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Die drei Volkstheater-Ensemble-Mitglieder Nadine Quittner, Christoph Rothenbuchner und Luka Vlatkovic arbeiten seit Juni gemeinsam mit der Schweizer Choreografin Salome Schneebeli, der finnischen Medienkünstlerin Heta Multanen sowie acht Kindern und dem Jungen Volkstheater an einer Stückentwicklung zu Hans Christian Andersens Märchen "Das kleine Mädchen mit dem Schwefelhölzern", die am 10. November im Volx/Margareten Premiere hat. Mit Dramaturgin Angela Heide sprechen sie über ihre erste Begegnung mit dem Märchen, den komplexen choreografisch-musikalischen Arbeitsprozess und ihre Begeisterung für die Arbeit mit Kindern.

Angela Heide: Mit Hans Christians Andersens 1845 entstandenem Märchen Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern (Den lille Pige med Svovlstikkerne) widmet ihr euch einem der bekanntesten Märchen des dänischen Autors, einem Märchen, das mit dem Tod des Kindes endet und nicht nur für Kinder zahlreiche existenzielle Fragen etwa über Gerechtigkeit, Kinderarbeit, Armut, familiäre Brutalität und vieles mehr aufwirft. Hattet ihr eine bestimmte Erwartung an die Art, wie man auf der Bühne mit dieser Geschichte umgehen kann?

Nadine Quittner: Meine Erwartung war, dass wir das Märchen erzählen, d. h. dass wir es auf der Bühne spielen.

Luka Vlatkovic: Mit tänzerischen Mitteln, aber doch die Geschichte des Märchens.

Nadine Quittner: Wir haben eigentlich eine ganz klassische Geschichte für die Bühne erwartet, keine thematisch orientierte Arbeit. Natürlich war uns klar, dass wir die Geschichte mit den Kindern anders erzählen würden und dass es eine stark choreografische Arbeit sein würde, aber eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass wir in der Zeit bleiben und das Märchen eben … erzählen. Insofern waren wir dann zuerst verwirrt und ‒ positiv überrascht! Ich hatte ganz vergessen, wie viele Themen in diesem Märchen enthalten sind! Das ist uns allen erst bewusst geworden, als wir das Märchen quasi gemeinsam seziert haben. Das hätte ich nicht gedacht, dass es doch so viele Stunden brauchen würde, um all diese Aspekte im Detail herauszuarbeiten und einen aktiven Umgang mit dieser Geschichte zu ermöglichen.

Angela Heide: Wird das Märchen dennoch an diesem Abend für das Publikum erzählt?

Christoph Rothenbuchner: Ja. Das Märchen kennt nicht jeder und daher finde ich es sehr wichtig, dass man es an einer Stelle des Abends auch erzählt bekommt. Ich selbst kannte das Märchen nicht und habe es erst gelesen, als ich von der Produktion erfuhr. Ich frage mich immer noch, ob man so ein Märchen zum Einschlafen vorliest … ich weiß es nicht.

Luka Vlatkovic: Ich habe das Märchen zum ersten Mal in der Volksschule gehört. Damals musste meine Lehrerin beim Lesen unterbrechen, weil es sie so berührt hat, dass sie nicht weiterlesen konnte. Und ein Kind musste das Märchen fertiglesen. Ich hatte es auch als ultratrauriges Märchen im Kopf und war gespannt, wie wir das mit Kindern umsetzen würden – das Mystische und die Düsternis, die die Inszenierung durch Salome und Heta auch bekommt, das war für mich neu an dem Märchen und ist durch die Arbeit daran erst deutlich geworden.

Nadine Quittner: Das ist auch der so mutige Schritt von Salome, dass wir von Beginn an sehr thematisch zu dem Märchen gearbeitet haben.

Angela Heide: Nadine und Luka, ist es das erste Mal, dass ihr bei dieser Produktion mit einer Choreografin arbeitet?

Luka Vlatkovic: In dieser Form ja, obwohl ich schon in der Schule Tanzunterricht gehabt habe.

