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Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Natascha Ewert findet, "Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen" schafft es, den Blick auf das Wesentliche im Leben zu richten.

„Und hoch schwebte sie empor!” Mit diesem Satz verbinden die Zuschauer etwas Positives, etwas Festliches. Doch wer ist das Mädchen mit den Schwefelhölzchen? War ich die einzige im Publikum, die sich lange mit dieser Frage beschäftigte und erst nach einer Weile eine Antwort auf diese Frage bekam? Zuerst dachte ich, es wäre Nadine Quittner, die Frau im Barockkleid, die französische Chansons vor sich hin sang. Das Bühnenbild bildet eine interessante Atmosphäre. Ein bisschen makaber ist es schon. Ein großer schwarzer Kasten steht im Hintergrund und links befinden sich die Musiker. „Corpus Mortale“ kann man an einem Kasten lesen. Plötzlich tauchen viele Kinder auf der Bühne auf und ich bin ein bisschen verwirrt.

Erst als  jemand von den älteren Schauspieler/innen anfing, das Märchen zu erzählen, wurde mir klar, dass das Mädchen mit den dunklen Haaren die Hauptfigur ist: Valerie Kosits. Aber die Regisseurin Salome Schneebeli hat uns von Anfang an ausgetrickst. Es musste nicht unbedingt dieses Mädchen sein, denn ein anderes Mädchen mit blonden Haaren konnte genausogut Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen sein. Es könnte auch ein Junge sein. Denn das Stück ging auf zwei Themen ein, die viele Jungen und Mädchen auf der Welt ansprechen: Armut und Gewalt. Viele vergessen, dass in zahlreichen Ländern Kinder an Hungersnot sterben und Gewalt Alltag bei ihnen ist. Andersens Märchen ist zeitlos und zugleich aktuell wie nie. Wie überleben Kinder Armut? Wie gehen sie mit Gewalt und Ausgrenzung um? Am Ende stirbt das kleine Mädchen und Andersen ist bekannt für seine tragischen Geschichten, die uns dadurch zum Nachdenken anregen.

Es ist ein Stück für und über Kinder, Hunger, Tod, Leben und Hoffnung. Wir erfahren sehr viel über die Ängste und Träume der Kinder. Die jungen Schauspieler/innen wurden aufgefordert, ihre eigenen Wünsche auszusprechen. Was würden sie schenken? „Ich würde Freude schenken.”, sagt ein Junge. Der Nächste antwortet: „Ich würde Liebe schenken.” „Ich würde ein Glas voller toller Momente schenken!” Es könnte stundenlang so weitergehen, denn den Kindern gelingt es, dem Publikum den Blick auf das Wesentliche im Leben zu richten: ein Dach über dem Kopf, eine Familie, Liebe, Freundschaften, Hobbys, Erlebnisse und all die kleinen Dinge, die das Leben wertvoll machen, doch die wir als selbstverständlich annehmen.

Das Mädchen stirbt zuletzt, als sie das letzte Schwefelhölzchen anzündet. Sie sieht ihre freundliche und großmütige Großmutter, die einen Funken Hoffnung in ihr trauriges Leben bringt. Niemand wird Zeuge dieses kostbaren Momentes. Ihr Tod ist von größerer Bedeutung als ihr letzter Silvesterabend im Leben. Alle sagen: „Wenn ein Stern fällt, steigt eine Seele zu Gott empor.” Stimmt das?

 

Natascha Ewert ist 24 Jahre alt, Halb-Luxemburgerin und Halb-Philippinerin und in Luxemburg aufgewachsen. Im Moment studiert sie als Erasmus-Studentin Englische Literatur in Wien, danach kehrt sie zurück nach Aberdeen, um ihr Studium zu beenden.