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Wie hat die Liebe dein Leben verändert? Was macht die Liebe mit uns? Auf diese Frage des Jungen Volkstheaters meldeten sich zahlreiche junge Autor/innen und schickten Briefe, Texte, Gedichte zu dem Thema, das jede/n angeht: Liebe. Eine Auswahl der Texte wird nun auch im Volkstheater-Magazin veröffentlich. Den Anfang macht eine Liebesgeschichte von Fanny Kölbl.

Darsteller/innen:

Magdalena: 15 1/2 Jahre; spielt in der Schulinszenierung die Julia
Jonathan: 17 Jahre; spielt in der Schulinszenierung den Romeo
Chloe: 16 Jahre; koordiniert die Inszenierung
Noah: 16 Jahre; Jonathans bester Freund
Mrs Linnea: jene Lehrerin, die den Theaterclub an der Schule leitet

Es war ein ruhiger Maiabend. Vor den Fenstern zwitscherten die Vögel im Licht der rot glühenden, eben untergehenden Sonne. Rosa und gelbe Tulpen reckten ihre Köpfe den letzten Sonnenstrahlen entgegen. Das Schulgebäude lag still und verlassen inmitten des gepflegten Schulgartens. Um diese Uhrzeit hielt sich normalerweise kein Schüler mehr auf dem Gelände auf. Aber nicht so heute. In dem großen Mehrzwecksaal des Gymnasiums mit der geräumigen Bühne fand eben die Premiere des seit Monaten einstudierten Theaterstücks Romeo und Julia statt. Mrs Linnea hatte genaue Vorstellungen von der Inszenierung gehabt: Sie sollte nur gering vom Originaltext Shakespeare’s abweichen.

In diesem Augenblick endete die vorletzte Szene und es wurde schwarz auf der Bühne. Applaus folgte. Das Ende des Stücks nahte. Magdalena kribbelte es in den Fingerspitzen. Jetzt kam der Moment, da sie sterben musste. Natürlich nicht wirklich, doch Romeo sollte das von ihr denken und sich anschließend aus Verzweiflung das Leben nehmen. Es war tragisch. Und das alles würde bloß passieren, weil das Gift, das sie genommen hatte, zu lange wirkte und sie zu spät erwachte … „Jetzt! Auf die Bühne mit dir!“, zischte da Chloe ihrer Klassenkameradin zu und strich sich nervös die langen blonden Haare aus dem Gesicht. Chloe hatte bei Romeo und Julia zwar keine eigene Rolle übernommen, aber sie koordinierte die Inszenierung. Deshalb hatte sie nun den ultimativen Stress. Fragend blickte sie in den Zuschauerraum zu Mrs Linnea. Diese nickte Chloe wohlwollend und zufrieden zu. Bis jetzt war alles so verlaufen, wie es sich die Lehrerin vorgestellt hatte. Erleichtert atmete die Blonde leise auf und entdeckte in diesem Moment Noah, der in einer der hintersten Reihen saß und gebannt auf die immer noch schwarze Bühne starrte. Sofort verspannte sie sich wieder. „Konzentrier dich!“, sagte sie zu sich selbst und richtete ihre ganze Aufmerksamkeit wieder auf Magdalena, die sich in der Mitte der Bühne auf den Boden legte und wieder in die Rolle der Julia schlüpfte.

