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Mit "Kasimir und Karoline" hat Regisseur Philipp Preuss am Volkstheater erstmals ein Stück von Ödön von Horváth inszeniert. Ein Gespräch über ökonomische Zwänge, das Oktoberfest und die allgegenwärtige "Gesellschaft des Spektakels".

Andrea Heinz: Kasimir und Karoline ist das erste Horváth-Stück, das zu inszenierst. Was für eine Erfahrung ist das für dich?

Philipp Preuss: Ich bin total überrascht, wie absolut zeitgenössisch und unbarmherzig er seine Figuren beschreibt. Es ist erschreckend, wie sehr man die aktuelle politische Lage in dieser diffusen, populistisch-nationalen Vorkriegsstimmung wieder erkennen kann. Horváth hat seine Figuren und die Mechanismen in dieser Gesellschaft ganz klar gesehen: Wie zwar jeder und jede seine oder ihre Sehnsüchte hat, aber diese Sehnsüchte nicht aus ihnen selbst herauskommen, sondern vom System, von der Gesellschaft generiert werden. Was mir als Regisseur nun stark auffällt, ist diese habsburgisch-morbide Bilderwelt, das Todesmotiv, das immer wieder auftaucht. Man weiß oft gar nicht mehr, sind diese Figuren nur noch leere Phrasen innerhalb des Systems – oder schon längst tot? Das ist ungemein spannend. Ich hätte direkt Lust, gleich noch einen Horváth zu machen.

Kasimir und Karoline spielt am Oktoberfest und inmitten der Weltwirtschaftskrise. Ist es der ökonomische Zwang, der diesen Figuren alles Lebendige nimmt?

Horváth beschreibt eine Welt, in der man sich nur noch darüber definiert, welchen Status man hat. Die Sphären von „(Privat-)Leben“ und „Wirtschaft(-sleben)“ sind nicht mehr getrennt, sie sind ineinander aufgegangen. Es gibt nur noch einen Lebensbereich. Was die Menschen verdienen, was sie arbeiten, das alles findet Eingang in ihre Sprache, wird zu ihrer Identität.

Bisweilen erscheinen die Figuren einem wie Pappkameraden, die ihre Phrasen abspulen. Man fragt sich: Spüren die sich überhaupt noch?

Das glaube ich schon. Sie verspüren eine diffuse Sehnsucht nach etwas anderem – sie wissen nur nicht mehr, was das sein könnte und wie sie dorthin kommen. Sie sind in diesem Räderwerk von Abhängigkeiten gefangen und dem Irrglauben verfallen, über diese Machtmechanismen und den viel beschworenen Aufstieg ihre Erfüllung zu finden. Daneben suchen sie, wie eben beim Oktoberfestbesuch, bei der Fahrt mit der Achterbahn, nach Möglichkeiten, sich abzulenken, sich vom Boden zu lösen, um endlich die Schwerkraft ihres Lebens nicht mehr zu spüren. Sie flüchten sich in den Rausch. Ich glaube, sich zu spüren ist eigentlich genau das, was sie wollen – aber das System lenkt sie soweit ab, dass sie gar nicht mehr dazu kommen.

Sie glauben, das Glück ist ident mit den Glücksverheißungen des Marktes?

Das wird einem ja ständig suggeriert: Dass man ein Mangelwesen ist, das ohne Unterlass konsumieren muss, um diesen Mangel zu beheben. Es ist faszinierend, wie genau Horváth das beschreiben konnte: Dass Arbeitslosigkeit in dieser Welt nicht nur bedeutet, dass man hungert oder kein Dach mehr über dem Kopf hat, sondern auch, dass man das verliert, worüber sich alle identifizieren: Den Beruf.  Es muss in diesem System alles ökonomisch sein, es geht um ein ständiges sich verbessern, sich optimieren – wenn da der Partner zum Problem wird, dann muss man dieses überzählige Gewicht eben, wie in einem Heißluftballon, abschneiden, damit man weiterfliegen kann.

Da muss also nicht erst die Soziologin Eva Illouz mit ihrem Buch Gefühle in Zeiten des Kapitalismus kommen – die Ökonomisierung der Liebe hat schon Ödön von Horváth beschrieben.

Bei Horváth ist es extrem. Es gibt da eine große Sehnsucht nach Liebe: Das sind jene Momente der Stille, in denen das Unbewusste sich meldet. Wenn Horváth, wie er sagt, dem Bewusstsein die Maske herunterreissen will. Da zeigt sich ein Gefühl, für das die Figuren nicht die Worte finden. Karoline begibt sich in dieses Oktoberfest-Treiben und sie erwartet immer mehr von den Männern, die ihr da begegnen, sie will Freiheit, sie will Spaß und die Typen, die sie kennenlernt, sollen ihr das verschaffen. Es ist eine Tauschökonomie, für alles, was man gibt, möchte man etwas zurückbekommen. Und dann ist der Rausch irgendwann vorbei und man merkt: Es war ja doch nur Illusion.

