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Ab dem 26. Februar widmet sich das Volkstheater in den Bezirken den "Fleischhauern von Wien". Dramaturgin Mona Schwitzer hat mit "echten" Wiener Fleischhauern gesprochen. Roland Bösel erzählt ihr, wie er vom Fleischer zum Paartherapeuten wurde – und wieso eine Figur in Josef Haders "Indien" seinen Nachnamen trägt.

Mona Schwitzer: Sie sind in einer Fleischerfamilie aufgewachsen. Erzählen Sie uns etwas über die Fleischerei Bösel!

Roland Bösel: Mein Vater stammte aus einer Fleischerdynastie. Meine Mutter kam ebenfalls aus einer Fleischerei, Geyer auf der Neulerchenfelder Straße. Sie war mit einem Juden zusammen und wollte nie in diesem Geschäft arbeiten, einfach weil sie gesehen hatte, was das für ihre Eltern bedeutet. Ihr jüdischer Partner ist 1944 an der Front gefallen und meine Mutter hat daraufhin beschlossen, nie zu heiraten. Meine Großmutter hat sie aber 1947 zum Ball der Fleischermeister Söhne und Töchter geschickt und sinngemäß gesagt: Du heiratest jetzt. Mein Vater war da frisch aus der Gefangenschaft heimgekehrt. Meine Mutter hat ihre Begegnung in einem legendären Satz zusammengefasst: „Dann hab ich eben deinen Vater gesehen und dann hat’s mich erbarmt“. Die zwei haben geheiratet und das Unternehmen aufgebaut. Schon 1975 waren sie der größte Gewerbebetrieb Wiens. 1978 waren wir die Wiener Spitze mit 115 Mitarbeiter/innen in zwölf Geschäften in der ganzen Stadt – wobei das hier an der Ecke Lange Gasse/Maria Treu Gasse im 8. Bezirk immer das bekannteste war, wo die Leute gesagt haben: „Jetzt fahr‘ ma zum Bösel Fleisch kaufen.“ Am Samstag standen damals bis zu zwölf Verkäuferinnen im Laden. Das kann man sich ja heute gar nimmer vorstellen.

Wie war die Rollenverteilung bei Ihren Eltern? Die Mutter machte den Verkauf, der Vater die Produktion?

Ja, meine Mutter ist im Geschäft gestanden, sie war so etwas wie eine Berühmtheit im 8. Bezirk: die Frau Bösel. Mein Vater hat den ganzen Einkauf gemacht und die Produktion. Er ist fast nie im Betrieb gestanden. Ich auch nicht, ich hab mich dann ums Marketing und schließlich um die Produktion gekümmert.

Man kann einen solchen Betrieb also eigentlich nur übernehmen, wenn man auch in einer Geschäftsbeziehung mit der Partnerin steht?

Natürlich. Mein Vater hat immer gesagt: Ich brauche eine Frau für dieses G’schäft. Darunter hat auch meine Frau sehr lange gelitten, denn meine Eltern haben das bei mir genauso gesehen: Der braucht eine Frau für’s G’schäft.

Ihre Frau hat Psychologie studiert. Wurde Ihnen diese „falsche“ Partnerwahl zum Vorwurf gemacht?

Natürlich. Mein Vater hat mir immer wieder gesagt: „Geh doch auf den Ball der Fleischer Söhne und Töchter …“

Wann haben sie sich dafür entschieden, den Betrieb zu übernehmen?

Diese Entscheidung gab es nicht. Ich hätte mich lediglich dagegen entscheiden können – und dazu war ich lange Zeit nicht in der Lage. Mit dem Moment, in dem ich geboren wurde, war klar: Ich bin der Nachfolger. Als ich geboren wurde, da hat eine Blasmusikkapelle aufgespielt, eine Fahne wurde gehisst und in St. Marx am großen Fleischmarkt, den es damals noch gab, wurde im Lautsprecher durchgesagt: „Herr Bösel, wir gratulieren Ihnen zur Geburt eines Sohnes.“

Wann haben Sie das Unternehmen dann übernommen?

Das muss 1984 gewesen sein, kurz bevor ich geheiratet habe. Ich habe auch die Meisterprüfung gemacht, mit allen möglichen Gräueln, ich wollte diese Tiere eigentlich nicht einmal angreifen, geschweige denn sie töten. Nach der Übernahme gab es bei mir den Verdacht auf einen Tumor, der Gott sei Dank nicht bösartig war. Trotzdem bin ich dadurch endlich aufgewacht. Meine Frau hat davor schon immer gesagt: „Du willst das Unternehmen doch gar nicht führen“. Und in einem sehr langwierigen, schwierigen Prozess wurde mir endlich klar: Sie hat Recht. 1989 war das Unternehmen im Ausgleich, also in einem Insolvenzverfahren. Wir haben im Zuge dieses Ausgleichs alle unsere Geschäfte verkauft, die Leute gekündigt, sie Großteils abgefertigt. Danach haben wir einen verkleinerten Betrieb mit 30 Leuten geführt. 1991 schließlich kam der Punkt, da ging es für mich einfach nicht mehr. 1992 haben wir die Produktion still gelegt, 1993 ganz zugemacht.

