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Am 28. März ist die von Yael Ronen und ihrem Ensemble entwickelte Produktion "Niemandsland" zum letzten Mal zu erleben. Julia Rochlitzer hat den Abend bereits gesehen und findet: Die Inszenierung tritt ein für kollektives Erinnern – ein schöner Ansatz!

In Niemandsland, welches von der israelischen Regisseurin Yael Ronen und dem achtköpfigen Ensemble entwickelt wurde, begegnet den Zuschauer/innen die wahre Geschichte des israelisch-palästinensischen Paares Jasmin Avissar und Osama Zatar (gespielt von den beiden selbst).

Ausgehend von der Geschichte ihrer Liebe erfährt man die Aussichtslosigkeit, die sowohl in Palästina als auch in Israel herrscht und von dem weiten Weg, den sie gehen mussten, um gemeinsam leben zu können. Der rote Faden zieht sich weiter zu Azra (herausragend: Birgit Stöger), die damals vor dem Krieg in Bosnien nach Österreich fliehen konnte. Sie plagen nun die Schatten einer bisher verdrängten Vergangenheit. Diese wird gleich zu Beginn der Inszenierung mit einem Tanz (Choreographie: Avissar) angedeutet, in dem eine junge Frau (Seyneb Saleh) von fünf Männern hingelegt, wieder aufgehoben, herumgereicht wird, bis sie als „Baby“ Azra überreicht wird, die sie widerwillig in die Arme nimmt.

„Kluge Menschen laufen weg vor Krieg. Und Du sagst Lejla, sie soll hingehen?“, fragt Azra Jörg (Knut Berger), den Dozenten, der ihre Tochter Lejla (die spielfreudige Seyneb Saleh) an der Uni unterrichtet und sie für ein Palästina-Programm vorgeschlagen hat. Die Anspannung, die Azra ausstrahlt, überträgt sich auf den Zuschauer. Zeitweise ist sie handlungs-, bewegungs-, entscheidungsunfähig. Sie „will nicht duschen“, sagt sie, und wird von ihrer Tochter dazu gezwungen, sich wenigstens die Hände zu waschen. „Ich kann mich nicht bewegen“, sagt Azra später, als Jörg sich in Lejlas Auftrag um sie kümmert, „ich kann nicht atmen“. Auch wenn Azras Anspannung sich auf den Zuschauer überträgt, bleiben die Ursachen dafür überraschend wenig greifbar.

Da ist es erleichternd, dass die aufgestaute Anspannung durch die unfreiwilligen Pointen des (mit Julius Feldmeier brillant besetzten) Menschenrechtsanwalt Lukas Nachmann zeitweise gelöst wird. Dieses latent selbstverliebte Individuum erweist sich als guter Ratgeber für Jasmin (die Osama nach Österreich bringen will), scheint jedoch gedanklich nie wirklich bei seinen Klient/innen, sondern immer schon beim nächsten Interview oder Zahnkorrekturtermin zu sein. Auch hat er eine syrische Bloggerin, die er bekannt gemacht und in deren Namen er eine Stiftung gegründet hat, am Ende nur erfunden – und der Presse ein Bild von Jasmin gegeben. Dass Kriegsreporter Fabian (herrlich zerrissen gespielt von Jan Thümer) dies gemeinsam mit Osama aufdeckt und ihn in einem öffentlichen Interview damit konfrontiert, mag der Grund für seinen Zusammenbruch sein.

Auch Fabian hält dem Druck seines Berufes schon lange nicht mehr stand: Als er eine Rede zu Ehren der erfundenen Bloggerin Amina halten soll, betrinkt er sich und muss sich übergeben – ein Zeichen seines Überdrusses. Seine Beziehung zu Lejla, die er in Palästina besucht, ist unangenehm zu beobachten: Wer unterdrückt beziehungsweise klammert sich hier an wen? Sie habe einen „sehr komplexen Vaterkomplex“ sagt Lejla, die ohne Vater aufgewachsen ist. Vielleicht eine Spätfolge des Bosnien-Krieges – womöglich auch ein Fall für den Therapeuten.

Jedoch: den fragt in Niemandsland niemand. Vielleicht täte auch Miloš (Sebastian Klein) gut daran, einen solchen aufzusuchen: Nachdem er in einer Bühnenshow die Erinnerungen eines Soldaten im Bosnienkrieg rezitiert, der eine Frau vergewaltigte und anschließend ermordete, wird sein Vater genau solcher Kriegsverbrechen angeklagt. „Ob ich das wohl auch in mir trage?“, fragt er verzweifelt Lejla am Telefon. Die Fiktion der Bühne ist für ihn zur Realität geworden. Umgekehrt ist es für Azra: In ihren Träumen tauchen die Peiniger wieder auf. Die zweite Tanzchoreographie zeigt stärker als die erste ein kaum tragbares Ausgeliefertsein: Auch wenn der Albtraum schon lange keine Realität mehr ist, besteht er fort.

Birgit Stöger © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Birgit Stöger © www.lupispuma.com / Schauspielhaus Graz

Das Bühnenbild (Bühne und Kostüme: Fatima Sonntag) erinnert an Spieltürme auf Spielplätzen – so sitzen einzelne Schauspieler/innen in zwei Metern Höhe, klettern das Gerüst herauf oder gleiten an einer Stange hinunter. Oft treten Ensemblemitglieder auf und bereiten ihre Szene vor, bevor die vorige beendet ist. Das lässt die Zuschauer/innen sich innerlich darauf vorbereiten, den „Schauplatz“ bald verlassen zu müssen, und macht ihnen bewusst, dass alles gleichzeitig passiert. Zudem wird der Schauplatz bei Beginn der Szene als Übertitel angezeigt (z.B. „Belgrad“ oder „Theater im Keller, Wien“). Dies ist, und mehr noch die Videoinstallation beim Streitgespräch zwischen Lukas Nachmann und Fabian Feldkirch, abkömmlich: Beides raubt den Fokus und hätte ohne die Technik subtiler inszeniert werden können. Hingegen funktioniert der Fokus auf die jeweiligen Schauplätze im Bühnenbild sehr gut. Als die Schauspieler/innen sich vor enzianblauem Hintergrund bewegen, denke ich an Kälte, Nacht und bürokratische Hindernisse. Der weiße Hintergrund zum Schluss (und, für Jasmin und Osama, das „Happy End“) dieser Inszenierung erinnert an nebelige Ungewissheit, Unschuld und Neuanfang. Diesen hat es für das glückliche Paar in Wien gegeben und das lässt einen erleichtert aufatmen und zugleich an all jene denken, die sich im Krieg oder auf der Flucht befinden. Und die, die es schon in ein sicheres Land geschafft haben, doch deren Weltvertrauen eingestürzt ist.

Yael Ronens Inszenierung tritt für ein kollektives Erinnern ein, welches der Gesellschaft die Möglichkeit gibt, aus den Erfahrungen der Geflüchteten zu lernen und daran zu wachsen, statt diese zu tabuisieren. Ein schöner Ansatz.