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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Diesmal kommen ihm allerlei unbekleidete Menschen unter ...

Spätestens seit Georg Danzers Song Was macht a Nackerter im Hawelka sind Nackte in Wien keine Sensation mehr. Daran kann auch der berühmte Künstler Spencer Tunick mit seinen gestochen scharfen Riesenfotografien von Massennackten nichts ändern.

Trotzdem wurde ich vor kurzem Zeuge eines seltsamen Vorfalles an der Tramhaltestelle Brunnengasse/Thaliastrasse, einer wegen seiner Marktnähe sehr belebten Gegend. Ich wollte aus der Straßenbahn aussteigen und hörte schon von drinnen ein merkwürdig unartikuliertes Gebrüll.

Als ich ausstieg, sah ich den Grund dafür:

Mitten unter den vielen Herumstehenden saß ein Mann auf dem Boden, nackt, seine Bekleidung hatte er scheinbar abgeworfen und brüllte, dass es einem durch Mark und Bein ging. Nichts konnte ihn beruhigen, ein paar Mitleidige hatten ihm eine dünne Decke übergeworfen und zwei vollkommen hilflose Polizisten standen in einigem Respektabstand vor ihm.

Ich blieb stehen und hörte ein paar verzagte Stimmen: “Vielleicht sollte man doch einen Krankenwagen …?” Die zwei Polizisten, unfähig zu irgendeiner Amtshandlung, nickten erleichtert.

Am gleichen Tag, Zufall oder nicht, hörte ich von einer angehenden Polizistin folgende Geschichte:

Auf der Polizeistation Liesing traf eine Meldung ein, dass es einen Vorfall in einer Siedlung gegeben habe. Ein Schwarzafrikaner sei mit einem Messer attackiert worden. Als sich die Polizei dort einfand, traf sie auf einen zitternden Mann, der sich nur nackt in die Wohnung seiner Nachbarin retten konnte. (Sie hatte ihn, obwohl nackt, als Nachbarn wiedererkannt!) Allerdings konnte sie nur ein kurzes Röckchen und ein T-Shirt aus ihrem Privatfundus beisteuern, mit denen er seine Blöße bedecken konnte. Die Polizei nahm ihn, so wie er war, ins Krankenhaus mit, wo der Messerstich behandelt wurde. Danach wollte man ihn in diesem Outfit heimgehen lassen. In kurzem Röckchen und T-Shirt, ohne Unterhose und naturgemäß ohne Geld. Das hieß also:  Entweder als Schwarzfahrer (Nomen est Omen) durch halb Wien fahren oder zu Fuß eine halbe Ewigkeit lang  in besagter Montur durchs nächtliche Wien zurück in die Wohnung laufen müssen. Nur dem Einsatz der angehenden Polizistin war es zu  verdanken, dass der Mann dann doch noch – absolut unvorschriftsgemäss – mit einem Polizeiwagen vor dieser Schande bewahrt und nach Hause gefahren wurde. Es gibt sie also doch noch, die freundlichen “KiebererInnen”.

Zwei Nackte an einem Tag. Das war, glaube ich, selbst für Wien relativ viel.