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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Sarah Pritchard-Smith hat "Zu ebener Erde und erster Stock" gesehen und findet: Soziale Ungerechtigkeit ist genauso aktuell wie vor hunderten von Jahren.

Susanne Lietzow übernimmt die Regie und inszeniert überraschend aktuell-politisch, was das Ganze sehr interessant, aber auch komplizierter und schwerer verständlich macht. Beispielsweise wird in dieser Fassung das Ende des Originals verändert: Statt dem Happy-End sterben alle bis auf die „Reichen“ an der Vogelgrippe! Das ist eines der Ereignisse im Stück, die ich nicht ganz verstanden habe. Wieso die Vogelgrippe? Was symbolisiert sie? Was ich allerdings interessant daran fand, war die Tatsache, dass die beiden Reichen als einzige überleben: Nur sie haben die dazu nötigen Masken (Schutzmasken? Theatermasken? Jedenfalls verbergen sie die großen Nasen!) kaufen können.

Die Darsteller/innen haben alle riesige Ohren und riesige Nasen und die Kinder werden von Erwachsenen gespielt. Überhaupt scheint alles ein wenig clownhaft und grotesk. Ich glaube, das soll die Lächerlichkeit dieser Menschen – und das nicht auf eine lustige Weise – darstellen. Lächerlich, weil sie alle wie  Wahnsinnige versuchen, endlich reich zu werden oder noch reicher. Lächerlich, weil sie in diesem Wahnsinn alles andere vergessen. Weil sie wie Hunde sind, die ihren eigenen Schwanz jagen.

Außerdem geht es in Zu ebener Erde und erster Stock sehr um Glück und Schicksal. Der „Mann in Gold“ (Kaspar Locher), dessen Kostüm auch etwas seltsam ist – ein goldener Frack, ein goldenes Hemd, ein goldener Zylinderhut und goldene Stöckelschuhe – und der übrigens sehr gut tanzt, symbolisiert die Fortuna, das Glück, ähnlich wie es im Marienthaler Dachs das Medium tut. Hat man Glück, ist man reich, hat man Pech, ist man arm. Oder man ist listig und ausbeutend wie Johann, der Diener von Goldfuchs (Stefan Suske), dem Herrn der oberen Wohnung, der ihm blind vertraut, ohne von seiner Geldgier, seinem Egoismus oder seiner Hartherzigkeit zu ahnen. Johann wird übrigens brillant von Sebastian Pass  gespielt. Sein Glanzstück ist ein langes Couplet, das von Flüchtlingen, von Zäunen und von der Ungerechtigkeit erzählt, als Rassist beschimpft zu werden, wenn man „einmal im Bierzelt für die Heimat war“. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Johann dieses Lied singt, dem Menschen so egal und Macht und Reichtum so wichtig sind.

Nadine Quittner, Sylvia Bra, Christoph Rothenbuchner &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Nadine Quittner, Sylvia Bra, Christoph Rothenbuchner &copy www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber auch bei den Bewohnern des unteren Stockwerks geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Schlucker (Günter Franzmeier) will seinen Sohn Adolf (Christoph Rothenbuchner) loswerden, damit Herr Zins (Lukas Holzhausen), der Vermieter, dieses Monat keine Miete verlangt. Der Vermieter nämlich möchte Goldfuchs‘ Tochter Emilie (Nadine Quittner) heiraten und weiß im Gegensatz zu deren Vater, dass Adolf ihr heimlicher Geliebter ist. Das Stück erzählt provokant von Arm und Reich, Glück und Unglück, Ungerechtigkeit und Skrupellosigkeit. Denn alle, mit der Ausnahme von Emilie und Adolf, den Verliebten, verfolgen ohne auf andere Menschen zu achten ihr Ziel, und dieses Ziel ist bei allen dasselbe: Reichtum. Erfolg. Macht. Das Gefühl, besser als andere zu sein. Respektiert zu werden. Und egal, wer das alles bekommt, es ist nie gut, wenn Macht und Geld so ungleich verteilt sind. Gerade das ist es, was im Stück lächerlich gemacht wird: dieses verbissene Streben nach extra viel Geld und Ansehen. Ich glaube, das ist das Provokante an diesem Stück. Denn ist das nicht – bewusst oder unbewusst – das Ziel von fast allen?

Alles in allem hat mir das Stück sehr gefallen, obwohl mir die Kombination aus den Änderungen des Originals und der ungewöhnlichen Inszenierung stellenweise zu unverständlich war, um klar darüber nachdenken zu können.

Nachdenklich machend ist Zu ebener Erde und erster Stock aber auf jeden Fall. Es lässt einen über Probleme in der Armut und Probleme im Reichtum nachdenken, über Gier und über die Tatsache, dass in Wirklichkeit alle nur glücklich sein wollen. Wie kommen Armut und Reichtum zustande? Sind die Reichen schuld an Armut? Sind Arme besser als Reiche? Oder schlechtere Menschen? Sind sie an ihrer eigenen Armut schuld? Sind einfach alle schuld? Geht es überhaupt darum, wer schuld ist? Geht es nicht darum, wer etwas dagegen tun könnte? Oder müssen wir alle auf die Fortuna warten? Was könnten die Reichen tun, um Armut zu verhindern? Eine Revolution, wie sie einige Jahre nachdem Nestroy das Stück geschrieben hatte, zustande gekommen ist? Ich bin mir sicher, dass Nestroy dieses Stück als Akt von Rebellion gegen den König  und die reichen Herren des Landes geschrieben hat.

Was könnten die Armen tun, um Reichtum zu verhindern? Kann man arm sein und glücklich sein?(© Ausblick nach oben) Kann man reich und unglücklich sein? Hat man Glück gehabt, wenn man reich ist?

Soziale Ungerechtigkeit ist genauso aktuell wie vor hunderten von Jahren – was vielleicht auch erklärt, warum ich das Stück als so politisch empfunden habe.  Ich würde es auf jeden Fall weiterempfehlen.

Sarah Pritchard-Smith (14) ist eine der 15 Kinder und Jugendlichen, die in Ausblick nach oben auf der Bühne des Volx/Margareten stehen und schreibt hier in unregelmäßigen Abständen über Stücke am Volkstheater.

Das Format Sichtweisen wird ab sofort in unregelmäßigen Abständen erscheinen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.