Nadine Quittner: Für mich ist es ebenfalls das erste Mal. Ich persönlich hatte bislang keinen Kontakt zu Tanztheater, Pina Bausch war für mich ein Name, aber das war es auch schon. Ich habe bisher nur wenig Tanztheater gesehen und bin überrascht, wie stark es doch auch um das Geschichtenerzählen geht. Es hat, ähnlich wie beim Schauspiel, mit einer inhaltlichen Ebene und einem Übersetzen-Wollen dieser Ebene durch den Körper zu tun. Dass man den Körper eben sprechen lässt. Es ist eine extrem strukturierte und zugleich intime Arbeit.

Angela Heide: Wie seid ihr an diese neue Herausforderung herangegangen?

Nadine Quittner: Salome hat mir von Anfang an die Angst genommen, nicht tanzen zu können, da es darum geht, etwas mit unseren Mitteln zu übersetzen und mitzuteilen. Ich finde es schön, dass ich hier als Schauspieler/in auch den Körper als Mittel des Erzählens einsetzen kann.

Luka Vlatkovic: Wir sind sehr schnell auf eine Gefühlsebene gekommen, die ich auch von der Musik her kenne; eine Ebene, die es beim Schauspiel natürlich auch gibt, die man aber viel seltener erreicht. Was wir zum Beispiel bei einer der letzten Proben zwischen Christoph und mir bemerkt haben: dass es eine nicht abgesprochene Verbindung gibt, indem wir zu einer bestimmen Choreografie ein Thema haben, und durch die Arbeitsweise das Gefühl bekommen, den Körper einfach „machen lassen“ zu können. Den Körper in ein bestimmtes Stadium versetzen zu können, kannte ich bislang nur durch meine musikalische Arbeit, und daher freut es mich ganz besonders, dass ich diese Ebene auch im Tanz kennenlernen kann.

Angela Heide: Christoph, du hast bereits in Graz in der Spielzeit 2013/14 bei der Produktion Cabaret (Regie: Ingo Berk) mit Salome Schneebli als Choreografin gearbeitet. Gibt es Unterschiede zwischen der damaligen Arbeit und der aktuellen?

Christoph Rothenbuchner: Die Choreografie damals war vielleicht genauer, vielleicht unfreier, aber bereits bei Cabaret war es so, dass man Salome Dinge anbieten konnte, die sie angenommen hat und die man dann quasi konzentriert und poliert hat. Was bei beiden Produktionen der Fall ist: dass Salome das gefundene beziehungsweise improvisierend entwickelte Material wiederholbar macht. Es gab aber in Graz im Gegensatz zur Arbeit am Mädchen mit dem Schwefelhölzchen keine derart freie Choreografie.

Angela Heide: Das Mädchen mit dem Schwefelhölzchen ist eine choreografische Stückentwicklung, bei der die acht beteiligten Kinder von Anfang an mit eingebunden waren. Könnt ihr den Arbeitsprozess seit Juni dieses Jahres für euch persönlich beschreiben?

Nadine Quittner: Es ist ein großes Privileg, mit diesem Märchen und dessen Themen so umgehen zu können. Andersen ist so düster, dass ich das unglaublich finde. Wenn ich daran denke, dass man Kindern dieses Märchen vorliest und sie dann nach Hause schickt, ohne darüber zu sprechen ‒ das ist es sicherlich, was mich am meisten an der Arbeit beeindruckt, dass wir auf ganz neue Lesarten kommen und das mit den Kindern gemeinsam.

Christoph Rothenbuchner: Was ich da so toll finde: Die im Märchen vorhandenen Themen, darunter etwa häusliche Gewalt, Kinderarbeit und eben auch Tod, in dieser Stimmung und mit dieser Haltung zu verhandeln, das bedeutet für mich eine enorme Arbeit für die Kinder und hat zugleich so eine enorme Kraft und Stärke.

