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In Ingo Berks Inszenierung von David Lindsay-Abaires „Mittelschichtblues“ spielen Claudia Sabitzer und Nancy Mensah-Offei zwei sehr unterschiedliche Frauen: die in prekären Verhältnissen lebende alleinversorgende Mutter Margaret – und die reiche Ehefrau und Mutter Kate. Im Interview sprechen die beiden über die Mittelschicht, Peinlichkeiten und ungleiche Bezahlung. Am 30. September ist Premiere.

Andrea Heinz: Mittelschichtblues handelt von einer leider gar nicht so untypischen Frauenbiografie: Eine alleinversorgende Mutter einer behinderten Tochter, die – schlecht ausgebildet, wie sie ist – nach dem Verlust ihres Jobs im 1-Dollar-Shop keine neue Stelle mehr findet. Ein sehr reales Szenario, das es nicht nur in den USA, sondern auch bei uns viel zu oft gibt. War diese Realität auch Thema bei euch im Probenprozess?

Claudia Sabitzer: Wir haben uns damit sehr intensiv auseinandergesetzt und auch unsere eigenen Erfahrungen mit eingebracht. Es fing schon mal damit an, dass wir uns gefragt haben: Was ist eigentlich „die Mittelschicht“? Im Original heißt das Stück ja Good People.

Nancy Mensah-Offei: Bei uns in Europa bedeutet Mittelschicht auch einfach etwas ganz anderes, als in Amerika.

Claudia Sabitzer: Absolut. Dazu kommt noch, dass es in der englischen Ausgabe gar nicht „Mittelschicht“ heißt, sondern „lace-curtain irish“, also: Spitzengardinen-Iren. Das ist ein Schimpfwort, ein ganz, ganz übles Schimpfwort! Wenn man bei uns jemanden mittelschichtet, das heißt gar nichts. Wir haben lange diskutiert und überlegt, was wir verwenden könnten. Was heißt „lace-curtain irish“, was bedeutet das bei uns? Bei uns wäre es wahrscheinlich „Hipster“ oder „Bobo“, und das hätte wiederum so gar nicht zur Margaret, zu diesem Setting gepasst. Schließlich sind wir auf das Wort „neureich“ gestoßen. Mit dieser Änderung haben wir versucht, das auf hiesige Verhältnisse umzulegen.

Nancy Mensah-Offei: Auch über Kate und ihr Umfeld haben wir viel diskutiert. Das ist eine Welt, die niemand von uns kannte. Auch im amerikanischen Kontext wissen wahrscheinlich die wenigsten, wie es ist, so behütet und in finanzieller Sicherheit aufzuwachsen – in Amerika muss man ja wirklich für alles bezahlen, es gibt null Unterstützung. Diese Kate aber ist aufgewachsen in dem Gefühl, dass alles schon da ist. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung, ich kenne das aus meiner Kindheit und Jugend gar nicht. Ich musste das erst mal für mich übersetzen: Wie spielt man das, welche Gesten sind das, in welchen Kleinigkeiten äußert sich das? Ich wusste ja nicht einmal, wie ich das Weinglas halten soll. Natürlich habe ich mich auch gefragt, was es bedeutet, als schwarze Person in diesem Umfeld aufzuwachsen. Und dann die Umkehrung, wenn Margaret auftaucht …

Claudia Sabitzer: Die diese Codes der Reichen nicht kennt, die schon allein von der Körpersprache her aus dem Bild fällt und gar nicht weiß, wie man sich in einem solchen Umfeld zu verhalten hat.

Nancy Mensah-Offei: Und die, wenn sie an reiche Amerikaner/innen denkt, ganz sicher nicht an schwarze Amerikaner/innen denkt – das wäre auch nicht mein erster Gedanke gewesen, dass diese reiche Ehefrau schwarz ist. Ausgehend von gedanklichen Zuschreibungen, die ja durchaus einen realen Hintergrund haben, hätte Kate theoretisch so aufwachsen müssen, wie Margaret aufgewachsen ist – und sollte eigentlich Margaret das Leben führen, das nun Kate führt.

Welche privaten Erfahrungen habt ihr noch eingebracht?

Claudia Sabitzer: Da war zum Beispiel die Sache mit dem Käse. Ich komme aus der Schweiz, wir essen viel Käse. Aber ich kenne das auch selber, dass man wo eingeladen ist, und man hat keine Ahnung, was man da vorgesetzt bekommt – wie isst man das? Und man möchte sich ja auch nicht die Blöße geben zu fragen… Natürlich erinnert man sich da an solche Momente.

