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Ab 4. Februar sind drei „Superheldinnen“ aus dem gleichnamigen Roman von Barbi Marković im Volx/Margareten zu sehen. Vor der Premiere hat Dramaturgin Andrea Zaiser mit Autorin Barbi Marković und Regisseurin Bérénice Hebenstreit im Café Siebenbrunnen in Margareten über den Roman und die Bearbeitung für die Bühne gesprochen.

Andrea Zaiser: Warum hast du dich entschieden, den Roman Superheldinnen auf die Bühne zu bringen, Bérénice?

Bérénice Hebenstreit: Ein wichtiger Punkt war, dass der Roman so stark in Städten verortet ist, so dass neben den Personen auch Orte zu Wort kommen. Superheldinnen spielt im Bezirk Margareten, in dem auch unsere zweite Spielstätte Volx/Margareten liegt. Durch die Geschichte und durch das Einmischen der Städte wird das Lebensgefühl einer bestimmten Zeit spürbar. Es ist ein Biografien-Roman von Personen und Städten, die miteinander in einem Netzwerk verwoben sind. Auch die Sprache war für mich in ihrer Direktheit und Klarheit sofort bühnentauglich, ich konnte sie den Figuren sehr gut in den Mund legen.

Im Roman erfahren wir die Geschichte aus der Perspektive einer namenlosen Ich-Erzählerin. Wie bist du an die Bearbeitung gegangen?

Bérénice Hebenstreit: Ich habe den Text auf drei Personen aufgeteilt. Ich wollte alle drei Freundinnen gemeinsam erzählen lassen, mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf ihre Geschichte.

Du hast in die epische Form des Romans über weite Strecken nicht eingegriffen.

Bérénice Hebenstreit: Ja, weil es nie in meinem Interesse lag, die Sprache des Romans zu zertrümmern, um ein dialogisches Stück daraus zu machen. Außerdem wollte ich die keinen Figuren zugeordneten Texte wie Stadtbeschreibungen und Werbungen unbedingt aufrechterhalten. Die Stadttexte sind ein Herzstück für mich.

Wie entstanden die Stadtbeschreibungen?

Barbi Marković: Das Projekt „Städte abschreiben“ entwickelte ich, als ich ein Stipendium als Stadtschreiberin in Graz bekam. Inspiriert war es von einem anderen Projekt: Als ich 2006 nach Wien kam, fand gerade die „Entschriftung“ der Neubaugasse statt — alle Läden und Tafeln wurden abgeklebt. Damals dachte ich, dass es spannend wäre, eine ganze Straße zu übersetzen und meinen Freundinnen in Belgrad die Texte zu schicken. Sie sollten nachvollziehen können, was die Stadt erzählt. In weiterer Folge habe ich mich also auf verschiedene Plätze gestellt, in Graz, Wien, Berlin, Belgrad, Sarajevo und Zagreb, und alles abgeschrieben, was auf den Fassaden rundherum geschrieben stand. Das war die Vorstufe, irgendwann hatte ich ca. 200 Seiten Rohmaterial aus verschiedenen Städten zusammen.

© Andrea Zaiser

Barbi Marković und Bérénice Hebenstreit © Andrea Zaiser

Gab es schon eine Idee, wie du das Material weiterverwenden würdest?

Barbi Marković: Ich wollte einen Stadtroman schreiben, eine Paraphrase auf Berlin Alexanderplatz (der Großstadtroman von Alfred Döblin zählt zu den Klassikern der deutschen Moderne, Anm.). Auch um zu sehen, was sich heutzutage verändert hat, wie diese Monologe der Stadt jetzt ausschauen. Ich konnte die Städte vergleichen. Aus dem Rohmaterial habe ich teilweise die Handlung entwickelt, v.a. das Berlin-Kapitel würde es ohne die Stadtbeschreibung nicht geben.

Wie kann man sich den Arbeitsprozess der „Stadtbeschreibung“ vorstellen?

Barbi Marković: Das war immer eine extreme Überwindung. Wenn man sich auf einen Platz hinstellt und alles abschreibt, fällt man auf – zumindest nach ein paar Stunden. Wenn ich vor einem Laden abschreibe und zwischen mir und dem Verkäufer nur die Scheibe ist und ich ihm quasi ins Gesicht schreibe, dann werde ich schon zur Rede gestellt, was ich da mache. Und dann steht man vor der Schwierigkeit, das zu erklären. (lacht) Ich habe immer gesagt: „Das ist Kunst, ich arbeite für ein Projekt.“ Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus – manche wollten das Magistrat anrufen, forderten mich auf, aufzuhören. Manche wollten mir helfen.