Wie geht es Ihnen heute mit dieser Entscheidung?

Ich bin sehr froh, dass ich das nicht mehr mache, weil es eine furchtbare Zeit war. Wobei: Die Zeit an sich war nicht furchtbar, nur diese enormen Belastungen. Jeden Sommer nicht zu wissen, wie man die Löhne zahlt, jeden Monat diese Herausforderung. Ich bin sehr froh.

Wie haben Ihre Eltern die Wandlung des Fleischerberufes wahrgenommen und die Tatsache, dass Sie schließlich keinen anderen Ausweg sahen, als das Unternehmen aufzugeben?

Für sie geht es da um eine ganz andere Geschichte. Speziell für meine Mutter – von meinem Vater habe ich durchaus Anerkennung erfahren für meine Entscheidung. Meine Wahrnehmung war, dass die Schulden immer größer geworden sind, wir nur mehr für die Bank gearbeitet haben, für die Zinsen. Diese Situation hat sich ja zunehmend verschlimmert: Die Einkaufspreise wurden immer höher, die Billa-Konsummärkte – die heute gar nicht mehr existieren – immer billiger … Meine Mutter hat es eher so gesehen, dass ich, als ich den Betrieb übernommen hatte, begonnen habe, das Geld rauszuschmeißen. Was sie wahrgenommen hat, das war wohl eher: Seit ich angefangen habe, hat sie kein Geld mehr. Quasi: Sie hat es eh toll gemacht, nur ihr Sohn hat das leider in den Ruin getrieben.

Die wirtschaftlichen Veränderungen und Zwänge, die Sie dazu gezwungen haben – das wurde vom Umfeld also oft gar nicht so wahrgenommen?

Mich haben noch jahrelang die Leute auf der Straße angesprochen und gesagt: „Herr Bösel, dass Sie zugemacht haben! Unter Ihrem Vater wäre das sicher nicht passiert.“

Heute haben Sie gemeinsam mit Ihrer Ehefrau eine Psychotherapiepraxis. Wie kam es zu Ihrer beruflichen Umorientierung?

Ich habe damals eine Therapieausbildung gemacht, just for fun. Dann haben meine Frau und ich begonnen, als eine der ersten in Wien, zu zweit Paartherapien anzubieten. Heute sind wir in Österreich doch sehr bekannt für Paartherapie und schreiben auch sehr gerne Bücher über Paarbeziehung. Daneben haben wir eine eigene Methode erfunden, ein Konzept, wo Generationspaare im selben Raum sind: die Generationendialoge. Diese Erfindung haben wir schon in einige andere Länder exportiert, z.B. Deutschland, Schweden, Schweiz und auch USA. Wir verlangen aber nichts dafür, weil es auch ein Friedensprojekt ist. Und das ist jetzt unser Leben.

Ich würde Sie gerne noch etwas ganz anderes fragen – es gibt ja im Film Indien einen Herrn Bösel …

Der Dorfer und der Hader, die haben ja viel im Kabarett Niedermair gespielt und ich hab 1993 eine Tagung dort organisiert, schon als Psychotherapeut am Wilhelminenberg. Damals wollte ich den Herrn Hader fragen, ob er vielleicht bei uns als Einlage auftritt. Ich rufe also an und sage: „Grüß Gott, Herr Hader. Hier spricht Bösel, ich wollte Sie was fragen …“ – und er sagt: „Verarschen können’s jemand anderen.“ Darauf ich: „Nein, ich heiß‘ wirklich Bösel.“ Und er: „Sind Sie der Bösel aus der Lange Gasse? Dann muss Ihnen was gestehen. Ich hab Ihren Namen genommen für das Stück, weil ich mir immer, wenn ich da durchgegangen bin, gedacht hab: Für mein Stück, also für Indien, ist der Name Bösel das Beste.“

 

Die Fleischhauer von Wien von Pia Hierzegger in der Regie von Lorenz Kabas hat am 26. Februar im Volx/Margareten Premiere und tourt danach durch die Bezirke-Spielstätten.

© Fotostudio Liewehr

© Fotostudio Liewehr

Roland Bösel und seine Frau Sabine bieten in Wien Paartherapien an. Daneben haben die beiden auch die Bücher Warum haben Eltern keinen Beipackzettel? und Leih mir dein Ohr und ich schenk dir mein Herz geschrieben.