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Nach 37 Jahren kehrt der gebürtige Wiener Stefan Suske zurück in seine Heimatstadt – und findet sich an einem vertrauten und zugleich fremden Ort wieder. Hier erzählt er regelmäßig über seine Entdeckungen in einem Wien zwischen gestern und heute. Diesmal erlebt er im Café Engländer hautnah einen Mutter-Tochter-Konflikt.

Im Café Engländer sitzt eine alte Mutter mit ihrer Tochter. Zwischen ihnen steht der Rollator. Panisch bemüht sich die Tochter um Konversation; nervös stürzt sie den Wein wie Wasser  hinunter – dabei ist es erst 12 Uhr Mittag. Zwanghaft kommentiert sie alles, was um sie herum vorgeht.

“Iss, Mama!”, fleht sie die Mutter an. Und dann: “Gell, das ist ein schönes Lokal. Heute ist es richtig voll … oh, meinen Lieblingskellner gibt’s nicht mehr.” “Hat wahrscheinlich was angestellt”, pariert die Mutter mit vollem Mund. “Der war so ein Engel”, sagt die Tochter freundlich. “Hat sich ausgeengelt”, grummelt die Alte. “Ich weiß nicht, wo der abgeblieben ist”, meint die Tochter. “Iss Mama! Das Essen ist gut hier, gell! Aber auch wegen der Zeitungen kommen die Leute her, die kommen rein, nehmen sich eine …” – “… und gehen damit weg?”, unterbricht die Mutter empört. “Nein!”, antwortet die Tochter mittlerweile leicht gereizt. “Sie lesen sie, Mama!  – schmeckt dir der Fisch nicht? Ist doch sicher gut der Fisch. Schau, der Herr neben uns isst ein Beef Tatar. (Damit war ich gemeint.) Und  er hat einen Computer dabei. (Damit war mein iPad gemeint.) Jetzt iss doch, Mama, sonst schaut der Kellner noch bös. Wir wollen ihn doch nicht verärgern, gell? Und nach dem Kaffee gehen wir noch flanieren!” Die Mutter wirft einen skeptischen Blick auf den Rollator. “Du musst noch ein bissl Bewegung machen. Iss doch ein Stück von meiner Palatschinken … Schmeckt‘s dir nicht?”

“Wo nur der Kaffee bleibt?”, zischelt die Mutter plötzlich böse. “Du bist heute ein richtiger Stänkerant, Mama! Alles findest du schlecht. Die Palatschinken magst du nicht. Der Kaffee dauert dir zu lang …” Wie auf’s Stichwort serviert ein fremdländisch aussehender Kellner  den Kaffee. “Wo kommt denn dieser Kellner her?” “Der ist neu”, erklärt ihr die Tochter. “Ich glaub, er ist Mongole!” “Na sowas”, empört sich die Mutter. “Mongole!!!!!!”

Beharrlich versucht die Tochter, auch diese Bemerkung zu ignorieren: “Ich weiß nicht”, sagt sie,  “ich hab nur ein Glas Wein getrunken, aber ich fühl mich schon richtig berauscht.” Nach einer peinlichen Stille meldet sich wieder die Mutter: “Was trinkst du denn da eigentlich?” Jetzt  kann die Tochter nicht mehr an sich halten und brüllt, dass mir das Besteck aus der Hand fliegt: “Was wird’s denn sein, Mama, wenn’s rot is’? Rotwein!!”