Da lag sie nun. Sie spürte, wie es vor ihren geschlossenen Augen heller wurde, als die Scheinwerfer eingeschaltet wurden. Wie vorgeschrieben, versuchte sie so flach wie möglich zu atmen und bewegte sich kein Stück. Magdalena konnte förmlich spüren, wie Mrs Linnea zufrieden lächelte. Jeden Moment würde ihr Romeo die Bühne betreten, erschrocken aufschreien und sich neben ihren scheinbar leblosen Körper knien. Und es dauerte auch nicht lange, bis Jonathan – ausgerechnet er – sich niederließ und seinen Text fehlerfrei vortrug. Aber sie konnte sich nicht wirklich auf seine Worte konzentrieren. Sie war viel zu aufgewühlt, weil sie seinen Geruch, nicht zum ersten Mal an diesem Abend, einatmete. Eigentlich wollte sie es ja gar nicht, aber dann holte sie doch etwas tiefer Luft und sog den Geruch in sich ein. Dabei machte sie ein leises Geräusch und Jonathan stockte für einen kurzen – sehr kurzen – Moment, fuhr danach aber fort im Text. Die Bestimmtheit und Selbstsicherheit jedoch war aus seiner Stimme verschwunden. „Oh, Julia, so liegst du hier. So schön wie eine Blüte im Erstrahlen des Frühlings. So sanft wie der Hauch einer warmen Sommerbrise …“, Jonathan hauchte die Wörter und über Magdalenas Körper kroch eine Gänsehaut. Das lange weiße Kleid, das sie trug, fühlte sich auf einmal so leicht wie eine Feder an und ihre Augen flatterten. „Julia! So sag mir, das du mich noch ein letztes Mal mit deinen strahlenden Augen fangen wirst, dass ich noch einmal die Süße deiner Lippen schmecken darf …“, er strich sachte mit der Hand über ihre Haare, fuhr an ihrer Wange hinunter und berührte ihren Mund, als würde er sich an etwas längst Vergangenes, etwas fast Vergessenes erinnern.

Und dann sagte er etwas, das nicht im Skript stand. Magdalena wusste das, weil sie innerhalb der letzten Monate die Rolle des Romeo durch das ständige Hören ebenfalls auswendig gelernt hatte. Außerdem änderte Jonathan jetzt seine Stimmlage und es klang viel intimer, als all die schönen Worte, die er vorhin aus seinem Gedächtnis abgelesen hatte. „Ich hätte in der Zeit, die uns geschenkt war, einen Weg finden sollen – wie unmöglich es auch schien –, um dir meine tiefsten und ehrlichsten Gefühle zu offenbaren …“, Jonathans Stimme klang jetzt rau und unglaublich verletzlich. So hatte Magdalena ihn erst ein einziges Mal erlebt … Das war vor einem Jahr gewesen, an Chloes fünfzehntem Geburtstag. Magdalena konnte den Gedanken nicht zu Ende denken. Stattdessen tat sie etwas, das alle überraschte, am allermeisten sie selbst. Sie schlug die Augen auf.

Das Mädchen blinzelte in das grelle Licht, das sie plötzlich blendete. Jonathan starrte sie überrascht an. Nein, er konnte nicht mehr den vorbereiten Text vortragen. Vielleicht sollte er aber einfach dort weitermachen, wo er aufgehört hatte. „Romeo“, flüsterte Magdalena zärtlich, um die elektrisch geladene Stimmung etwas aufzulockern. Es gelang ihr nicht. Wenn überhaupt, dann sprühten die Funken nur noch mehr als vorher. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll –“, brachte Jonathan schließlich hervor. Chloe beobachtete die beiden vom Bühnenrand aus. Ihre Kinnlade war hinunter geklappt und sie umklammerte krampfhaft ihr Brett, auf dem der Ablauf genauestens beschrieben stand. Ihre Knöchel traten unter ihrer Haut hervor. Ein kurzer Blick zu Mrs Linnea verriet ihr, dass die Lehrerin überhaupt nicht zufrieden war. Aber was konnte Chloe tun? Sie musste die beiden die Szene zu Ende spielen lassen …