Nancy Mensah-Offei: Margaret konnte ich bei solchen Szenen gut verstehen – aber Kate habe ich einfach nicht begriffen. Gefühlt habe ich mich eher wie Margaret, Kate war für mich ein einziges Fragezeichen. Das habe ich mir mit Hilfe der Kolleg/innen erarbeitet.

Claudia Sabitzer: Es gibt ja auch einen ganz unterschiedlichen Umgang mit dem Thema Geld: Diese kleine, peinliche Situation mit Mike, wenn Margaret sagt „Boah, du bist reich, cool hey …“ und er würgt nur irgendeinen Laut heraus, weil es ihm so unangenehm ist. Weil: Das macht man nicht, über Geld reden.

Nancy Mensah-Offei: Margaret ist eigentlich da, weil sie einen Job will. Aber auch darüber redet man nicht, die Reaktion ist eher: „Oh Gott, was soll das, Hilfe! Die will was von mir!“

Claudia Sabitzer: Natürlich ist das eine ganz andere Welt. Aber es macht auch Spaß, zu versuchen, das zu verstehen und umzusetzen.

Habt ihr auch darüber gesprochen, wie man diese Ungleichheit in der Gesellschaft bekämpfen kann?

Nancy Mensah-Offei: Es gibt da auf jeden Fall noch viel zu tun, gerade auch, was die Geschlechtergerechtigkeit betrifft. Ich denke speziell an berufstätige Mütter – so wie Margaret eine ist. Ich denke an Gratiskindergärten in Firmen, nur als Beispiel …

Claudia Sabitzer: Es fängt schon an mit der Bezahlung– Frauen verdienen immer noch wesentlich weniger als Männer, das ist absurd. Fight for it! Mich irritiert bei jüngeren Frauen, dass sie ganz viele Errungenschaften, die von Frauen für Frauen mühsam erkämpft wurden, als selbstverständlich nehmen. Da stellt es mir immer die Nackenhaare auf und ich denke: „Freundinnen, das ist ganz schnell wieder weg. Nur, weil es für euch gerade ganz bequem ist, gibt es trotzdem viele, die auf diese Errungenschaften angewiesen sind!“ Ich finde, bei so etwas kann man nicht sagen: „Is‘ ma wurscht.“ Man muss wählen gehen, sich informieren – es gibt ja auch frauenfreundlichere und frauenfeindlichere Parteien, das ist eine Entscheidung!

Nancy Mensah-Offei: Meine Generation musste in dem Sinne tatsächlich für nichts mehr kämpfen, wir mussten kein Wahlrecht mehr erkämpfen, nicht mehr dagegen kämpfen, dass der Mann entscheidet, ob ich arbeiten gehen darf …

Claudia Sabitzer: … oder ob du dir eine Waschmaschine kaufen darfst.

Nancy Mensah-Offei: Klar, das nehmen wir heute als gegeben. Aber ich kenne zum Glück doch viele Frauen in meinem Umfeld, die sich sehr wohl mit dem Thema beschäftigen und erkennen, dass Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist. Natürlich gibt es immer noch krassere Fälle, in Ländern, wo jede zweite Frau sagt: Ja, klar, ich bin schon vergewaltigt worden. Aber wir sind hier und wir haben unsere speziellen Probleme hier. Ich habe den Wunsch, irgendwann Kinder zu kriegen, aber ich frage mich: Wie? Muss ich dann einen reichen Mann heiraten, der mich unterstützt? Oder schaffe ich das alleine, durch meinen Beruf? I don’t think so. Da wird man schon wütend.

Claudia Sabitzer: Dass auch die Frau für das Familieneinkommen sorgen kann, ist in die Köpfe noch nicht hineingegangen. Es ist doch klar, dass der- oder diejenige, der oder die weniger verdient, zuhause bleibt und dem oder der anderen den Rücken freihält. Solange das staatliche Betreuungssystem nicht ausreicht, muss jemand zuhause sein. Dafür, dass ich als Frau in meinem Beruf dann aber trotzdem wahrscheinlich weniger verdiene als ein Mann, dafür habe ich wirklich null Verständnis. Ich stehe meinen Mann, seit Jahr und Tag. Bei Margaret ist das ja nochmal verschärft – die steht alles! Und dann ist sie auch noch auf irgendwelche dubiosen Nachbar/innen angewiesen, die vielleicht kommen, vielleicht auch nicht … Aber nichtsdestotrotz hat sie immer noch diesen unerschütterlichen Glauben, dass es gut werden kann, dass irgendwie immer irgendwas geht. Das beeindruckt mich.

Mittelschichtblues hat am 30 September Premiere im Volx/Margareten und geht danach auf Tour durch die Bezirke-Spielstätten.