterinnen und Arbeiter von Wien.

Wie kann man sich eure Recherchearbeit vorstellen? Habt ihr ausschließlich auf historisches Material zurückgegriffen?

Eder: Ja, aber wir schauen von heute aus darauf. Wir haben gemeinsam mit den Schauspielerinnen und Schauspielern gelesen, gelesen und wieder gelesen – Biografien und Autobiografien, Politikerreden, Parteiprogramme, historische Zeitungsartikel, literarische Texte, und es war schon verblüffend zu merken, wie viele Dinge uns aktuell sehr vertraut sind. Schlagworte wie „Lügenpresse“ und „Reichensteuer“ kommen vor, und bestimmte Diskussionen, etwa die um die Bildungsreform, wurden schon mit beinahe gleichem Vokabular geführt. Solche Übereinstimmungen waren Haltepunkte beim Durchforsten des Materials. Insgesamt sind wir auf der Text- wie auch auf der Musik- und Video-Ebene zu einer Montage gelangt, in der die Chronologie der Historie gewahrt bleibt, bei der sich aber das Gestern mit unserem heutigen Blick in Reibung befindet.

Monika Rovan: Für mich als Bühnenbildnerin stellte sich bei der Recherche zum Beispiel die Frage nach der fortschreitenden Digitalisierung von Arbeitsprozessen im Theater, so dass bestimmte Berufsfelder in den letzten hundert Jahren obsolet geworden und nahezu verschwunden sind. Das Theater ist ja Archiv und Mikrokosmos der Gesellschaft, und zu seinem „Fundus“ gehört auch altes Bühnenmaterial. Wir konnten im Lager des Volkstheaters noch Originalprospekte aus der Zeit finden, wie sie heute kaum mehr gemalt werden, weil diese Arbeit kostengünstiger und effizienter durch andere Technologien ersetzt wurde. Wir zeigen die alten Prospekte, aber ebenso die Herstellung eines neuen nach alter Vorlage durch einen Bühnenmaler, der das noch kann. Auf der optischen Ebene arbeiten wir also auch mit einem Remix der Geschichte aus heutiger Perspektive – und mit heutigem Material.

Eva, ist das auch deine Arbeitsweise beim Komponieren gewesen?

Eva Jantschitsch: Ich habe erst einmal versucht, die Stimmung der Stadt der damaligen Zeit zu erfassen und zu verstehen. Da manifestiert sich eine Arbeiter/innenkultur auch klanglich, diese Arbeiterlieder sind ja eines der wichtigsten Agitationsmittel gewesen. Daneben gibt es aber auch diesen unglaublichen Aufschwung der Unterhaltungskultur im Wien der Zwischenkriegszeit. Die Praterstraße war voll mit Revuetheatern.

Du nimmst auch stark Bezug auf das heutige Wien.

Eva Jantschitsch Ja. Es wird ein sehr wienerischer Sound werden, aber als solcher eine Mischung aus allen möglichen Stilen und Einflüssen. Ich zitiere Chansons und Wienerlieder, Arbeiter/innenlieder, Zwölftonmusik und Cloud Rap. Einer der zentralen Songs ist ein Lied über die Frauenbewegung und die Frage, wie viel man erreichen kann, wenn man sich verbündet. Der Kampf um Frauenrechte ist ein wichtiger thematischer Strang in unserem Abend.