„Du wolltest mir etwas erzählen“, hauchte Magdalena und setzte sich etwas benommen auf. Was tat sie hier eigentlich?! Sie hatte die ganze Romeo und Julia– Inszenierung verändert! Wieso hatte sie das getan?! Und wieso hatte Jonathan nicht einfach an seinem Text festgehalten? Jonathan saß neben Magdalena am Boden und blickte in ihre großen Augen. Sie glitzerten wunderschön und er musste sich konzentrieren um nicht in ihnen zu versinken. „Ich –“, setzte er an und bemerkte erst in diesem Moment, dass er noch immer seine Hand auf Magdalenas liegen hatte. „Mein Lachen wird jetzt wieder erklingen können, meine Augen werden funkeln, meine Welt wird heil in eine weiche, rosa Wolke gehüllt sein. Gut behütet von deiner Sanftheit und deiner Klugheit.“ Magdalena starrte ihn sprachlos an. Er hatte diese Zeilen eben erfunden, und doch klangen sie wie aus dem Stück geschnitten. Weil sie nichts erwiderte, beugte sich der Junge näher zu ihr und lächelte leicht: „Du bist zum Leben erwacht. Von nun an wird alles gut werden, egal was auf uns zukommt, wir werden gemeinsam durch die Schwierigkeiten tanzen, froh, uns zu haben und für immer zusammen zu sein.“ „Wir lernen im Regen zu tanzen“, flüsterte Magdalena.

Spielten sie noch ihre Rollen oder hatten sie die Hüllen abgeworfen und sprachen nicht länger aus dem Textbuch, sondern aus ihren Herzen? Magdalena lehnte sich an Jonathans Schulter und ließ eine Träne über ihre gerötete Wange laufen. „Weine nicht, meine Liebe. Auch wenn die Tränen es nicht vermögen, deine Schönheit zu verbergen, so schmerzen sie doch meiner Seele“, seine Worte waren so melodisch und klangen wie sanfte Musik in Magdalenas Ohren. Ihre Mundwinkel zuckten und sie tastete nach seiner Hand. Magdalena verschränkte ihre Finger in den seinen. Und dann hauchte sie ihm leise, so leise, dass nur er sie verstehen konnte, zu: „Na los, zeig mir, dass das jetzt kein Spiel mehr ist.“ Sie sah keck zu ihm und wünschte sich so sehr, dass er sie verstehen würde. Und das tat er.

Noah beobachtete das Theaterstück aus dem Zuschauerraum neugierig. Eigentlich hatte er bis vor wenigen Minuten nicht gewusst, was er hier sollte. Er hatte die Aufführung nur besucht, um seinem besten Freund Jonathan beizustehen. Aber dann hatte Magdalena die Inszenierung vollkommen auf den Kopf gestellt. Das gefiel ihm. Es war amüsant den Zweien zuzusehen, die sich bis jetzt nicht wirklich getraut hatten, offen von Liebe miteinander zu reden. Jetzt taten sie das, versteckt hinter den Rollen der Julia und des Romeo. Plötzlich nahm Jonathan Magdalenas Kopf in seine Hände und beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen. Noah lächelte und blickte in die Schwärze direkt neben der hell beleuchteten Bühne. Dort stand Chloe und wirkte irgendwie verloren. Nach der Aufführung würde sicher ein Tumult entstehen, in dem er sich zu ihr schleichen konnte. Er wollte sich über sie lustig machen, weil es nicht nach Plan gelaufen war und dieser Umstand Chloe sehr nervös machte. Darüber hinaus wollte er noch etwas anderes tun, schließlich hatte sein Freund an diesem Abend so viel Mut bewiesen. Dem wollte er nicht nachstehen.

Der schallende Applaus riss Magdalena aus ihrem Taumel. Aus dem berauschenden Gefühl des Kusses und aus Jonathans Armen. Im Publikum hatten sich die Menschen erhoben und klatschten laut Beifall. Sogar Mrs Linnea wirkte nicht mehr ganz so erbost über den Wandel des Stücks. Lächelnd zog Jonathan Magdalena hoch und ließ ihre Hand dabei nicht los. Das Stück war zu Ende. Magdalena blickte zu dem Jungen neben ihr und wusste, dass dieser Moment, dieses Gefühl, das sie eben empfunden hatte, nicht das Ende war. Das hier war erst der Anfang gewesen.

 

Fanny Kölbl ist 15 Jahre alt und nimmt derzeit am Spielclub „11 Freunde“ teil.