Die Momente der Stille bedeuten doch auch: Alles, was die Figuren ausdrücken können, können sie nur in der Sprache dieses zutiefst kapitalistischen Systems ausdrücken. Darüber hinaus, für ihre diffuse Sehnsucht, fehlen ihnen die Worte …

Sie haben nur Phrasen und die globale Sprache der Kunst, die Stille. Die Figuren bei Horváth maskieren sich mit Sprache, ihnen wurde – durch die Medien, durch die Öffentlichkeit – schon vorgegeben, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten, was man zu sagen hat. Das steckt ganz tief in ihnen drin. Das Oktoberfest ist ja auch kein authentisches Volksfest, sondern ein Event, das ganz klare Regeln befolgt. Unterhaltungskultur hat immer schon nach diesem Muster funktioniert: Eine Unterhaltungswelt, in die sich der Mensch einfügen darf – sobald er bezahlt hat. Was heute das Internet ist, das hat man damals eben über Architektur gelöst. In dieser Gesellschaft des Spektakels ist der Mensch immer zugleich Konsument und Ware, er soll sich unterhalten lassen und zugleich andere unterhalten.

Du lässt die Figuren Elli und Maria Passagen aus Guy Debord Die Gesellschaft des Spektakels sprechen – warum das?

Mir gefällt die Vorstellung, dass der Theaterabend selbst ein Spektakel ist, selbst Teil der kritisierten Spektakelwelt ist und dass der Abend selbst mit Zitaten, seien sie philosophisch, literarisch oder ästhetisch, spielt, so wie Horváth mit Zitaten spielt. Dieser Debord-Text hat unsere mediale Realität komplett vorweggenommen und ist so aktuell wie noch nie. Es gibt keine Trennung mehr zwischen Realität und Virtualität, alles ist Amalgam, alles ist immersiv. Das Oktoberfest als Erfindung des Rausches und der Abschweifung wird so zu einer Grundmetapher für diese neue Realität, es ist die in Spaß-Architektur gegossene Verkörperung unseres Bedürfnisses, unserer Sehnsucht, dieses langweilige Leben hinter uns zu lassen. Die Schwerkraft unserer mickrigen Existenz muss verlassen werden, denn wie sagte Werner Schwab so schön: Wir sind ins Leben gevögelt und können nicht fliegen. Das Oktoberfest als Marke und Business-Modell gibt es inzwischen ja in sehr vielen Städten, die Trachten sind globale Spaßuniformen, das hat mit Tradition genau gar nichts mehr zu tun. All diese Feiern werden dann medial verwertet, da wird entweder permanent live berichtet oder das Smartphone ist immer gezückt, alles muss narzisstisch festgehalten und das Selbst aufmerksamkeitsökonomisch vermarktet werden. Die Horváth-Figuren sind insofern absolut heutig, sie leben wie Maden im Spektakel und wenn einer von denen arbeitslos wird, das nicht mehr bezahlen kann oder will, wird er nicht nur zum Spielverderber, zum Hemmschuh, nein: In so einer medialen Spektakelwelt verschwindet der einfach. So einer wie Kasimir fadet aus, wird nicht mehr wahrgenommen.

Geht es am Ende bei Kasimir und Karoline also nur um die totale Verwertbarkeit?

Die Figuren sind sich dessen auch total bewusst. Sie sehen das kritisch, aber vor allem wollen sie dazugehören, Teil dieser Welt sein. Und so bemühen sie sich, in dieser und für diese Welt noch besser zu funktionieren.

Ist es diese konsumfixierte Außenwelt, die das Zusammenleben von Kasimir und Karoline letztlich unmöglich macht, weil sie ihre Liebe korrumpiert?

Diese Außenwelt gibt es gar nicht mehr, weil alle Teil des Systems sind. Sie haben Sehnsüchte, also durchaus noch ein Gespür dafür, dass es etwas außerhalb dieser Welt geben muss. Aber sie wissen nicht, wie man dorthin kommt. Man hat bei Horváth fast schon das Gefühl, dass seine Figuren Zombies sind, von denen gar nicht mehr klar ist, ob sie noch am Leben oder schon längst tot sind. Geister des Kapitals. Sie entkommen ihrer Welt nicht.