Menü
 

In "Werte Familie" stehen fünf Frauen aus Wien auf der Bühne und fordern mit ihren eigenen, vielfältigen Familiengeschichten das Bild der heiligen Familie heraus. Dramaturgin Veronika Maurer sprach mit der Regisseurin Jessica Glause über Familien- und Theaterformen.

Veronika Maurer: Warum wolltest du ein Stück zum Thema Familie machen?

Jessica Glause: Das Thema Familie ist für mich so wichtig, weil ich gerade mit Schrecken erlebe, dass der Begriff von rechtskonservativen und rechtspopulistischen Parteien vereinnahmt wird, die von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft sprechen und dabei nur die Konstellation von Mann und Frau mit gemeinsamen biologischen Kindern meinen. Das macht mir Angst, weil unsere Realität ja eine ganz andere ist: Da gibt es plurale Familienmodelle von Ein-Eltern-Familien über Patchwork-Konstellationen und Wahlfamilien bis zu gleichgeschlechtlichen Elternpaaren. Die werden mit dieser Setzung aber konsequent verdrängt und als unnormal markiert. Ich möchte Gegenerzählungen auf die Bühne holen. Bei unserem Stück trifft das Publikum nicht auf Profi-Schauspieler/innen, sondern auf Expertinnen des Alltags, die mit ihren eigenen Biografien auf der Bühne stehen – fünf Frauen, die in sehr unterschiedlichen Familienkonstellationen leben und von diesen erzählen.

Du erarbeitest regelmäßig Stücke mit nichtprofessionellen Schauspieler/innen. Wie findest du deine Darsteller/innen?

Man macht eine Ausschreibung, sucht aber auch über andere Kanäle und bereits bestehende Kontakte. Ich bin mit meiner Dramaturgin losgezogen, zum Beispiel zum Regenbogenfamilienzentrum im Pride Village. Wir hielten Ausschau nach Menschen, die andere Geschichten als die der Kleinfamilie zu erzählen haben; die vielleicht von der Gesellschaft marginalisiert werden oder die gegen Widerstände versuchen, ein unkonventionelles Modell von Familie zu leben. Wir haben das Netzwerk des Jungen Volkstheaters genutzt und einen Aufruf gemacht, uns mit Interessierten zu Einzelgesprächen getroffen und nach und nach unser Ensemble zusammengefügt. Bei so einer Auswahl geht es um die einzelnen Beteiligten, aber natürlich auch darum, eine gute Gruppe zu formen. Mir ist nicht wichtig, ob jemand schon Bühnenerfahrung hat, wichtiger ist, dass in unserer Begegnung etwas passiert, dass sie mir etwas zu sagen hat. Natürlich spielt auch Sympathie eine Rolle. Ich verliebe mich ein wenig in alle meine Performer/innen!

Warum machst du Theaterabende mit nichtprofessionellen Schauspieler/innen?

Ich verstehe die Bühne grundsätzlich als Forum für gesellschaftliches Leben und arbeite in zwei verschiedene Richtungen: zum einen mit professionellen Schauspieler/innen und zum anderen mit Menschen, die mit ihren eigenen Biografien auf der Bühne stehen. Wenn ich bei einem Thema das Gefühl habe, dass es aus der Gesellschaft heraus erzählt und reflektiert werden muss, entscheide ich mich für Protagonist/innen, die mit ihren eigenen Erfahrungen auf die Bühne treten.

Wie bist du zu dieser Erzählform gekommen?

Ich habe an der Universität in Hildesheim studiert. Der Studiengang, den ich besucht habe, versucht soziale Praxis und Kunst zusammen zu denken und Kunst durch eigene Praxis erfahrbar zu machen. Dieses Spannungsfeld hat mich stark geprägt. Dann habe ich als Regieassistentin an den Münchner Kammerspielen gearbeitet und 2006 eine eigene Arbeit realisiert, nämlich eine Stadtführung mit Rentnern und Rentnerinnen durch München. Sie führten das Publikum zu ihren In-Orten, ihren früheren Lieblingsorten, die aber alle durch neoliberale und kapitalistische Stadtentwicklungsprozesse verschwunden waren. Damals habe ich gemerkt, dass die Arbeit mit „realen“ Menschen eine sehr politische ist, weil ich – und damit auch das Publikum – die eigene Blase verlasse und mit Menschen verschiedener Milieus, Klassen, Schichten und mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen in direkten Kontakt komme.

In Werte Familie wird von Familienformen jenseits der patrilinearen Blutsverwandtschaft und dem männlichen Familienoberhaupt erzählt: Leben im Kollektiv, Alleinerzieherinnen-WG, Regenbogenfamilie, Schwesternfamilie. Gelingt es uns, mit diesen Familienformen das Patriarchat abzuschaffen?

Ich glaube, wir schaffen es, das Patriarchat zu verflüssigen. Vielleicht gibt es Leute, die das Patriarchat auch gerne leben, deshalb würde ich mir nicht anmaßen, es ganz abschaffen zu wollen. Aber es geht mir im Sinne einer offenen Gesellschaft darum, eine Gleichberechtigung verschiedener Lebensmodelle zu erreichen. Ja, ich persönlich würde mir wünschen, dass wir das Patriarchat abschaffen. Aber ich bin ja nicht die einzige in dieser Gesellschaft.

Es ist nur die Frage, ob es das Patriarchat zulässt, gleichberechtigt neben anderen Formen zu stehen.

Ja, das ist die Frage. Aber ich glaube, im Augenblick können wir nur eine Oppositionskraft gegen das vorherrschende System des Patriarchats bilden; deswegen spreche ich auch von Gegenerzählungen.

Hast du im Lauf der Probenzeit für dich eine Definition gefunden, was Familie ist?

Es war emotional eine intensive Probenzeit. Ich habe festgestellt, dass es einerseits meine Kernfamilie gibt, in meinem Fall tatsächlich eine biologische, und darüber hinaus Menschen, die mir emotional so wichtig sind, dass ich sie als Wahlfamilie bezeichnen würde. Durch unsre Gespräche bei den Proben ist mir wichtig geworden, dass ich nicht alle emotionalen Beziehungen unter den Begriff Familie zwinge – gleichzeitig habe ich Möglichkeiten kennengelernt, eine Familie zu kreieren und zu leben, die ich vorher nicht denken konnte. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit so tollen Frauen zusammenarbeiten konnte, die das real schon leben.