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Am 12. Februar feiert "Klein Zaches - Operation Zinnober" von Péter Kárpáti nach E.T.A. Hoffmann in der Regie von Victor Bodo Premiere am Volkstheater. Autor Péter Kárpáti im Gespräch mit Heike Müller-Merten über die Entstehung seines Textes, unsere heutige "Hysteriokratie" und seine eigenen Arbeiten in Ungarn.

Heike Müller-Merten: Deine letzten Bühnenbearbeitungen nahmen jeweils fantastische, groteske bis surreale Stoffe zum Gegenstand. In Ich, das Ungeziefer nach Kafkas Verwandlung (2015) kulminiert die Selbstentfremdung des Helden in der Veränderung seiner äußeren Erscheinungsform. Bei Gogols Nase (2016) macht sich ein Körperteil selbständig und sorgt für Verwirrung, und in Klein Zaches huldigt ein Land einem körperlichen und geistigen Zwerg. Hast Du eine Affinität zu dieser Art von Literatur?

Péter Kárpáti In den letzteren Jahren habe ich mehrere Theaterstücke geschrieben, die Victor Bodo bei mir in Auftrag gegeben hat. Die Stoffe, die der Adaption als Grundlage dienten, haben immer Victor Bodo und seine Dramaturgin Anna Veress mit den jeweiligen Gasttheatern ausgewählt, in der Annahme, dass diese meinem Geschmack und Temperament entsprechen und mich inspirieren würden – damit hoffentlich ein gutes Theaterstück entsteht. Und fast immer lagen sie damit richtig. Im Hinblick auf die Bearbeitung haben sie mir aber volle Freiheit gegeben. Das Stück Ich, das Ungeziefer, geschrieben für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg, ist eine wahre Freuden-Arbeit für mich gewesen. Wie auch Klein Zaches; ich habe das Schreiben des Textes sehr genossen. Hoffmann ist für mich einer der wichtigsten und liebsten Autoren meines Lebens. Im Alter von 24, also vor 30 Jahren, habe ich schon einmal ein Theaterstück auf der Grundlage von Klein Zaches geschrieben. Das war mein erstes aufgeführtes Stück. Es ist nicht schlecht geworden, aber ich habe keinen Satz davon in diese jetzige Version übernommen. Die Welt um uns herum hat sich seitdem so sehr verändert, und ich habe mich auch verändert. Diese neue Version ist viel böser, provokativer, und stellt eine viel düsterere Welt dar.

Also entzündete sich Dein Interesse, den Stoff zu bearbeiten, eher an der Politsatire und weniger an den fantastischen und zauberischen Momenten …

Die Ironie und der sarkastische Humor des Textes haben mich am meisten inspiriert.

Wie siehst Du das „Prinzip“ Klein Zaches aus heutiger Perspektive?

In dieser Hinsicht ist der Originaltext von Hoffmann keine Minute älter geworden. Es scheint, dass sich
der Zauber mit der Zeit nicht verbraucht. Unsere Welt ist voll mit Zinnobers, mit arrivierten, schnoddrigen
Niemanden. Und der Zauber, durch den sie ihre Bewunderer berauschen, sind die Medien und die
Korruption.

Der Poet Balthasar ist bei Hoffmann die Identifikationsfigur. Nur er lässt sich nicht vom Blender Zaches korrumpieren und vermag daher, den staatlichen Irrsinn in seiner Totalität zu erfassen. Bleibt sein Blick unverstellt, weil die Liebe zu einer Frau und die Verbindung zur Kunst ihn immunisieren?

In diesem Punkt ist mein Stück böser noch als das Original von Hoffmann, und weniger märchenhaft. Nur im Märchen kann man sich vorstellen, dass der Held quasi unberührt durch die ihn umgebende schmutzige Welt schwebt. Mich hat der wirkliche, reale Mensch viel mehr interessiert, der erst allmählich und um den Preis von Qualen und Enttäuschungen lernt, selbständig zu sehen und zu denken, anstatt sich den wohlfeilen und im Trend liegenden Vorstellungen und Fehlurteilen anzuschließen.

Der preußische Kammergerichtsrat Hoffmann bedient sich der Parabel, um seine gesellschaftspolitischen Positionen zu verschlüsseln. Inwieweit ist die Satire auf heutige Verhältnisse anwendbar?

