Menü
 

Auf Dauer ist es langweilig, die Welt immer nur durch die eigenen Augen zu sehen – deshalb bittet das Junge Volkstheater Theaterbersucher/innen jeden Alters um Texte zu den Stücken am Volkstheater. Rezensionen also, in denen nicht (behauptete) Professionalität zählt, sondern nur Auge, Ohren und Gedanken des/der Schreibenden. Sarah Pritchard-Smith macht sich dieses Mal Gedanken über "Niemandsland".

„Ich versichere dir, wir kriegen deinen Abdullah raus aus Beirut.“

„Osama aus Ramallah!“

„Ja, genau, wir kriegen ihn raus aus Ramallah“.

Ist doch alles dasselbe, oder? Ausgehend von der wahren Geschichte von Jasmin, einer Israelin und Osama, einem Palästinenser, die versuchen, einen Ort zu finden, an dem sie zusammen leben können und die sich in Niemandsland selbst spielen, inszeniert Yael Ronen ein Stück über Krieg, Traumata, Vergewaltigung und die Menschen, deren Leben dadurch bestimmt wird.

So zum Beispiel Azra (Birgit Stöger), eine Bosnierin, die während des Jugoslawienkriegs von serbischen Soldaten vergewaltigt wurde. Ihre Tochter Lejla (Seyneb Saleh) ist inzwischen Studentin und will als politische Aktivistin nach Palästina gehen – was Azra zutiefst schockiert, denn wer würde schon freiwillig in den Krieg gehen? Lejla bittet ihren Uni-Professor Jörg (Knut Berger), der sich – zumindest theoretisch – mit Traumata auskennt, während ihrer Abwesenheit auf ihre Mutter aufzupassen.

Lejlas bester Freund Miloš (Sebastian Klein) ist Schauspieler und dreht Filme, in denen er sich zum Beispiel als ehemaliger serbischer Soldat ausgibt, der von den Kriegsverbrechen, die er begangen hat, erzählt. Das löst bei Lejlas Freund, dem traumatisierten Kriegsreporter Fabian (Jan Thümer), Wut aus. Er weiß nämlich nur zu gut, dass es echte Menschen sind, die Miloš so leichtfertig verkörpert. Damit kritisiert das Theater also quasi sich selbst, das ja auch nur fremde Schicksale „stiehlt“ und so tut als ob, obwohl die Schauspieler/innen gar nicht wissen können, wie es sich anfühlt, zum Beispiel im Krieg gewesen zu sein.

Inzwischen sehen wir den Anwalt Lukas Nachmann (Julius Feldmeier) bei einer Preisverleihung in Paris einen Orden im Namen seiner Klientin Amina entgegennehmen, einer „lesbischen, syrischen Bloggerin“ die aus Aleppo berichtet und die in den Medien als Heldin dargestellt wird. Amina selbst sei nämlich vor einigen Wochen verschwunden, ob sie entführt, gefangen genommen oder tot ist, sei unbekannt, erklärt ihr Anwalt ernst.

Jörg ist an der Universität Experte für Trauma und Azra gegenüber doch hilflos. Fabian lebt vom Krieg. Lukas Nachmann wird dadurch berühmt, dass er viel redet und schlussendlich wenig macht. Miloš Karriere besteht darin, fremde Geschichten als seine eigenen auszugeben.

Das ist die versteckte Kernfrage von Niemandsland: Ist es gerecht, dass Menschen vom Leid anderer profitieren? Dass man Preise gewinnt und Geld verdient, wenn man über Dinge, die man selbst nie erlebt hat und Länder, in denen man nie war berichtet, daraus Kunst macht, Arbeiten schreibt, Vorträge hält? Darf man davon leben, dass man über das Schicksal anderer Menschen erzählt, ohne ihnen selbst zu helfen?

Yael Ronen und die Schauspieler/innen fällen kein Urteil und stellen erst einmal einfach die Situation dar.

Niemandsland ist ein sehr berührendes Stück, das ernste Themen, über die man vielleicht eigentlich nicht so gerne spricht, behandelt, und trotzdem Humor hat. Yael Ronen hat es, genau wie Lost and Found und Hakoah Wien gemeinsam mit den Schauspieler/innen entwickelt. Jedes Ensemblemitglied (ausgenommen Jasmin Avissar und Osama Zatar, die das ja nicht mehr tun mussten) hat sich die jeweilige Rolle selbst ausgedacht und entwickelt. Die Figuren sind sehr glaubwürdig gespielt und machen, gemeinsam mit dem klug gesponnen Handlungsnetz, diesen Theaterabend unvergesslich.

Sarah Pritchard-Smith (15) ist eine der 15 Kinder und Jugendlichen, die in Ausblick nach oben auf der Bühne des Volx/Margareten stehen und schreibt hier in unregelmäßigen Abständen über Stücke am Volkstheater. Im Moment probt sie für Medea – sie wird dort alternierend mit Luana Otto die junge Medea darstellen.

Das Format Sichtweisen erscheint in unregelmäßigen Abständen. Wenn Du auch mitmachen willst, wende dich an das Junge Volkstheater unter junges@volkstheater.at.