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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Theaterscout Laurel Koeniger hat "Niemandsland" gesehen und kam zu dem Schluss: Der minutenlange Schlussapplaus des Wiener Publikums zeigt, dass die Wiederaufnahme dieses Stücks die einzig richtige Entscheidung war.

Es beginnt mit einem Tanz. Schattenhafte Gestalten, die sich im Dämmerlicht umeinander drehen, verschlungene Figuren tanzen. Eine bedrückende Choreografie, die erst später Sinn ergeben wird.

Der erste Schritt ins Geschehen von Niemandsland führt zu einer kleinen Familie in Wien. Birgit Stöger spielt Azra, eine Mutter, die auf der Flucht vor dem Krieg in Bosnien mit ihrer Tochter vor vielen Jahren nach Österreich gekommen ist. Die Tochter Leyla, von Seyneb Saleh überragend gespielt, ist politisch aktive Studentin und will nach Palästina, um dort zu arbeiten und zu helfen.

Bald zeigen sich, versteckt hinter den einfachen aber witzigen Dialogen, die zwischen den vor Charme sprühenden Charakteren verlaufen, die ersten Schattenseiten. Über Krieg zu sprechen ist zu Hause tabu. Die Mutter schweigt über den Grund. In ihrem abwehrenden Verhalten gegenüber den Plänen ihrer Tochter sieht man nicht nur die natürliche Sorge, sondern ein Verhalten, das Tiefen erahnen lässt, auf deren Grund man nicht stoßen möchte. Urkomisch und gleichzeitig urtraurig; Birgit Stöger wandelt in ihrer Rolle genial auf dem schmalen Grat dieser Gegensätze.

In Palästina trifft Leyla auf Osama Zatar, dessen Frau, Jasmin Avissar, nach Österreich emigriert ist und nun nach einem Weg sucht, ihren Mann nachzuholen. Die beiden haben es als israelisch-palästinensisches Paar in ihrer Heimat nicht nur unfassbar schwierig, es wird immer gefährlicher für Osama und die Möglichkeit einer Ausreise ist ungewiss. Jasmin und Osama, die beide sich selber spielen und in diesem Stück ihre eigene, wahre Geschichte erzählen, will man gar nicht glauben, dass sie keine professionell ausgebildeten Schauspieler sind. Seit der Uraufführung 2013 in Graz dürfte sich da aber einiges getan haben.

Überhaupt wurden Dialoge minimal angepasst, hier ein Satz weniger, da einer mehr, die aktuellen Flüchtlingsrouten wurden eingebaut und jetzt, 2016, ist dieses Stück für Mitteleuropa relevanter denn je.

Als Bühnenbild reicht ein fast minimalistisch konstruiertes Bauwerk, das Wien wie Ramallah, eine Wohnung wie ein Fernsehstudio gleichsam glaubwürdig darzustellen vermag, wozu die Schauspieler ausnahmslos ihren Teil beitragen.

In den von Jasmin Avissar selbst choreographierten, immer wiederkehrenden Tanzszenen, stellt sich dem Publikum erst einmal die Frage, was hier dargestellt werden soll, worum es geht. Mit fortlaufender Handlung und Verschmelzung der vielen Geschichten, wird das jedoch immer offensichtlicher: Kriegsverbrechen.

Folter, Vergewaltigung, Verfolgung, Mord …

Yael Ronen hält uns in ihrem Werk vor Augen, wie sinnlose Gewalt und unbegründeter Hass tief verwundete Menschen zurücklassen. Schweigende Menschen. Schweigend, weil sie nicht darüber reden können, nicht wissen, wie. Weil ihnen nie jemand geholfen hat. Dass die Wippe zwischen locker-lustiger Unterhaltung und schrecklichen Erkenntnissen nicht kippt, ist nur dem guten Gespür der Regisseurin zu verdanken. Diese gekonnte Balance zeichnet das gesamte Stück aus. Man bekommt nichts hineingeprügelt, am Ende erklärt sich alles wie von allein und man ist fast beschämt, über die Witze gelacht zu haben.

 

Laurel Koeniger lebt in Wien und schreibt in seinem Blog über Nachhaltigkeit, faire Mode und einen umweltfreundlichen Lebensstil. Als Theaterscout des Jungen Volkstheaters ist er regelmäßig in Vorstellungen des Volkstheaters anzutreffen.