Wie es für mich 1985 in der ersten Bühnenversion ganz selbstverständlich war, mit Klein Zaches eine Karikatur der späten Kadar-Ära zu skizzieren, so hat mich der Stoff in dieser heutigen, total geisteskranken Welt inspiriert, auf groteske Weise das widerzuspiegeln, was wir zu Hause das „Orbán-System“ nennen, das aber inzwischen weltumfassend als „Trump-Ära“ bezeichnet werden könnte. Ich denke, dass ich mich als Autor weniger werktreu gegenüber Hoffmann erwiesen hätte, wenn ich ganz formal die alten historischen politischen und gesellschaftlichen Bezüge erhalten hätte. Das Märchen von Klein Zaches war ja damals, vor mehr als anderthalb Jahrhunderten, genauso eine Parodie der Gegenwart, wie unsere jetzige Version im Volkstheater.

Kunst ist Widerstand – geht das im Medienzeitalter überhaupt?

Eine unvoreingenommene Analyse der Wirklichkeit ist in diesem extrem manipulativen, virtuellen Mediendschungel freilich schwer vorzunehmen. Trotzdem ist dieser Ansatz aus meiner Sicht der einzig mögliche Weg, um das zu schaffen, was man Kunst nennen kann. Widerstand beginnt damit, dass man seine eigene geistige Faulheit besiegt und den vor allem auf materiellen Versuchungen basierenden Verführungen widersteht.

Wo siehst Du in Deinem Land Widerstandpotential? Vor 30 Jahren war es die Solidarność -Bewegung in Polen, die den Umbruch im Land herbeiführte. In der DDR waren es die oppositionellen Bürgerrechtler und die Ausreisewilligen, die in Scharen das Land verließen. In Ungarn waren es die bürgerlich-demokratischen Kräfte. Und heute?

Wir leben in einer Hysteriokratie. Wir haben dauernd Panik, sehen Schreckgespenster, wir zerren an der Sturmglocke, aber tief in unserem Herzen können wir uns gar nicht vorstellen, dass das Übel wirklich kommen kann – ein Krieg oder Ähnliches. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es uns gut geht, wir haben keine Fantasie für das Böse, für das Abseitige. Wir betrachten die Dinge nicht aus der richtigen Perspektive. Dann geschieht, völlig unerwartet, etwas … In Ungarn z.B. hat sich die liberale Intelligenz im Bewusstsein, dass unsere Opposition nichts taugt, darauf eingerichtet, für die nächsten Jahrzehnte in einer faschistoiden Autokratie leben zu müssen. Aber plötzlich, erst letzte Woche, sind einige mutige junge Leute aufgetaucht und haben eine Volksabstimmung initiiert gegen die Olympischen Spiele 2024 in Budapest, Orbáns Prestigeprojekt. Sie sind in das öffentliche Bewusstsein geplatzt, wurden mit einem Schlag bekannt, und schon zeigen sich die Umrisse einer zukünftigen dynamischen oppositionellen Partei. Die Machthaber kriegen Panik, und wir haben das Gefühl: Der Himmel ist heiter, wir können wieder etwas Sauerstoff einatmen. Das geschah in einigen Tagen, wie aus dem Nichts. Wer weiß, ob das wirklich weitergeht … Generell, es gibt in der Welt einen dauernden Wechsel, einen Ausgleich der Kräfte. Nach Obama kommt Trump … Und Letzterer wird vielleicht durch seine Politik dafür sorgen, dass wieder eine kraftvolle, intelligente Opposition entsteht. (lacht) Ich bin kein Optimist, aber ich verabscheue Pessimisten.

Das Märchen Klein Zaches zeigt, dass E.T.A. Hoffmann die Ambivalenz erkannte, die der Aufklärung und der „absoluten Vernunft“ innewohnt. Siehst Du das Projekt Aufklärung aus der Perspektive von heute gescheitert?

Die Aufklärung ist ein geniales Projekt, ein weltumspannendes, gigantisches Meisterwerk der europäischen Intelligenz. Dessen ungeachtet wurde es von Vielen aus unterschiedlichen Gründen und auf verschiedene Weise missbraucht – genauer gesagt, nicht die Aufklärung, sondern ihre versimpelten, zu Floskeln degradierten Gedanken. Die Aufklärung ist, wie jedes andere große Werk, komplex und widersprüchlich. Das spornt die beruflichen Optimisten bzw. Pessimisten dazu an, die der Aufklärung innewohnenden Widersprüche mittels Lügen oder Demagogie zu vereinfachen oder gar aufzulösen, koste es was es wolle.