Gab es eine Begegnung, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Barbi Marković: Es gab einige spannende Begegnungen. Die skurrilste war in Belgrad: Ich war gerade am Abschreiben auf dem Platz der Republik – plötzlich habe ich einen weißen Hasen gesehen. Normalerweise sind da viele Straßenhunde, aber ein Hase hat da nichts verloren. Ich bin ihm gefolgt. Es ist doch logisch, einem weißen Hasen nachzugehen! (lacht) Der Hase wollte in ein Café hoppeln, aber ich hatte ihn erwischt. Als ich ihn aufheben wollte, kam ein Mann mit einem weißen Bart auf mich zu und sagte: „Wenn du ihn nicht kennst, solltest du ihn nicht aufheben.“ Und die beiden sind dann miteinander verschwunden. Später habe ich gehört, dass der Mann und der weiße Hase in Belgrad bekannt sind und täglich einen gemeinsamen Spaziergang machen.

Neben den Stadtbeschreibungen gibt es auch Werbeeinlassungen, durch die sich die Stadt zwischendurch immer wieder einmischt und die Handlung vorantreibt oder ins Unterbewusstsein der Protagonistinnen eindringt.

Bérénice Hebenstreit: Man geht durch die Stadt und ständig wird man auf etwas hingewiesen oder es wird einem etwas verboten. Die Stadt spricht zu einem und meist ist eine Handlungsaufforderung darin. Wir leben nicht nur in der Stadt, die Stadt macht auch ständig etwas mit uns.

Zu den Superheldinnen: Immer wieder sprechen sie von der misslichen Situation, in der sie feststecken. Wie prekär ist ihre Lage?

Bérénice Hebenstreit: Es ist sehr nahe an uns – Akademikerinnen mit abgeschlossenen Studien, wahrscheinlich geisteswissenschaftlich, mit denen man wenig Geld machen kann. Es ist auch unsere Generation, die es auf dem Arbeitsmarkt deutlich schwerer hat als noch die Generation vor dreißig Jahren. „Unsere Geschichte war klassisch“ ist auch eine Aussage darüber, dass es keine total singuläre Ausnahmegeschichte ist, sondern dass sie viele Menschen unserer Generation betrifft. Abgesehen von den magischen Kräften, die herausstechen, wird man viele ähnliche Biographien in Wien finden. Die drei Figuren haben zudem aber auch Migrationshintergrund und es deshalb ungleich schwerer.

Was möchten sie erreichen, wenn sie davon sprechen, endlich in der Mittelschicht ankommen zu wollen?

Bérénice Hebenstreit: Vermutlich geht es um den Wunsch nach einem ökonomisch abgesicherten Leben, in dem man nicht ständig damit beschäftigt ist, seinen Lebenserhalt zu sichern. Und sich mit anderen Themen beschäftigen kann.

Barbi Marković: Es geht nicht nur um ein Leben, in dem man sich nicht mehr fürchtet, sondern auch um die Berechtigung zum Bleiben. Aber gleichzeitig vermischt sich das im Buch schon auch mit Träumen aus der Werbung. Niemand weiß, wie Erfolg oder ein Es-geschafft-Haben im Leben aussehen.

 

Die aus Belgrad stammende Autorin Barbi Marković lebt seit 2006 in Wien. Mit Ausgehen, einem Thomas-Bernhard-Remix, machte sie als Popliteratin einer neuen Generation Furore. In ihrem Stadtroman Superheldinnen, der mit dem Alpha Literaturpreis 2016 und dem Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung 2017 ausgezeichnet wurde, wirft sie einen „ebenso bös grotesken wie lapidar pessimistischen Blick auf drei Leben mit ‚Migrationshintergrund‘ – und punktet mit dem unwahrscheinlichsten Happy End seit Christi Wiederauferstehung.“ (Fritz Ostermayer, FM4, Im Sumpf).

Bérénice Hebenstreit, die in der letzten Spielzeit u. a. Judas von Lot Vekemans in der Roten Bar erfolgreich in Szene setzte, adaptiert den Roman für die Bühne und gibt damit ihr Regiedebüt im Volx/Margareten.