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Ein Soldat, ein Politiker und eine Forscherin stehen im Mittelpunkt des Stücks "Extremophil", das der junge Regisseur Paul Spittler für das Volx/Margareten inszeniert hat. Im Interview sprechen er und Jasmin Avissar, die als Choreografin an der Inszenierung beteiligt ist, über extreme Erfahrungen, Lebenslügen und die Arbeit mit Text und Tanz.

Paul, du arbeitest seit zwei Jahren als Regieassistent im Volkstheater. Mit Extremophil feierst du dein Regie-Debüt im Volx/Margareten. Würdest du sagen, es ist das extremste, das du bis jetzt gemacht hast?

Paul Spittler: Nein, das extremste, das ich mal machen musste – ich wurde wirklich dazu gezwungen – war auf einem Jahrmarkt mit meinem Vater in so einen Ball eingesperrt und dann in die Luft geschossen zu werden. Ungefähr in 80, 100 Meter Höhe. Dann sitzt du da drin, bist angeschnallt, neben dir werden diese Federn gespannt und du wirst in den Himmel geschossen. Mein Vater ist ein Adrenalin-Junkie, aber ich bin überhaupt nicht so extrem.
Es ist das erste Mal, dass ich an einem großen Stadttheater Regie führe und mit ausgebildeten Schauspieler/innen arbeite. Während meines Studiums in Dresden hatte ich eine eigene Theaterkompanie, wo ich auch inszeniert habe, aber das war mit Schauspielschüler/innen und interessierten Laien.

Wie extrem sind eure Proben?

Jasmin Avissar: Das hängt davon ab, wen du fragst. Die Schauspieler/innen würden sagen: sehr extrem! Ich sage: ganz normal!

PS: Diese Produktion ist anders, als Produktionen, die ich vorher als Regieassistent kennengelernt habe. Es ist kein richtiges Regietheater, sondern ein gleichberechtigtes Ensembletheater. Jeder Teil dieser 10-köpfigen Familie kann ihren Senf dazugeben und man unterhält sich miteinander über die Arbeit.

JA: Es ist auf jeden Fall ein sehr zeitgenössischer Weg zu arbeiten; dass wir viel im Team kreieren und dass alle am Ende hinter dem Produkt stehen. Es gibt keine Einzelperson, die alles führt und die ihre Sicht auf die Dinge präsentiert, sondern alle arbeiten mit und geben Impulse.

PS: Noch etwas extremes: es gab extrem wenig Essen! Nach 2 Jahren als Regieassistent am Haus bin ich es aber auch schon gewohnt während der Endproben wenig zu essen und zu schlafen.

In Extremophil geht es um drei vermeintlich sehr erfolgreiche Figuren, die sich an einem Moment fragen, ob sie die richtige Entscheidung für ihr Leben getroffen haben. Soll sich das Publikum nach dem Besuch des Stückes mit ebendieser Frage auseinandersetzen?

PS: Jede/r steht im Leben mehrmals an Scheidewegen. Was ich den Zuschauer/innen gerne mitgeben möchte, wäre ein Bewusstsein darüber, ehrlich mit sich selbst zu sein. Die Protagonisten in Extremophil leben mit Lebenslügen und sind diesen auf einmal ausgeliefert. Sie fragen sich, um welchen Preis sie sich ständig belügen. Darauf muss jede/r eine Antwort finden. Wie viele Leichen habe ich im Keller? Wofür bin ich bereit, mich selbst zu belügen? Und, wofür bin ich bereit auf den Tisch zu hauen und die Konsequenzen zu tragen, wenn ich mich oder Leute in meiner Umgebung anlüge?

JA: Wie stark die Inszenierung das Publikum beeinflusst das hängt sehr davon ab, woher diese/r Zuschauer/in kommt. Ein spannender Moment in dem Stück, ist der „Krisen-Konflikt-Moment“. Das ist der Punkt an dem man sich befindet und nicht weiß, was danach kommt, aber auch nicht, wie man überhaupt hingekommen ist. Man muss nach hinten und nach vorne blicken. Das Stück bringt diesen psychologischen Prozess gut zum Ausdruck. Danach geht hoffentlich jede/r nach Hause und fragt sich, was er/sie im Leben will.

Tanz spielt eine große Rolle in dieser Inszenierung. Wie ist es dazu gekommen?

PS: Ich finde, die einzelnen Geschichten der Figuren sehr berührend und metaphorisch. Beispielsweise muss die Forscherin erst den Weg bis ganz nach unten gehen, also bis an den Meeresgrund, um danach aufzutauchen und klarer sehen zu können. Das sind sehr schöne Bilder. Daher war mir wichtig, den Text zusätzlich in eine weitere Form zu übersetzen. Hierfür sind mir sofort Choreografie und Jasmin eingefallen.

Was kann Tanz, was Text nicht kann?

JA: Durch das Element Tanz entsteht eine weitere Kommunikationsebene. Der Tanz schafft Assoziationen zwischen dem, was ich höre und was ich sehe. Bei meinen Choreografien arbeite ich sehr viel Text, für mich ist ein Text wie ein Gedicht. Jedes Wort kann sehr viel erzählen. Ich nehme die Grundemotionen, die hinter Wörtern stehen als Basis und arbeite mit ihnen. Die Tanzsequenzen sollen den emotionalen Zustand zum Ausdruck bringen. Die Mischung aus Wörtern, Bildern, Bewegung und Musik kommunizieren etwas viel tieferes als nur den Text. So kann der/die Zuschauer/in den Inhalt viel besser verbinden.

PS: Wir haben sehr viele animalische Metaphern gefunden – es sind Ameisen, Schlangen und Wildtiere auf der Bühne. Die Choreografie-Blöcke fungieren als der Makrokosmos, das Allgemeine; wie man sich in dieser Welt, in diesem System fühlen kann. Zum einen beschäftigen wir uns mit diesem „Globus“, auf dem alle mit ihren Hoffnungen, Problemen und Wünschen existieren. Zum anderen erleben wir die drei einzelnen Figuren mit ihren individuellen Geschichten. Der Tanz bildet den Rahmen um diese Figuren. Zusätzlich bietet Tanz die Möglichkeit einfach nur ein Körper zu sein, ohne viel zu denken oder zu sprechen.