Witzige groteske, burleske und schauerliche Einfälle machen das Werk von E.T.A. Hoffmann aus. Vergangenheit und Gegenwart, Historie und Fiktion, Wirklichkeit und Möglichkeit durchdringen einander. Meisterlich beherrscht der Autor das Mittel des multiperspektivischen Erzählens. Victor Bodo ist ein Regisseur, der auf Theaterebene mit solchen Mitteln umzugehen weiß, sie selber produziert. Beeinflusst die Spezifik von Bodos Theatersprache Dein Schreiben? Oder bist du in Deinem Stück formal Hoffmann gefolgt?

Die Theatersprache Bodos war eindeutig maßgebend. Beim Stückeschreiben ist ja das spannendste, dass es nicht nur um die Literatursprache geht, sondern man die Persönlichkeit des Regisseurs, seine Interessen, die Schauspieler, das Theatergebäude, sogar die Farbe des Foyers und unzählige andere Bezugsgrößen als Inspirationsquellen einbeziehen kann. Wenn aber diese vielen Bedingtheiten zur Verpflichtung werden, ist es unmöglich, ein gutes Stück zu schreiben. In meinen Arbeiten mit Victor erlebe ich die Vielfalt der Bezüge zum Glück eher befreiend, ich denke vor allem deswegen, weil wir ganz verschieden sind. Ich mache sonst gewöhnlich eine ganz andere Art von Theater und deswegen ist die Arbeit mit Victor ein richtiges Abenteuer, ein Survival-Trip in absurde Landschaften.

Du hast drei der wesentlichen Theaterberufe ausgeübt, bist Autor, Dramaturg und Regisseur. Was hat Dich veranlasst, vom Dramaturgen- bzw. Autorenschreibtisch auf den Regiesessel zu wechseln?

Ich habe vor acht Jahren angefangen, selbständig Theater zu machen, vor allem, weil ich eine Fähigkeit an mir bemerkt habe, die leider nicht alle Regisseure besitzen. Und zwar, dass ich imstande bin, andere Personen, auch wenn es mehrere sind, wirklich wahrzunehmen. Dass ich unter ihnen vermitteln und die vielen Ideen und Gedanken unbemerkt in eine Richtung leiten kann.

Du inszenierst nicht an Stadttheatern. Mit welchen Theaterformen experimentierst du?

Die Zuschauer sind sehr nahe, fast im selben Raum mit den Schauspielern, aber es gibt zwischen ihnen meistens keine Interaktion. Wir gehen immer von einem Problem, einer Fragestellung, aus und beginnen die Arbeit mit vollkommener Offenheit: es gibt keinen Premierenzwang, keinen Formzwang; die Geschichte, die Art des ästhetischen Ausdrucks, der Raum und alles andere gestaltet sich durch ein gemeinsames Suchen. Ich liebe es leidenschaftlich, mich in eine Arbeit so hineinzustürzen, dass ich keine Ahnung vom Ausgang habe. Dazu braucht man freilich eine mutige, hingebungsvolle und bescheidene Gruppe – je weniger Geld in einem Projekt steckt, umso grösser ist die Freiheit. Was ich mit meiner Secret Company mache ist im Vergleich zu Victors Theaterarbeit ein kleines, intimes, fast nur durch ein Mikroskop sichtbares Theater. Sichtbar wird es aber in dem Sinne, dass wir ziemlich viel spielen, vor allem auch im „Trafó“, einem international anerkannten Budapester Theaterhaus für freie Produktionen. Wir waren zu mehreren Festivals eingeladen, u.a. in Paris, Berlin, Kopenhagen.

Hättest Du Lust, Klein Zaches – Operation Zinnober an einer Bühne selber zu inszenieren?

Dieses Stück habe ich für Victor geschrieben, die Idee ist mir gar nicht gekommen, es selber zu inszenieren. Es gibt schon Regisseure in Budapest, die sich für das Stück interessieren, wie auch für die anderen Stücke, die ich für Victor schrieb. Früher oder später wird man sie sicher aufführen. Nur hat Victor die Latte ziemlich hoch gelegt, sie werden es nicht leicht haben.
Aus dem Ungarischen übersetzt von Anna Veress