Luka Vlatkovic: Ich war gleich am Anfang komplett verblüfft, wie erwachsen und reflektiert die Kinder über so existenzielle Dinge wie Tod, Armut oder Flüchtlinge geredet haben. Ein Teil der in diesem Prozess geführten Gespräche mit den Kindern ist ja nun auch in den Stücktext eingeflossen. Das hätte ich nicht erwartet, dass wir gemeinsam über einen so langen Prozess hinweg über derart ernste, oft auch krasse Themen sprechen werden können und dass die Kinder mit einem derart großen Interesse daran teilnehmen, forschen, sich austauschen, Diskussionen entstehen. Und es ist ja auch sehr persönlich: Wir haben unsere eigenen Namen im Stück. Für mich war das am Anfang schon fraglich, ob das richtig ist, aber die Kinder haben das mit einer Souveränität aufgenommen und sich geöffnet, die uns begeistert hat.

Angela Heide: Ihr habt bei dieser Produktion einen hohen Grad an Verantwortung, die auch im Stück selbst deutlich sichtbar wird.

Christoph Rothenbuchner: Ja. Was für mich spannend zu beobachten war und ist, ist, dass unsere Funktion als erwachsene Schauspieler/innen von Anfang an immer wieder switcht: Wir haben das Stück gemeinsam mit den acht Kindern entwickelt und stehen auch gemeinsam mit ihnen auf der Bühne, aber wir sind dann doch auch die Tutor/innen, die Erwachsenen … dann wieder gleichberechtigte Partner/innen. Aber auch wenn wir auf der Bühne gleichberechtigte Darsteller/innen sind, so ist es doch ein Unterschied, ob ein Kind auf mich stürzt oder ich auf ein Kind. Dieser Verantwortung bin ich mir ebenso bewusst wie jener, wenn wir dann wirklich die Vorstellungen haben und manche Kinder zum Beispiel auch sehr nervös sein werden; ich denke, dass wir auch dann eine hohe Verantwortung haben werden, die Kinder durch jeden Abend zu begleiten.

Nadine Quittner: Für mich macht das alles absolut Sinn, dieser sehr gehaltvolle Prozess, der extrem viele filigrane Momente enthält und uns zugleich höchstmögliche Freiheit und Konzentration abfordert. Wir übernehmen alle Funktionen im Stück, die wir aber auch ebenso rasch wieder abgeben können, wir sind alle das Streichholz und die Großmutter, die im Märchen zugleich Geborgenheit und Tod bedeutet … es ist alles überaus ambivalent und bleibt in dieser Ambivalenz auch sichtbar. Wir sind ja in den einzelnen Momenten sehr konkret, nur wechseln diese Situationen eben sehr schnell. Ja, wir sind in Momenten im Stück die Tutor/innen der Kinder, die diese ins Licht führen können, aber wir sind an anderer Stelle auch extrem brutal und grausam. Und damit erzählen wir eben auch sehr deutlich, was Eltern, was Geborgenheit, was Liebe, was Brutalität und Gewalt gegen Kinder bedeuten können.

Luka Vlatkovic: Ich persönliche versuche im Probenprozess nicht, der Erwachsene zu sein, der den Kindern erklärt, wie man etwas macht, sondern mich auf ihre Ebene einzulassen; und was die Kinder von sich aus anbieten, ist einfach unbeschreiblich und beeindruckend.

Angela Heide: Wir habt ihr die lange Probenzeit und die unterschiedlichen Probenblöcke empfunden?

Nadine Quittner: Was ganz toll war, ist, dass wir bereits bei den Vorsprechen im Juni dabei sein konnten. Wir konnten schon von diesem Moment an ganz nah bei den Kindern sein. So wie die Arbeit jetzt ist, fing sie auch an. Eine sehr offene und zugleich hoch konzentrierte Arbeit.

Christoph Rothenbuchner: Für mich war eine interessante Phase die Probenzeit im August, da wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau wussten, was unsere Aufgaben als erwachsene Schauspieler/innen sein werden. Das hat sich in dieser letzten Arbeitsphase aber geklärt, in dem wir sehr konkret auf die Impulse der Kinder reagieren, aber auch an bestimmten Stellen verstärkt eingreifen, etwa auf der Textebene. Das heißt, wir sind als Schauspieler/innen auf dem Stand von Salome und können auch vermehrt Verantwortung übernehmen.

