Menü
 

Heike Müller-Merten sprach während der Proben mit Volkstheater-Ensemblemitglied Gábor Biedermann über seine Rolle als Jason in Franz Grillparzers „Medea“, das am 20. November in der Regie von Anna Badora Premiere feiern wird.

Heike Müller-Merten: Der Name Medea steht für die Muttermörderin, die zugleich tragische Heldin ist. Jasons Name  weckt auch Assoziationen: ihm haftet das Stigma des Verräters an. Und obwohl auch er alles verliert, Heimat, Kinder und seine Identität, wird ihm keine Empathie zuteil. Wie findest du den Zugang zu Jason?

Gábor Biedermann: Es ist das Stichwort „Empathie“, das mich reizt. Ob es nicht doch auf irgendeine Art und Weise möglich ist, beim Zuschauer Empathie zu erzeugen mit dieser Rolle. Denn die bloße Reduktion auf einen Verräter finde ich sehr vereinfachend. Die Frage ist: Was bewegt Jason? Als Einheimischer, aber selbst Asylsuchender steht er vor einer völlig neuen Situation hier an dieser für ihn letzten Station in Korinth. Das ist ein riesiger Brocken, den er stemmen muss, um seine Familie zu integrieren – was ihm ja, wie wir wissen, nicht gelingt. Dazu kommt sein Gewissenskonflikt angesichts der Befürchtung, dass König Kreon von Korinth nicht einwilligen könnte, auch der Ehefrau Medea Asyl zu gewähren.

Auf den Proben versuchst du, diesen Konflikt zu vergrößern, ihn sichtbar zu machen.

Bei der Arbeit an dem Stoff und an der Rolle mit Anna Badora haben wir entdeckt, dass da sehr viel zu holen ist. Es geht nicht darum, Jason nur als Opportunisten abzuqualifizieren, der sich der Bequemlichkeit halber dafür entscheidet, eine andere Frau zu nehmen. Viel eher gilt es zu zeigen, zwischen welchen Polen er hin und hergerissen ist. Das sind ja riesige Kräfte, die an ihm zerren.

Was sind das für Kräfte?

Das eine ist die Verantwortung für die Familie, der er sich bewusst ist. Er legt sich wahnsinnig ins Zeug, die Frau und die gemeinsamen Kinder dort bei Kreon unterzubringen. Auf der anderen Seite macht ihm die griechische Gesellschaft klar, dass diese Frau aus dem fremden Land in Korinth unerwünscht ist, wie sie auch an anderen Stationen in Griechenland schon unerwünscht war.

Und dann erreicht ihn die Nachricht eines Abgeordneten aus dem Ältestenrat der Stämme, der Medea als Mörderin verurteilt.

Ja, erst eilt ihr dieser Ruf als Behauptung voraus – da versucht er noch, Kreon zu überzeugen, dass dem nicht so ist. Aber mit diesem Schuldspruch, der Medea zur Kriminellen stempelt, bleiben Jason nicht mehr viele Möglichkeiten, sich zu entscheiden. Es wird entschieden. Man möchte sich andere Ausgänge des Stückes ausmalen: Was wäre beispielsweise, wenn Jason und Medea gemeinsam davonzögen? Nur gibt es halt kein „Wohin“.

Aber kommt nicht auch bei Jason der Alltagsrassismus gegenüber der Fremden zum Tragen, wie er z.B. in ihrer Abwesenheit über sie spricht.

Ich denke nicht, dass Jasons Sprache eine abwertende Grundhaltung Medea gegenüber zum Ausdruck bringt, sondern vielmehr die Not zeigt, mit der er sich für sie einsetzt. Um seinem Ziel der Integration näher zu kommen, muss er sich auf möglichst direktem Wege bei Kreon und Kreusa verständlich machen – will er doch als einer von Ihnen gesehen und verstanden werden. Und Medea gegenüber hat er es nicht nötig, sich in seiner Ausdrucksweise zu verstellen. In diesem Stadium muss Medea sich ohnehin ihrer Andersartigkeit bewusst werden und der Tatsache, welchen Preis eine gemeinsame Zukunft in Korinth angesichts ihrer Fremdheit hat.

Am Anfang seiner Bekanntschaft mit Medea wirbt Jason mit dem Platonschen Gleichnis vom Kugelmenschen um ihre Gunst, das von der totalen Verschmelzung zweier Menschen zu einer idealen Einheit erzählt. Entspricht das der ehrlichen Überzeugung von Jason, dass so eine ideale Verbindung mit Medea möglich wäre – oder ist das die Werbestrategie des Frauenkenners?

Wahrscheinlich beides. (lacht) Ich gehe davon aus, dass das eine Geschichte ist, die man sich in seiner Heimat erzählt, ein Glaube, der tatsächlich existiert. Er kann ihn allerdings auch ganz gut einsetzen. In jedem Falle löst Medea in ihm Faszination aus, Bewunderung und Liebe. Er sieht etwas, was er bis dato nicht kannte, eine Frau, wie er sie vorher nicht kannte, und fühlt sich zu ihr hingezogen. Und er ist bereit sehr viel zu tun, sehr viel zu kämpfen für sie.

Also ist sie nicht nur Mittel zum Zweck, um das goldene Vlies zu erbeuten?

Ich wüsste nicht, warum er sie ansonsten mitnimmt. Er könnte sie ja genauso gut, nachdem er das Vlies mit ihrer Hilfe zurückerobert hat, zurücklassen oder von sich weisen, zur Not in die Meereswogen werfen, wenn sie ihm zu unheimlich würde als Zauberin, die sie ja auch ist. Er begegnete ihr schon das erste Mal in der Ahnung, das könnte etwas Gefährliches sein. Durch die Liebe aber, von der ich überzeugt bin, dass sie entsteht, entschließt er sich, diese Frau mitzunehmen und mit ihr zu leben. Und in der Folge haben sie ja auch Kinder.

