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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Hannah Schnopfhagen hat Anna Badoras Inszenierung von „Medea“ gesehen und fragt sich: Welche Rolle spielen die Heimat, der Ursprung, die Wurzeln in der Identität einer Person?

Wenn man will, lassen sich in Medea von Franz Grillparzer zahlreiche hoch aktuelle Themen finden. Kapitalismus, die Unterdrückung der Frau, die Flüchtlingsthematik. Eine Geschichte über Fremdsein, Verstoßenwerden und gesellschaftlichen Absturz. Probleme, die von der Antike bis in die Gegenwart präsent waren und es mit großer Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft sein werden. Für mich stand hauptsächlich die Angst vor (dem) Fremden im Vordergrund. Medea als Verstoßene, die nirgendwo Heimat findet und nirgends willkommen ist.

Medea (Stefanie Reinsperger), Königstochter aus Kolchis, muss als Kind mitansehen wie ein asylsuchender Fremder von ihrem Vater ermordet wird. Jahre später verliebt sie sich in den Argonauten Jason (Gábor Biedermann), durch dessen Rettung sie ihren Vater (Michael Abenroth) und damit auch ihre Heimat verrät und mit ihm schließlich nach Korinth flüchtet. Dort muss sie immer wieder miterleben, wie es sich anfühlt, fremd zu sein. In den Augen der anderen ist sie trotz ihrer Versuche, sich anzupassen, weiterhin eine Barbarin und eine Fremde. Am Ende, nachdem sie aus Korinth vertrieben, ihren Kindern entfremdet und von ihrem geliebten Mann verstoßen wurde, rächt sie sich.

Von Beginn an herrscht eine mystische, beinahe bedrohliche Stimmung. Das Bühnenbild erinnert dank Projektionen und einer heidnischen Statue in der Bühnenmitte an das alte Kolchis. Fast hat man das Gefühl, dass Medea, indem sie das Drehen des Bühnenbildes zu verhindern versucht, die Ermordung des Fremden durch ihren Vater verhindern möchte. Dies ist die erste von zahlreichen Rückblenden im Stück. Hinter Glasscheiben sind die Schauspieler/innen teilweise zu sehen und verblassen dann genau wie Medeas Erinnerungen wieder. Über das gesamte Stück hinweg treten diese Rückblenden wiederholt auf, die dem Zuschauer einen Einblick in Medeas Gedanken- und Gefühlswelt, sowie ihre Vorgeschichte geben.

„Weggehaucht die Vergangenheit. Alles Gegenwart, ohne Zukunft“. Mit diesen Worten bekommt das oft so angestrebte „im Moment leben“ einen negativen Beigeschmack. Was, wenn das Vergangene unwiederbringlich ausgelöscht und die Zukunft so ungewiss bis nicht existent ist und einem somit nur noch die Gegenwart, das Hier und Jetzt, bleibt?

Welche Rolle spielen die Heimat, der Ursprung, die Wurzeln in der Identität einer Person? Wie sehr sollte man sich des „Akzeptiertwerdens“ wegen von diesen entfernen? Diese Frage kommt während des Stücks immer wieder auf. Im anschließenden Publikumsgespräch meinte Stefanie Reinsperger: „Die Liebe zwischen Medea und Jason kann ab dem Punkt nicht mehr funktionieren, ab dem sie versucht sich für ihn zu verändern!“ Meiner Meinung nach ein sehr wahrer Gedanke.

Auch nach der Vorstellung bleibt das Gefühl der Betroffenheit. Xenophobie ist allgegenwärtig, kein veraltetes, vergangenes Thema, nicht nur auf der Bühne präsent. Für mich, als großer Fan der griechischen Mythologie und des Nachdenkens, ein sehr sehenswertes, wenn auch nicht unbedingt leichtes und bloß unterhaltsames Stück.

 

Hannah Schnopfhagen (20) studiert im ersten Semester Philosophie und möchte ab kommendem Jahr gerne Psychologie studieren.