Nadine Quittner: Für mich ist es eine Produktion, bei der man ständig Neues entdeckt. Das hat natürlich mit der sehr speziellen choreografischen Arbeitsweise zu tun, bei der ich oft nicht auf den ersten Blick verstehe, warum eine Bewegung da oder dort durch ein Kind passiert oder notwendig ist. Ich will das dann verstehen ‒ und es dauert oft seine Zeit, bis ich diesen Weg auch gegangen bin.

Luka Vlatkovic: Ich dachte zuerst eigentlich, dass ich nur als Musiker bei diesem Projekt involviert sein werde, umso mehr hat es mich gefreut, dass ich nun auch als Spieler an der Seite meiner Kolleg/innen auf der Bühne sein darf.

Angela Heide: Wie würdet ihr die Arbeit mit Salome Schneebeli für euch persönlich beschreiben?

Nadine Quittner: Salome arbeitet extrem respektvoll und liebenswert. Gewisse Grundsituationen, etwa, dass jeder Mensch nach Liebe sucht oder nach Geborgenheit, muss man nicht extra aufrufen; auch die Umarmungen kommen einfach von uns aus, die muss man nicht „proben“. Diese Grundnähe, die von Anfang an zwischen uns allen vorhanden war, ist natürlich eine extrem starke Basis, auf der wir sofort aufbauen konnten und die stark von Salome getragen wurde und wird. Salome schaut sehr bewusst mit, fühlt mit und lässt sich vor allem nicht beirren. Sie hat das einmal beschrieben als lauter Perlen, die wir sammeln und die wir dann zu einer wunderbaren Kette, der Produktion, zusammenführen.

Luka Vlatkovic: Ein gutes Beispiel sind für mich die beiden Duette, die wir haben. Salome wusste schon zu einem frühen Zeitpunkt, dass sie diese beiden Duette haben möchte, und so haben wir schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt darüber zu sprechen begonnen, wer wir in dieser konkreten Choreografie sind und wie wir uns zueinander verhalten. Und dann: tanzen, improvisieren, tanzen, tanzen, wieder darüber reden, aufnehmen, anschauen … und erst nach dem Sommer hat Salome diese beiden Duette da eingesetzt, wo sie in der dramaturgischen Struktur des Abends hingehören. Ein anderes Beispiel ist die Musik selbst: Das gesamte musikalische Material kommt von Salome. Meine Aufgabe ist es zu schauen, wie wir die Musik bearbeiten, über die Gefühle, die die Songs ausdrücken, mit den Kindern zu reden, die Lieder zu adaptieren. Aber auch hier kommt so viel von den Kindern! Allein das Lied von Valerie hat sie selbst ja zum Vorsprechen mitgebracht. Es ist eine wunderbare Arbeit: Mit Musik zu proben, ist für mich das Schönste. Man driftet in Welten, die einfach wunderschön sind.

Christoph Rothenbuchner: Eigentlich hatte ich gar keine konkrete Erwartung an dieses Projekt, doch jetzt, knapp zwei Wochen vor der Premiere, merken wir erst, wie viel Arbeit in dieser Inszenierung steckt: Am Anfang stand im Grunde nur der Wunsch, sich mit diesem Märchen zu befassen. Wir haben auch erst im Prozess der Entwicklung die Themen herausgearbeitet, die uns an diesem Märchen interessieren. Und so hat jede und jeder von uns, auch jede Abteilung, ihren Teil beigetragen, um diesen Abend so zu erzählen, wie wir ihn nun erzählen. Ob das die choreografische Ebene ist, die Textebene, Video, Musik, Kostüm, ob es die Arbeit mit den Kindern ist, um sie auf diesem hohen Niveau bühnenreif zu machen ‒ das war von Anfang an so viel Arbeit, und dennoch kam es mir zu Beginn gar nicht so vor.

Luka Vlatkovic: Jede und jeder bringt sich hier ein, und jeder und jede bringt eine Qualität mit, die aus dem Stück das macht, was es ist.