Aber die Liebe verhindert nicht die Katastrophe. Das Männerbild, das Grillparzer in den Jason einschreibt, ist vielleicht auch eine der Kräfte, die an ihm reißen, wie du es am Anfang beschrieben hast. Jason hat eine bestimmte Vorstellung davon, wer er zu sein hat. Er hat Erwartungen an das, was ihm das goldene Vlies bringen soll.

Er ist auf jeden Fall jemand, der sich viel zutraut und auch zumutet, vielleicht zu viel. Er ist Idealist, Kämpfer, das, was man unter dem Begriff „Held“ zusammenfasst. Eine sehr starke Persönlichkeit als Mann.

Ein Held hat Sehnsucht nach Außergewöhnlichem …

Er kommt aus einem höheren Hause und will seinen Status zurückerobern. Von ihm wird erwartet, dass er das Vlies zurückbringt. Und er hat keinen Zweifel daran, dass ihm das gelingt. Aber er übernimmt sich und kann die Folgen nicht tragen.

Er ist in gewisser Weise auch das Produkt seiner Väter. Zu sagen, „das Mindeste, was ich erreichen muss, ist ein Held zu sein“, ist eine Bürde. Was ist das für eine Welt, in der die Männer das Vlies brauchen?

Brauchen das nur die Männer?

Bei Grillparzer ja.

Das Vlies gibt es heute in verschiedenen Formen. Und es sind tatsächlich vor allem männlich geprägte Gesellschaften, in denen die Jagd nach gewissen symbolbeladenen Prestigeobjekten eine Rolle spielt.

Auch Frauen können heute Träger dieser patriarchalischen Strukturen sein. Bei Grillparzer ist Medea allerdings diejenige, die das Unheilvolle, Zerstörerische am Vlies erkennt und es mit gutem Grund wegtun will.

Jason hat nicht wirklich eine Wahl. Will er als jemand gelten in dieser Welt, was ja von ihm erwartet wird, dann muss er diesem Vlies hinterherjagen.

Das kann ein Fluch sein. Daran kann ein Mensch zerbrechen.

Ich habe gerade neulich eine Graphik gesehen, in der die von der Gesellschaft an junge Frauen gestellten Erwartungen und die eigenen Erwartungen an sich selbst einander gegenübergestellt wurden. Und es war auffällig, dass die eigenen Ansprüche an sich wesentlich höher ausfielen, auf sämtlichen Gebieten, ob es jetzt soziale Anerkennung, den finanziellen Status, die Beliebtheit bei Freunden oder andere Dinge betraf. Und ich denke, dass das auch für viele junge Männer gilt. Das ist ein Hauptproblem unserer heutigen Zeit. Dieses Sich-Übernehmen, wovon wir bei Jason sprachen, ist ein Phänomen, das ich relativ gut nachvollziehen kann.

Dann spiegelt sich in der Figur des Jason nicht das Drama des erfolgsorientierten modernen Mannes, sondern ein Problem des modernen Menschen?

Ja! Einer, der in seinem Beruf nach Erfolg strebt aber nicht nur auf seinen Beruf fokussiert ist, der seiner Frau ein Partner und dann noch ein guter Familienvater ist, der sich für alles Zeit nehmen kann … Also das wäre so eine grobe Skizze für das kursierende Idealbild des modernen Mannes, wie ich es erlebe als Mann. (lacht) Allerdings denke ich, dass Frauen vor das gleiche Dilemma gestellt werden und einfach einen wahnsinnigen Druck haben, auf allen Gebieten gut zu sein. Und auf jedem Gebiet, sei es im Beruflichen, im Privaten, Partnerschaftlichen, aber auch im Familiären-Mütterlichen, gibt es den Anspruch, „toll zu sein“.

Du bist ja beinahe ein Rolemodel für den Mann von heute: Kreativer Beruf, Verantwortung für zwei Kinder, deine Frau ist selber Künstlerin …

Ich möchte nichts in meinem Leben missen. Natürlich überlegt man manchmal, wie der Alltag aussähe, wenn man nur für sich selbst verantwortlich wäre, mehr Zeit und Muße hätte, für die Arbeit beispielsweise … Wäre man erfolgreicher im Beruf? Man hätte mehr Zeit, aber ob man deswegen effektiver wäre? Ich weiß auch nicht, ob man genügend Futter hätte, womit man seine Rollen anreichern kann. Ich stelle es mir jedenfalls langweiliger vor. Deswegen bin ich froh, mit Mitte/Ende Dreißig sowohl einen Beruf auszuüben, den ich sehr mag, als auch eine Familie zu haben, in einer Partnerschaft zu leben, zu sehen, wie die Kinder heranwachsen, sie zu begleiten, mir für sie Zeit zu nehmen, soweit es mein beruflicher Alltag zulässt. Ob das jetzt „modern“ ist oder nicht, weiß ich nicht, aber so sieht zumindest mein Leben aus.

Stefanie Reinsperger spielt die Medea in Badoras Inszenierung am Volkstheater. Wie ist die Arbeit mit dieser Schauspielerin?

Toll. Ich bin froh, eine starke Partnerin zu haben in dieser komplexen und kraftvollen Rolle der Medea. So eine Szene, wie jene, in der Medea Jason an sein Versprechen erinnert, kann halt auch nur in dieser Form stattfinden und sich auch nach der Premiere noch über die Vorstellungen hinweg entwickeln, wenn man jemanden hat, der eine große Kraft und auch Tiefe hat. Und so eine große Fantasie zu der Rolle. Es ist eine ziemlich intensive Begegnung.