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Ab dem 18. März ist der Max Reinhardt-Student Luka Vlatkovic am Volkstheater in Victor Bodos Inszenierung von Anton Tschechows "Iwanow" zu sehen. Mit Andrea Heinz sprach er über den Versuch, seine Leidenschaften für Musik und Theater zu verbinden und darüber, warum das Thema der Müdigkeit in "Iwanow" auch heute noch relevant ist.

Andrea Heinz: Du bist ein Musikerkind, dein Vater Radovan Vlatković ist ein erfolgreicher Hornist. War für Dich immer schon klar, dass Du Schauspieler werden, also einen anderen künstlerischen Weg einschlagen möchtest?

Luka Vlatkovic: In das professionelle Theaterleben bin ich eher hinein gestolpert. Durch den Beruf meines Vaters hatte ich als Kind sehr viel mit Musik zu tun, bin mit ihm herumgereist und habe sein Musikerleben erlebt. Meine älteste Erinnerung ist der Klang des Hornes, wenn er sich einspielt. Bei mir stand Musik immer im Vordergrund, ich habe Klavier und Gitarre gespielt, mir ein Schlagzeug zugelegt. Theater habe ich eher nebenbei gemacht. Es war Freifach in der Schule und ich habe es einfach genossen, auf der Bühne zu stehen. Ich war ein sehr zurückgezogener Mensch. Auf der Bühne konnte ich die Facetten zeigen, die im Leben zu kurz kamen. Nach dem Zivildienst hat es sich einfach so ergeben. Es war zu diesem Zeitpunkt die letzte Möglichkeit, sich am Reinhardt Seminar zu bewerben, ohne ein Jahr warten zu müssen. Für mich war Schauspielen nie der “große Traum”. Deswegen habe ich die Bewerbung auch eher locker genommen.

Du bist jetzt im vierten Jahr, spielst neben der Schule unter anderem am Volkstheater. Wie lässt sich das mit deiner Leidenschaft für die Musik verbinden?

Ich habe mittlerweile wieder eine Band und merke, dass es sehr schwer ist, beide Sachen zusammenzubringen. Vor allem, wenn man es richtig gut und nicht nur so nebenbei machen will. Bei einer Produktion am Seminar habe ich die musikalische Leitung übernommen, bei unserem Intendant/innenvorsprechen für die Musikuntermalung gesorgt … Irgendwie findet man immer eine Lösung für das Problem und jetzt gerade merke ich: Es lässt sich doch alles “zusammenbinden”. Ich hoffe, dass mir das auf Dauer gelingt. Ich will kein Fachidiot sein. Ich mache wahnsinnig gerne Theater, aber ich will nicht nur Theater spielen. Musik zu machen, das ist ein viel ehrlicherer Umgang auf der Bühne. Vor allem, wenn man die Songs selber schreibt. Mir fiel es immer schon leichter, mich mit Musik auszudrücken, als mit Worten.

Was ist es, das dich bei allen Zweifeln doch an deiner Berufswahl festhalten lässt?

“Warum will ich Schauspiel machen?” Das wurden wir auch im ersten Jahr am Max Reinhardt Seminar gefragt. Ich hatte keine Antwort parat. Es war einfach schon immer in meinem Kopf. Erst während des Studiums, mit den ersten Rollen wurde mir zunehmend klar: Diesen antiken Gedanken der Katharsis, den finde ich ziemlich schön. So kenne ich es aus meiner Familie, meinem Freundeskreis: Man spielt sich Musik vor, tauscht Gedanken aus und findet so zu neuen Einsichten. Dazu kommt natürlich dieses Frei-Sein auf der Bühne. Das Schauspielen gibt mir die Möglichkeit, alles, was ich gerne sein würde, auszuleben. Im Grunde ist es wie in einer Familie: Mit meinem großen Bruder habe ich viel gestritten, oft auf die Schnauze bekommen – aber ich habe immer zu ihm gehalten. So sehe ich das auch mit dem Schauspiel. Es gibt Momente, wo man nicht weiter kann, nicht weiter will – und dann kommt plötzlich ein Moment, und du weißt, warum du das alles machst.

Du hast von Austausch gesprochen, dem Moment der Katharsis. Hat Theater für Dich gesellschaftliche Bedeutung?

Je mehr ich mich damit beschäftige, desto klarer wird mir, wie wichtig Theater und auch Film sind. Theater kann Meinungen erklären oder hinterfragen, so dass Menschen daraus etwas für ihr Leben mitnehmen, Gespräche entstehen. Es ist nicht nur Unterhaltung, es hat wirklich Bedeutung, was wir machen – das begeistert mich immer wieder. Wenn man sich die Griechen anschaut, das ist doch faszinierend! Nachdem sie die Demokratie erfunden haben, war auch das Bedürfnis da, Geschichten zu erzählen und daraus zu lernen – oder auch nicht daraus zu lernen. Dieses Um-das-Lagerfeuer-sitzen-und-Geschichten-erzählen: Wenn ich mir das zum Beruf machen kann, dann habe ich gewonnen.

So gesehen hast Du schon gewonnen. Am 18. März hat am Volkstheater Anton Tschechows Iwanow in der Regie von Victor Bodo Premiere, Du spielst darin den Jegoruschka. Die Titelfigur ist ein Mann, der mit gerade 35 Jahren schon fertig ist mit der Welt. Dieses Thema der Müdigkeitsgesellschaft, ist das heute noch relevant?

Ich finde das sehr relevant. Ich hatte jetzt eine Zeitlang frei und habe davon eineinhalb Wochen im Bett verbracht. Ich bin so viel gelegen, dass mit der Rücken wehtat. Dann las ich dieses Stück. Die Thematik der Ernüchterung, des Burn-out, das viele als erfundene Krankheit abtun – mich interessiert das, weil ich das kenne. Man will etwas tun, aber es funktioniert nicht, man kann es nicht. Warum das so ist, gerade in der heutigen Zeit, darauf habe ich selber auch keine Antwort. Aber ich finde wichtig, das zu zeigen und auch zu zeigen, wie die Gesellschaft darauf reagiert. Zu fragen: Wie kann es passieren, dass ein Mensch, der eigentlich ein guter Mensch ist, dazu gebracht wird, seine todkranke Frau im Sterbebett liegen zu lassen und zu einer anderen zu laufen, nur weil er glaubt, es gäbe da noch ein anderes Leben?

 

Dieses Interview ist auch in der Mai-Ausgabe des Magazins der MDW Universität für Musik und darstellende Kunst Wien Kunsträume abgedruckt.